Die Türkei ist ein langjähriger Partner Deutschlands. Insbesondere die deutschen Anbieter von Kraftfahrzeugen und Bekleidung setzen auf die Zusammenarbeit mit ihren türkischen Zulieferern. Nun könnte eine Veränderung der Lieferketten das Land wieder stärker in den Fokus deutscher Unternehmen rücken.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Globale Handelsbeschränkungen auf grundlegende Güter wie Gesundheitsartikel, insbesondere in der Frühphase der Pandemie, haben gezeigt, wie wichtig es für die Länder ist, ihre Versorgung sicherzustellen und über einen Plan zur Minderung von Risiken zu verfügen, die eine Gefahr für ihre Versorgung mit grundlegenden Gütern wie Nahrungsmitteln und Gesundheitsprodukten darstellen.

Attraktiver Fertigungsstandort und Handelspartner

In der Pandemie haben die Länder erkannt, dass eine starke Abhängigkeit von in Asien hergestellten Produkten gewisse Risiken birgt. In diesem Zusammenhang hat sich die Türkei als geografisch nahegelegener und zuverlässiger Lieferpartner für viele Länder in der Region erwiesen. Dank ihrem leistungsfähigen Gesundheitssystem, ihrer jungen Bevölkerung sowie ihren qualifizierten Arbeitskräften konnte die Türkei mit ihren vielfältigen Fertigungskapazitäten in verschiedenen Branchen die Versorgungskette in der Region aufrechterhalten.

Als bedeutendes Industriezentrum vor den Toren Europas ist die Türkei zudem ein wichtiger Markt für deutsche und andere europäische Unternehmen. Die EU ist nach wie vor der wichtigste Handelspartner der Türkei, und trotz der Pandemie sind die deutschen Exporte in die Türkei in den ersten elf Monaten des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 9% auf 19,5 Mrd EUR gestiegen. Die türkischen Exporte nach Deutschland gingen im selben Zeitraum um 4,7% auf insgesamt 14 Mrd EUR zurück (Quelle: Statistisches Bundesamt).

Junge Bevölkerung bietet Marktchancen

Deutsche Unternehmen sind in der Türkei bereits sehr aktiv. In den vergangenen 30 Jahren beliefen sich die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in der Türkei auf knapp 13,5 Mrd USD; so gibt es bei über 7.250 türkischen Unternehmen eine deutsche Beteiligung. Es gibt verschiedene Gründe für diese Investitionen, z.B. die liberalisierte Wirtschaft, die sich an europäische Verordnungen und Handelsstandards hält. Hinzu kommen staatliche Anreize, insbesondere in den Branchen Technologie, Textilien, Dienstleistungen (Gesundheit, Bildung, öffentliche Verkehrsmittel), Telekommunikation, Schiffbau, Elektronik und Biotechnologie.

Ein weiterer Pluspunkt des türkischen Marktes ist die demografische Vitalität der 85 Millionen Einwohner, deren junge Mittelschicht über eine zunehmende Kaufkraft verfügt und eine starke Konsumneigung zeigt. Das geringe Durchschnittsalter und das Wachstum der Bevölkerung bedeuten auch eine hohe Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte zu relativ niedrigen Kosten. Die Türkei besitzt zudem eine strategisch bedeutende geografische Lage, die die Türkei zu einem regionalen Drehkreuz zwischen Europa, Asien und dem MENA-Wirtschaftsraum macht.

Die staatlichen Anreize für ausländische Investoren umfassen Steuervergünstigungen und -befreiungen für Fertigungsbetriebe, Beschäftigungs- und Bildungszuschüsse, F&E- und Innovationsanreize, Steuervergünstigungen für Exportdienstleistungen in den Bereichen Maschinenbau, Architektur, Design, Software, medizinisches Berichtswesen, Buchhaltung, Call-Center, Rechenzentren, Bildung und Gesundheitswesen. Außerdem gibt es exklusive Freihandelszonen sowie organisierte Industriegebiete.

In den Bereichen Textilien, Gesundheitswesen, Maschinenbau, medizinische Schutzausrüstung und sogar Telekommunikation sind bereits Tendenzen zur Beschaffung und Herstellung in der Türkei zu erkennen. Bedeutende asiatische Hersteller wie Samsung, Xiaomi, Oppo und Tecno Mobile teilten vor Kurzem mit, dass sie in Produktionsstätten in der Türkei investieren.

Partnerschaft auf Gegenseitigkeit

Im Gegenzug zeigen nun auch türkische Unternehmen ein wachsendes Interesse daran, ihre Geschäftstätigkeit in Deutschland auszubauen, um ihre Einnahmenbasis zu diversifizieren und in Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen beiderseits profitable Synergien zu schaffen. Die Zollunion und das starke logistische Netzwerk zwischen Europa und der Türkei sind maßgebliche Erfolgsfaktoren für eine solche Kooperation. Auch können geschäftliche Partnerschaften zwischen deutschen und türkischen Unternehmen den Weg zu erfolgreicheren gemeinsamen Projekten sowohl in der Region als auch in neuen Märkten wie Afrika ebnen, wo türkische Unternehmen bereits sehr aktiv sind. Türkische Unternehmen haben in Afrika südlich der Sahara bereits rund 6 Mrd USD investiert – Tendenz stark steigend.

Die KfW IPEX-Bank unterhält seit 2004 ein Außenbüro in der Türkei. Sie unterstützt aktiv deutsche und andere europäische Exporte in die Türkei durch Finanzierungen für unterschiedliche Branchen wie Energie, Grundstoffindustrie und Transport. Dabei erfolgt die Deckung zumeist über die deutsche Ausfuhrkreditagentur Euler Hermes. Euler Hermes gewährte im Jahr 2019 Finanzkreditbürgschaften für Projekte in der Türkei in Höhe von 1,1 Mrd EUR. Mit einem Portfolio von knapp 1 Mrd EUR in der Türkei steht die KfW IPEX-Bank auch weiterhin deutschen und anderen europäischen Investoren und Exporteuren mit geeigneten Finanzstrukturen unterstützend zur Seite, um das politische und wirtschaftliche Risiko zu mindern und attraktive langfristige Finanzierungslösungen anzubieten.

yasemin.kuytak@kfw.de

www.kfw-ipex-bank.de

 

Aktuelle Beiträge