Ausschlaggebend für die Entwicklung der Außenwirtschaft im Jahr 2020 war die weltweite Verbreitung des Coronavirus Covid-19. War zunächst nur China betroffen, breitete sich das Virus anschließend auch in die asiatischen Nachbarländer und Europa aus.

Die Außenwirtschaft trägt maßgeblich zur Wirtschaftsleistung Deutschlands bei. Automobil- und Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie setzen einen Großteil ihrer Produkte im Ausland ab und importieren von dort entlang ausgedehnter Lieferketten. Dabei erzielt Deutschland seit Jahren hohe Handelsüberschüsse und investiert die erzielten Erlöse als Kapitalexport wieder im Ausland.

Außenhandel geht zurück

Der deutsche Außenhandel erlebt im Jahr 2020 einen kräftigen Rückgang. In den ersten sieben Monaten sanken die Warenexporte um 13,1% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum, die Warenimporte gingen um 10,4% zurück. In der Handelsbilanz schlägt sich diese Entwicklung in einem Rückgang des Überschusses um 30 Mrd EUR nieder. Der deutsche Leistungsbilanzsaldo sank im gleichen Zeitraum nur um 16 Mrd Euro, da das Defizit in der Dienstleistungsbilanz deutlich abnahm.

Automobilindustrie stark betroffen

Die wichtigsten deutschen Exportgüter zeigten deutliche Einbußen. So gingen die Lieferungen von Maschinen, Apparaten und mechanischen Geräten um 14,0% zurück, sie hatten in den ersten sieben Monaten 2020 einen Exportanteil von 17,5%. Die Auslandsverkäufe von Zugmaschinen, Kraftwagen, Krafträdern und Fahrrädern (Anteil: 14,3%) sanken um 26,3% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Elektrische Maschinen, Bild- und Tonwiedergabegeräte kamen auf einen Anteil von 10,9% und verzeichneten einen Exportrückgang von 10,3%. Einen Zugewinn konnten die Exporte pharmazeutischer Erzeugnisse verbuchen, die 7,5% der Gesamtexporte stellten. Sie legten von Januar bis Juli 2020 um 9,1% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum zu. Ein ähnliches Bild zeigte sich auch auf der Importseite. Dort machte sich allerdings der Rückgang der Ölpreise in einem deutlich gesunkenen Import mineralischer Brennstoffe bemerkbar.

Außenwirtschaft hofft auf Normalisierung

Unter den wichtigsten Handelspartnern waren nach den EU-Staaten erneut die USA und China führend. Während die Verbringungen innerhalb der EU in den ersten sieben Monaten 2020 um 13,6% sanken, verringerten sich die Bezüge im innergemeinschaftlichen Verkehr um 12,8%. Der Warenaustausch mit Großbritannien entwickelte sich etwas ungleichgewichtiger. Die deutschen Exporte dorthin sanken um 21,7%, während die Importe lediglich um 5,3% abnahmen. Ähnlich sah es im Handel mit den USA aus: Die deutschen Exporte dorthin waren von Januar bis Juli 2020 um 16,4% niedriger als 2019. Dagegen sanken die deutschen Importe von dort nur um 5,6%. Günstiger entwickelte sich erneut der Handel mit China: Die deutsche Ausfuhr sank um lediglich 5,3%, die Einfuhr stieg sogar um 6,1%.

Ausschlaggebend für die Entwicklung des Außenhandels war die weltweite Verbreitung des Coronavirus Covid-19.War zunächst nur China betroffen, breitete sich das Virus anschließend auch in die asiatischen Nachbarländer und Europa aus. Dort waren vor allem Italien und Spanien zuerst am stärksten betroffen. Im weiteren Verlauf registrierten auch Frankreich und Großbritannien höhere Infektionszahlen. Später waren insbesondere die USA und Lateinamerika stärker betroffen. Inzwischen weisen die USA, Indien, Brasilien und Russland die höchsten Infektionszahlen auf. Die Hoffnungen der Exporteure, aber auch der Einkäufer und Investoren liegen nun auf einer Abschwächung der Pandemie. Dadurch könnte sich die Nachfrage erholen und auch die internationale Reisetätigkeit und Logistik wieder hochgefahren werden.

Politischer Einfluss wächst

Doch es gibt auch Stimmen, die eine Abkehr von der Globalisierung und der intensiven weltweiten Arbeitsteilung fordern. Das exportgetriebene Wachstum Deutschlands steht schon länger in der Kritik. Vor allem in Europa und den USA drängen die Handelspartner auf eine Stärkung der deutschen Binnennachfrage, um die hohen Fehlbeträge im bilateralen Handel zu verringern. Hinzu kommen politische Vorbehalte gegen Exporte sensibler Güter in bestimmte Länder. Sanktionen und Embargos betreffen inzwischen nicht allein den Nahen Osten und Osteuropa, auch China gerät zunehmend in den Fokus der US-Behörden. Deren Sekundärsanktionen sind auch für deutsche Unternehmen relevant.

Im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Menschenrechte werden auch Exporte an die Voraussetzung geknüpft, dass die exportierten Güter nicht zu einer Verletzung von Menschenrechten eingesetzt werden. Auf der Importseite werden verbindliche Sorgfaltspflichten diskutiert, die das importierende Unternehmen zur Einhaltung der Menschenrechte entlang seiner Lieferkette einhalten soll. Und es wird diskutiert, dass bestimmte Güter wieder im eigenen Land produziert werden sollen, um die Abhängigkeit von ausländischen Zulieferern zu verringern. Eine neue Qualität bekommt diese Diskussion durch die Forderungen in der EU nach einer Zerschlagung der dominierenden Internetkonzerne aus den USA und einer Abkehr von deren auf persönlichen Daten gestützten Geschäftsmodellen. Die EU würde damit einen ähnlichen Weg wie Russland und China gehen, die den Aufbau eigener Plattformen betrieben haben.

Auslandsinvestitionen gehen zurück

Erste Anzeichen für eine geringere Auslandsverflechtung deutscher Unternehmen sind sichtbar, sie könnten jedoch trügen. Zwar sind die Direktinvestitionen im zweiten Quartal 2020 deutlich rückläufig: Die Deutsche Bundesbank meldet 4,292 Mio EUR gegenüber 27.262 Mio EUR im zweiten Quartal 2019. Doch dürfte es sich zunächst nur um eine zeitliche Verschiebung handeln. Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Blickt man auf die Entwicklung an einzelnen Standorten, zeigt sich ein klarer Trend in Richtung EU. Dort stiegen die deutschen Direktinvestitionen im zweiten Quartal 2020 auf 26.039 Mio EUR. Dagegen floss deutsches Kapital aus Direktinvestitionen in Großbritannien und Russland ab. Auch in Amerika (–10.430 Mio EUR) und Asien (–3.356 Mio EUR) war der Kapitalfluss deutlich negativ. Ob sich der Rückzug aus Großbritannien, Russland und den Überseestandorten fortsetzt oder sich die Präsenz vor Ort angesichts wachsender Handelshemmnisse noch erhöht, bleibt abzuwarten.

 


Autor

Gunther Schilling, Chefredakteur ExportManager, F.A.Z. Business Media
Gunther Schilling,
Chefredakteur ExportManager,
F.A.Z. Business Media

 

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