Mehrere Länder im östlichen und südlichen Afrika entwickeln sich zu Wachstumstreibern und Stabilitätsankern für die Region – und damit zum Anziehungspunkt für deutsche Exporteure. Was Unternehmen wissen sollten, die jetzt Chancen in Ost- und Südafrika nutzen wollen.

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So gut besucht war die Ost-Afrika-Konferenz für Außenhandel, Export- und Lieferkettenfinanzierung des Global Trade Review (GTR) noch nie: Mehr als
700 Teilnehmende aus über 30 Ländern trafen sich im Mai in Nairobi, um die neuesten Trends zu erkunden, die den ostafrikanischen Handel beeinflussen – das waren fast doppelt so viele Besucher wie im vergangenen Jahr. Darunter auch viele deutsche Handelsexperten und Exporteure.

Region Süd- und Ostafrika als geschäftsfreundlicher Anlaufpunkt

Überraschend kommt das große Interesse bei den Treasurern, Finanziers, Exporteuren und digitalen Innovatoren, die sich auf der Konferenz in Nairobi versammelten, indes nicht. Denn die Region Süd- und Ostafrika hat sich zu einem geschäftsfreundlichen Anlaufpunkt für all diejenigen Exporteure entwickelt, die angesichts der geopolitischen Veränderungen der vergangenen Jahre ihre Lieferketten und Geschäftsbeziehungen vielfältiger aufstellen wollen.

Nicht nur anhand der Nachfragen zu Akkreditiven für Geschäfte in der Region war in den Gesprächen am LBBW-Stand auf der Konferenz deutlich spürbar: Das Interesse an neuen Märkten, Regionen und Geschäftspartnern ist auch bei deutschen Exporteuren so groß wie nie. Sie wollen sich unabhängiger machen von den aktuellen Konflikten zwischen Handelspartnern wie den USA und China und bekommen dafür auch politischen Rückenwind: Die Europäische Union (EU) verhandelt verstärkt Freihandelsabkommen mit Ländern des Globalen Südens. Dabei hat die EU auch den afrikanischen Kontinent im Fokus, wie das jüngste Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen der EU und Kenia zeigt.

EFA-Region: Neue Partner auf dem afrikanischen Kontinent

Und so rückt Afrika auch für die deutschen Exporteure stärker in den Fokus. Waren bislang v.a. Südafrika und die Maghreb-Region Anlaufpunkte für deutsche Unternehmen, schiebt sich der Blick nun auch Richtung Ostafrika und Subsahara-Afrika. Diese Region wird in der Definition der Weltbank als AFE-Region bezeichnet (Eastern & Southern Africa).

Zu dieser ökonomisch, kulturell und sprachlich vielfältigen Region zählen 26 Länder, die geografisch zwischen dem Roten Meer im Norden und dem Kap der Guten Hoffnung im Süden liegen. Rohstoffreiche Länder wie die Demokratische Republik Kongo, Südafrika und Zimbabwe gehören ebenso dazu wie die aktuell ökonomisch besonders wachstumsstarken Länder der „East African Community“: Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda.

Bevölkerungsdynamik und Offenheit für Investoren

Was macht diese Region aktuell so attraktiv für Exporteure und Investoren? Ein wesentlicher Grund ist die enorme Bevölkerungsdynamik. Rund 60% der gesamten afrikanischen Bevölkerung leben in dieser Region. Sie hat das Potenzial, eine der produktivsten der Welt zu werden: Zwischen 2030 und 2050 werden 90% des Wachstums der Weltbevölkerung im erwerbsfähigen Alter auf Subsahara-Afrika entfallen. Nicht nur das Arbeitskräftepotenzial, sondern auch das Nachfragepotenzial, das durch die Vielzahl junger Menschen entsteht, ist enorm.

Einige Entwicklungen in der Region legen den Schluss nahe, dass die AFE-Länder bald in der Lage sein werden, dieses Potenzial auch tatsächlich erfolgreich zu nutzen und in wirtschaftliche Prosperität umzusetzen. Das ist nicht selbstverständlich, denn aktuell sprechen Beobachter mit Blick auf die afrikanischen Volkswirtschaften noch vom „Africa Gap“: Der Begriff bezeichnet das Phänomen, dass die afrikanischen Länder trotz ihres enormen Rohstoffreichtums und der dynamisch wachsenden Bevölkerung bei der Produktivität international nicht mithalten können. Es gelingt ihnen nicht, ihr Potenzial auszunutzen – sie bleiben unter ihren Möglichkeiten.

Ostafrika-Gemeinschaft: Bündnis, um die Produktivitätslücke zu schließen

Diese Produktivitätslücke zwischen den afrikanischen Volkswirtschaften und dem Rest der Welt ist zuletzt sogar gewachsen. Sie ist zurückzuführen auf eine oftmals unzureichende Infrastruktur, auf fehlenden Zugang zu Ressourcen und Wissen sowie auf starke ökonomische und gesellschaftliche Ungleichheiten sowie – in vielen Fällen – politische Instabilität. Hinzu kommt, dass die Folgen der Klimakrise in der Region besonders schnell zum Tragen kommen: Dürren und Überschwemmungen führen zu Krankheitswellen und verschärfen regionale Konflikte.

