Südosteuropa profitiert von den aktuellen Handels- und Zollkonflikten: Viele Unternehmen setzen verstärkt auf Nearshoring und bauen Handelskorridore in der Region aus. Was Unternehmen bei Investitionen und Exportfinanzierungen in den Ländern Ost- und Südosteuropas jetzt beachten sollten.
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Die US-Zollpolitik löst zunehmend spürbare geoökonomische und geopolitische Verschiebungen aus. In Europa zeigen sich diese Verschiebungen in einer Welle des Nearshoring. Unternehmen beschleunigen die Re-Regionalisierung ihrer Lieferketten, um Resilienz zu erhöhen, regulatorische Komplexität zu reduzieren und die „Time to Market“ zu verkürzen. Von diesen Trends profitieren die Länder Südosteuropas aktuell besonders.
Hohe Dynamik in EU-Mitgliedsländern
So beobachten wir etwa, dass hier allerorten neue Industrieparks und Logistikzentren entstehen. Unternehmen bauen ihre Geschäftsbeziehungen in die Region gezielt aus. Besonders in den EU-Mitgliedsländern, also etwa in Bulgarien, Rumänien, Kroatien und Slowenien, ist eine hohe Dynamik erkennbar. Kein Wunder: Sie überzeugen mit robustem Wachstum und kontinuierlichen Strukturreformen. Sie bieten zudem Zugang zu europäischen Märkten und damit auch Zugang zu europäischen Fördermitteln, die aktuell gezielt in die Transformation der Industrie, in den Ausbau von Infrastruktur und Logistik sowie in Greentech-Projekte fließen.
Aber auch in den sechs Westbalkan-Ländern, die noch auf dem Weg in die Europäische Union sind, ziehen das Investitionsgeschehen und die Handelsaktivitäten an. Eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung und kurze Lieferketten in die EU zahlen auf den Nearshoring-Trend ein und sorgen für Wachstum im Industrie- und Dienstleistungssektor auch in Serbien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Albanien. Positiv wirken hier auch der EU-Wirtschafts- und Investitionsplan für den Westbalkan sowie Fortschritte bei der Zollharmonisierung und der digitalen Grenzabfertigung.
Nachfrage steigt
Insbesondere steigt hier aktuell die Nachfrage nach hochwertigen, modernen Maschinen und Anlagen aus Deutschland. Der Abschluss bilateraler Freihandelsabkommen hat bereits eine wirtschaftliche Annäherung an die EU zur Folge. Alle Länder sind stark exportorientiert – und die Unternehmen vor Ort investieren gezielt in bestehende Märkte, setzen auf digitale Technologien zur Automatisierung und Effizienzsteigerung und optimieren ihre Kostenstrukturen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das sind zentrale Ergebnisse einer Umfrage der Unternehmensberatung Horváth unter Führungskräften in Mittel- und Südosteuropa, die vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft unterstützt und begleitet wurde.
Besonders gefragt sind aktuell Maschinen für Nahrungsmittelverarbeitung, Verpackung, Automotive-Zulieferung, Kunststoffverarbeitung sowie Energie und Umwelttechnik. Aber auch die Nachfrage nach deutschen Software- und IIoT (Industrial Internet of Things)-Lösungen zur Produktionssteuerung steigt.
Die Dynamik in den ost- und südosteuropäischen Handelskorridoren zeigt sich in aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Allein die Ausfuhren in die beiden größten Märkte Ostmitteleuropas, Polen und Tschechien, legten in den ersten drei Quartalen 2025 gegenüber dem Vorjahr zusammen um fast 5,6 Mrd EUR zu. Auch in die südosteuropäischen EU-Märkte wie Slowenien und Rumänien wurden deutlich mehr Güter exportiert als im Jahr zuvor. Lediglich Ungarn bezog wegen seiner schwachen Konjunktur und der Probleme der Autoindustrie deutlich weniger Waren aus Deutschland (–6,3%).
Importseitig legten insb. die deutschen Einfuhren aus Polen, Tschechien und Rumänien kräftig zu. Hier kommt auch politischer Rückenwind zum Tragen: Außenminister Johann Wadephul hat die Region in diesem Herbst mehrfach besucht und unterstützt die vielfältigen und engen Verflechtungen zwischen der deutschen und südosteuropäischen Wirtschaft sowie die Beitrittsbemühungen zur EU im Westbalkan.
Griechenland: Reformen für einfachere Prozesse
Eine besonders interessante Rolle kommt in dieser Entwicklung Griechenland zu. Für den Ausbau der Handelsrouten übernimmt es in jedem Fall eine spannende Funktion als Tor gen Osten. Das zeigt z.B. der aktuelle Flüssiggas-Deal mit den USA: Griechenland will einer der wichtigsten Energiehubs Europas werden und wird Flüssiggas (LNG) bis in die Ukraine liefern. Für deutsche Unternehmen insb. im Greentech-Sektor kann es eine attraktive Möglichkeit sein, dort strategisch zu investieren und sich am Aufbau dieses europäischen Hubs zu beteiligen.
