Die jüngste Coface-Umfrage zu den Zahlungserfahrungen von Unternehmen in Polen zeigt im Kern zwei Dinge: Zum einen haben sich 2020 die Zahlungsziele im Vergleich zum Vorjahr verkürzt, die Unternehmen wollen ihr Geld früher. Zum anderen bleiben Zahlungsverzögerungen auch während der Corona-Krise gängige Praxis – überraschenderweise jedoch mit kürzerer Dauer.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Die fünfte Auflage der Coface-Studie zu Zahlungserfahrungen in Polen wurde im November 2020 durchgeführt. Zu dieser Zeit wurde das Land von einer zweiten Welle der Covid-19-Pandemie getroffen – mit einer deutlich höheren Anzahl von Infektionen als bei der ersten Welle im Frühjahr. Dennoch wurden die Lockdown-Maßnahmen zu dieser Zeit weniger restriktiv gestaltet, um die wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen.

Zahlungsfristen: Unternehmen wollen ihr Geld früher

Kurze Zahlungsfristen dominieren die polnische Unternehmenslandschaft, denn 54% der befragten Unternehmen bitten ihre Kunden innerhalb von bis zu 30 Tagen zur Kasse. Die durchschnittliche Zahlungsfrist sank dabei um 7,3 Tage: von 47,0 Tagen im Jahr 2019 auf 39,7 Tage im Jahr 2020. Die restriktivsten Branchen mit kurzen Zahlungsfristen von bis zu 30 Tagen sind Textil und Bekleidung (80%), Automobil (79%), Agrar und Lebensmittel (75%) sowie Energie (69%). Zu den Sektoren, die die großzügigsten Zahlungsziele einräumen, gehören neben dem Baugewerbe (27% mit Kreditlaufzeiten von mehr als 90 Tagen) die Metallindustrie (17%) und der Transportsektor (15%). Lediglich ein Sektor meldete eine Verlängerung der durchschnittlichen Zahlungsfristen im Vergleich zur letzten Umfrage: die Unternehmen der Chemiebranche.

Zahlungsverzögerungen in allen Branchen, aber kürzer

Zahlungsverzögerungen bleiben in Polen auch während der Corona-Krise gang und gäbe. Nur 2,4% der befragten Unternehmen erklärten, dass sie 2020 keine Zahlungsverzögerungen erlebt hätten. Im Jahr zuvor waren es 1,7%. Die durchschnittliche Überziehung erreichte 48 Tage, was jedoch über 9 Tage kürzer ist als bei der Umfrage im Jahr 2019. Ein Grund hierfür sind die umfangreichen staatlichen Maßnahmen zur Stabilisierung der Wirtschaft, die sich positiv auf die Liquidität der Unternehmen ausgewirkt haben. Von den befragten Unternehmen gab über die Hälfte (57%) an, bereits staatliche Hilfen wie Steuerbefreiungen, Darlehen oder Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen zu haben.

Alle Branchen meldeten kürzere Verzögerungen im Vergleich zu 2019. Die größte Verbesserung verzeichnete ausgerechnet der Transportsektor, der Corona-bedingt im Zentrum der Mobilitätskrise stand und noch immer steht. Hier beobachteten die Unternehmen einen Rückgang um 44 Tage auf durchschnittlich 77,7 Tage. Aber: Trotz dieser erheblichen Verkürzung muss man nur im Energiesektor und im Baugewerbe mit durchschnittlich 80,5 Tagen Verzögerung bzw. 78,9 Tagen noch länger auf sein Geld warten.

Länderrisiko: Polen weiter bei A4

In der aktuellen Länderrisikobewertung von Coface verbleibt Polen auf A4 und somit in derselben Risikoklasse wie bspw. das Vereinigte Königreich, Thailand, Peru oder die Nachbarn aus der Slowakei. Wichtigster Handelspartner ist und bleibt Deutschland – sowohl beim Export (28%, gefolgt von Tschechien, UK und Frankreich mit jeweils 6%) als auch beim Import von Waren (27%, gefolgt von China mit 9% sowie Russland und den Niederlanden mit jeweils 6%).

Die Nähe zu westeuropäischen Märkten, die Kombination aus qualifizierten und kostengünstigen Arbeitskräften sowie die diversifizierte Wirtschaft (Landwirtschaft, Dienstleistungen, verschiedene Industrien) begünstigen die Wettbewerbsfähigkeit Polens. Dem gegenüber stehen eine (zu) niedrige inländische Sparquote, Schwächen im Bereich Forschung und Entwicklung sowie eine strukturelle Arbeitslosigkeit und eine geringe Beschäftigungsquote von Frauen.

Verhaltener Ausblick

Für 2021 rechnen wir mit einer Erholung der polnischen Wirtschaft: Nachdem das BIP im Jahr 2020 um 2,7% sank, sollte es laut unserer Prognose im laufenden Jahr 4,0% Wachstum erreichen. Zum Zeitpunkt der Befragung blickten die polnischen Unternehmen allerdings wenig optimistisch auf das Jahr 2021. Insgesamt erwarteten 64,1% eine Verschlechterung ihrer Geschäftstätigkeit im Vergleich zum Vorjahr – über 20% mehr als bei der vorherigen Befragung (43,7%). Dies liegt vor allem daran, dass die staatlichen Stützungsmaßnahmen im Jahr 2021 auslaufen. Wenn diese nicht mehr vorhanden sind, ist mit wieder längeren Zahlungsverzögerungen und einem Anstieg der Insolvenzen zu rechnen.

Die komplette Zahlungsstudie Polen gibt es HIER zum Download.

Das „Handbuch Länderrisiken 2021“ mit ausführlichen Bewertungen für 162 Länder und Analysen für 13 Branchen steht HIER zum kostenlosen Download zur Verfügung. 

grzegorz.sielewicz@coface.com

www.coface.com

 

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