Insb. die Länder der East African Community haben sich nun aber auf den Weg gemacht, zu beweisen, dass sich die Lücke zwischen Potenzial und Outcome trotz all dieser Hürden schließen lässt. Sie setzen dabei zum einen auf eine Stärkung des intraafrikanischen Handels und auf eine insgesamt stärkere Zusammenarbeit zwischen den Ländern beim Aufbau einer nachhaltig tragfähigen Infrastruktur. Zum anderen öffnen sie ihre Märkte für internationale Banken und Investoren.

Ein wichtiger Faktor ist die Öffnung und Integration der lokalen Finanzmärkte: In allen Ländern der Community gibt es starke regionale Banken, die zuletzt durch grenzüberschreitende Übernahmen gewachsen sind. Hinzu kommen Tochtergesellschaften ausländischer Banken, die in der Region aktiv sind. Die regionalen Banken haben zudem ihr Angebot im Bereich der Dienstleistungen für Investoren ausgebaut: Sie bieten in- und ausländischen Investoren vor Ort z.B. Services wie Wertpapieraufbewahrung, Depots und Dividendenmanagement an – ein Novum.

Attraktiv für Investoren ist auch das neue East African Entry Visum: Investoren können für Kenia, Uganda und Ruanda – bald auch Tansania – inzwischen ganz einfach digital ein Visum beantragen und sich dann in der gesamten Region frei bewegen.

Wachstum durch Öffnung und Integration

All das ermöglicht und erleichtert Investitionen und Handel in und mit der Region. Und die Erfolge dieser Öffnungs- und Integrationsstrategie können sich sehen lassen: Die Weltbank erwartet, dass die „East African Community“-Länder Kenia, Ruanda, Tansania und Uganda in den kommenden Jahren BIP-Wachstumsraten von rund 7% erzielen werden. Damit entwickeln sie sich zu Wachstumstreibern für die ganze Region. Prognosen der Weltbank zufolge wird die AFE-Region im Jahr 2025 insgesamt um 3% und im Jahr 2026 um über 4% wachsen.

So zeigt die Entwicklung, dass Offenheit, Zusammenarbeit und Stabilität die Wirtschaft enorm stärken – und die afrikanischen Volkswirtschaften so auch für Investoren und Exporteure attraktiv machen. Dadurch kann die Region von globalen Trends profitieren: Sie ist auf dem Radar internationaler Unternehmen gelandet, die ihre Wertschöpfungsketten inmitten der Handelskonflikte diversifizieren.

Vielfältige Region: Kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede

Exporteure sollten sich allerdings von der insgesamt sehr vielversprechenden Entwicklung in der Region nicht den Blick darauf verstellen lassen, dass die Voraussetzungen für Geschäfte in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich sind. Die Region ist sprachlich, kulturell und wirtschaftlich divers. Wer hier erfolgreich Partnerschaften aufbauen und Märkte erschließen will, muss die Länderbesonderheiten kennen. So bietet sich etwa Kenia als ausgesprochen international aufgestellter Business Hub an, um von dort aus die Region Ostafrika zu erschließen. Hier gilt es zu verstehen, dass sich in Ostafrika durch die aktuellen Entwicklungen eine Art Regionalstolz entwickelt – die Region ist sich ihres Potenzials und der Chancen, die sie bietet, bewusst. Der intraregionale Handel wird gestärkt und auch lokale Währungen spielen eine zunehmend größere Rolle.

Wer hingegen etwa in Angola oder Mosambik aktiv werden möchte, sollte hier Partner vor Ort finden, die Portugiesisch sprechen und die jeweilige Landeskultur sehr gut kennen.

Wie politisch angespannt und instabil die Lage in einigen Ländern der Region ist, zeigen wiederum die Beispiele Sudan, Somalia, Eritrea und Äthiopien. Die Spannungen wirken sich auch auf die Nachbarländer aus. So ist etwa der Luftraum über Kriegsregionen wie dem Sudan gesperrt, sodass kommerzielle Flüge mit Zielen in den Nachbarländern Umwege über das Rote Meer fliegen müssen.

Risiken absichern, Chancen nutzen

Frieden, Integration und Öffnung der Märkte einerseits – Instabilität und explosive politische Konflikte andererseits: Das ist das Spannungsfeld, mit dem es Exporteure in der Region zu tun bekommen. Angesichts der vielfältigen damit verbundenen Risiken ist es für exportierende deutsche Unternehmen sinnvoll, eine sorgfältige Risikobewertung vorzunehmen und die Risiken professionell zu managen. Kreditversicherungen wie Finanzkreditdeckungen oder Akkreditiv­absicherungen können Exporteure und Banken vor Zahlungsausfällen schützen.

Die LBBW unterhält langjährige Geschäftsbeziehungen zu führenden Banken in den Ländern der Region und ist durch regelmäßigen Austausch mit Akteuren vor Ort nah dran an den aktuellen Entwicklungen. So arbeitet die Landesbank etwa eng mit deutschen Auslandshandelskammern zusammen und unterstützt mit ihrem Netzwerk und ihrer Kenntnis der Region deutsche Unternehmen, die ihr Auslandsgeschäft in Süd- und Ostafrika auf- oder ausbauen wollen.

frank.aldenhoff[at]lbbw.de

roland.vossler[at]lbbw.de

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