Auch für andere Branchen ist die Abwicklung von Handelsströmen über Griechenland im Rahmen eines Nearshoring attraktiv. So gewinnt Griechenland auch als multimodaler Knotenpunkt (See, Schiene, Straße) in der Logistik an Bedeutung – Häfen wie Piräus, Thessaloniki und Ale-xandroupolis werden ausgebaut, Rail‑Links Richtung Balkankorridore modernisiert.
Um den Standort und den Handel zu stärken, hat die griechische Regierung zudem gerade eine Steuer- und Zollreform angestoßen. Diese Reform könnte die Prozesse und Handelsaktivitäten für europäische Unternehmen bald vereinfachen. Das Land führt ab dem Jahr 2026 E-Rechnungen im B2B-Geschäft verpflichtend ein und digitalisiert die Zollabwicklung, um den Prozess zu beschleunigen und zu vereinheitlichen. Wer sich frühzeitig auf diese Reformen vorbereitet, kann davon profitieren.
Vernetzen und Chancen nutzen
Unternehmen, die sich für Investitionen und Geschäfte in der Region interessieren, vernetzen sich z.B. auf Konferenzen wie zuletzt der Deutsch-Rumänisch-Moldauischen Wirtschaftskonferenz in Stuttgart. Sie bieten eine Plattform für einen Dialog zwischen Unternehmen und hochrangigen Regierungsvertretern, um die bilateralen Beziehungen zu stärken und neue Partnerschaften zu knüpfen. Dort werden Chancen aufgezeigt – aber es kommen auch Risiken und Vorbehalte auf den Tisch, die Unternehmerinnen und Unternehmer umtreiben.
Die wichtigsten Faktoren für Investitionsentscheidungen in der Region sind laut einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft die Binnennachfrage (40%), die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte (37%) und die vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten (33%). Als Gefahren nannten die Unternehmen politische Risiken und fehlende Sicherheit (67%), Korruption (38%) und bürokratische Hürden (31%).
Um die Chancen in der Region zu nutzen und die Risiken effizient zu managen, brauchen die Unternehmen in jedem Fall gut vernetzte Partner vor Ort – nicht zuletzt auch, um die Finanzierung ihrer Aktivitäten sicher und nachhaltig erfolgreich aufzubauen.
Die LBBW bietet die gesamte Palette der Handels- und Investitionsfinanzierung in der Region an, unterstützt deutsche Unternehmen mit ihrem Korrespondentennetzwerk und ist mit den Risikoprofilen der einzelnen Länder vertraut. Sie begleitet ihre Unternehmenskunden sowohl beim Markteintritt in den EU-Ländern der Region als auch beim laufenden Export- und Importgeschäft mit den potenziellen EU-Beitrittsländern.
Die Mittel dazu sind vielfältig: Akkreditive, Garantien oder ECA-gedeckte Finanzierungen stehen zur Verfügung. Die LBBW-Südosteuropa-Expertinnen und -Experten sind Muttersprachler und decken sämtliche Sprachen der Region ab; dazu zählen auch Albanisch, Bosnisch, Nordmazedonisch und Serbisch.
Sie wissen: Das Vertrauen der regionalen Partner muss man sich erarbeiten. Vor Ort arbeitet die Landesbank mit ausgewählten lokalen Banken sowie mit den deutschen Auslandshandelskammern zusammen. Genau wie die LBBW-Länderexperten am Hauptsitz der Landesbank in Stuttgart berät, betreut und vertritt das AHK-Netzwerk deutsche Unternehmen, die ihr Auslandsgeschäft auf- oder ausbauen wollen.
Die EBRD als wichtiger Partner
Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit mit Institutionen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (European Bank for Reconstruction and Development, kurz: EBRD), mit deren Unterstützung Finanzierungen effizient gestaltet und abgesichert werden können.
Die EBRD ist ein wichtiger Partner: Sie investiert in Südosteuropa, um den Transformationsprozess zu unterstützen, Marktwirtschaften aufzubauen und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, und konzentriert sich dabei auf Investitionen in den privaten Sektor, nachhaltige Infrastruktur und den grünen Wandel. Die Bank spielt damit eine wichtige Rolle bei der Förderung von Investitionen in der Region und arbeitet mit der Europäischen Kommission zusammen, um die wirtschaftliche Entwicklung in verschiedenen Sektoren zu unterstützen.
Fazit
Wir erwarten in der Region Südosteuropa vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen insgesamt eine weiter positive wirtschaftliche Entwicklung und mittelfristig das Entstehen stabiler und dynamischer neuer Handelskorridore. Deutschland als wichtigster Handelspartner dieser Länder kann von dieser Entwicklung profitieren.







