Die makroökonomischen Fundamentaldaten des südostasiatischen Landes geben insgesamt ein starkes Bild ab. Hohe Risiken für Vietnams Rolle in den Lieferketten ergeben sich etwa aus US-Importzöllen. Das Wirtschaftsmodell Vietnams offenbart angesichts der US-chinesischen Rivalität seine Anfälligkeit und erfordert eine zunehmende Diversifizierung der Handelspartner.
Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)
Vietnam gehört zu den leistungsfähigsten Volkswirtschaften Asiens. Das BIP-Wachstum von durchschnittlich 6,7% zwischen 2001 und 2019, das Ausbleiben einer Covid-bedingten Rezession (+2,9% im Jahr 2020 und +2,6% im Jahr 2021) sowie eine anhaltend starke Dynamik von 2022 bis 2024 (+6,9%) unterstreichen Vietnams Resilienz. Diese Erfolgsgeschichte beruht auf zahlreichen Faktoren, wobei die wichtigsten Impulse vom Produktionssektor und vom Export ausgehen.
Vietnam: Attraktiver Ort für ausländische Direktinvestitionen
Seit Jahren gilt Vietnam nunmehr als attraktiver Standort für ausländische Direktinvestitionen (FDI), als wichtiger südostasiatischer Exporteur von Fertig-erzeugnissen – aus einem stetig wachsenden Produktspektrum wie Bekleidung, Schuhe, elektronische Geräte, Smartphones usw. – und seit Kurzem als Profiteur von der Verlagerung von Lieferketten, insb. von der „China+1“-Strategie, mit der Unternehmen die US-Zölle gegen die Volksrepublik umgehen wollen. Mit seiner dynamischen Wirtschaft, den investorenfreundlichen Rahmenbedingungen dank der Unterstützung nationaler Behörden, qualifizierten Arbeitskräften und relativ wettbewerbsfähigen Lohnkosten wird Vietnam tatsächlich als gute Alternative zu China betrachtet, wenn auch in einer deutlich geringeren Größenordnung.
Zahlreiche multinationale Konzerne wie z.B. Samsung, Intel, Apple und andere haben daher in den vergangenen zehn Jahren Fabriken eröffnet; Investitionen aus Festlandchina und Hongkong sind in die Höhe geschnellt, was China zum mit Abstand größten ausländischen Investor in Vietnam macht.
Dank der starken Wirtschaftsleistung und einer disziplinierten Regierungspolitik haben sich die makroökonomischen Fundamentaldaten mit der Zeit verbessert. So wies Vietnam 2024 einen tragfähigen öffentlichen Haushalt auf: Die Staatsverschuldung lag bei 33% des BIP – einem gesunden Niveau im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern –, das Haushaltsdefizit lag bei niedrigen 1,6% des BIP, die Inflation betrug moderate rund 3% und die solide Zahlungsbilanz wurde von einem Leistungsbilanzüberschuss (6% des BIP) und umfangreichen FDI-Zuflüssen gestützt.

Vietnams Devisenreserven (in Mrd EUR) sind nach einem Höhepunkt 2021/2022 zuletzt wieder zurückgegangen. © Internationaler Währungsfonds, Credendo.
Trotz der soliden Außenbilanz haben die Interventionen der Vietnamesischen Zentralbank zur Bekämpfung des Abwärtstrends des Dong teilweise zur Folge, dass die Währungsreserven weiterhin unter dem tragfähigen Niveau von drei abgedeckten Monatsimporten bleiben. Daher befindet sich Vietnams kurzfristiges politisches Risiko, das die Liquidität eines Landes bewertet, nach wie vor nicht in der besten Kategorie (derzeit in Kategorie 3/7).
Das mittel- bis langfristige politische Risiko weist mit Kategorie 4/7 eine moderate Bewertung auf und wird vom niedrigen Stand der Auslandsverschuldung und des Schuldendienstes, der starken Wirtschaftsleistung, dem unverändert hohen BIP-Wachstumspotenzial – angesichts hoher Spar- und Investitionsquoten von über 30% des BIP – sowie von anhaltender innenpolitischer Stabilität gestützt. Negative Faktoren sind die moderaten Governance-Indikatoren mit einer erhöhten Korruptionswahrnehmung sowie die hohe Gefährdung durch Naturkatastrophen.
Starkes Wirtschaftsmodell mit hoher Anfälligkeit
Allerdings besteht die Gefahr, dass die Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs Vietnams und das vietnamesische Wirtschaftsmodell insgesamt in einem von globalen Turbulenzen geprägten handelspolitischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld ins Schleudern geraten. Die Handelsturbulenzen, die von den abrupten und hohen US-Importzöllen verursacht werden und Länder mit einem Handelsüberschuss gegenüber den USA hart treffen, werden Vietnams Exporte und damit das reale BIP-Wachstum definitiv beeinträchtigen, sowohl direkt als auch indirekt.

Vietnams BIP (reale Veränderung in %) ist zuletzt stark gewachsen, sogar in den Corona-Jahren. © Internationaler Währungsfonds, Credendo.
Die direkten Auswirkungen werden von den US-Importzöllen ausgehen, die für Vietnam gemäß der ersten Ankündigung bei astronomischen 46% liegen sollen. Am 28. Mai 2025 erklärte das US-Gericht für Internationalen Handel die reziproken Zölle der USA für rechtswidrig, doch ein US-Bundesberufungsgericht hob diese Entscheidung wieder auf. Das Urteil wird einen Teil des US-Handelskriegs vorübergehend abwenden und die Verhängung hoher US-Importzölle gegen Länder verzögern. Erhöhte US-Importzölle gegen bestimmte Branchen bleiben vom Urteil jedoch unberührt. Die US-Regierung begründet den hohen Zoll gegen Vietnam damit, dass die USA gegenüber dem südostasiatischen Land weltweit das drittgrößte Handelsdefizit haben.
Aus der ersten Einführung von Handelsbeschränkungen gegen China durch Präsident Donald Trump im Jahr 2018 ging Vietnam als klarer Gewinner hervor, da das Land ein bevorzugtes Ziel für chinesische Exporte war, die von Vietnam aus in die USA weitergeleitet wurden.
Große Bedeutung des US-Marktes
Angesichts der hohen Bedeutung des US-Markts für den vietnamesischen Güter-export (mit einem Anteil von 25% der Gesamtausfuhren liegen die USA nach Kambodscha an zweiter Stelle) ist die wirtschaftliche Bedrohung hoch. In bilateralen Handelsverhandlungen wurde die endgültige Höhe der Zölle auf 20% reduziert, was durch verschiedene Zugeständnisse zur Verringerung der Handelsungleichgewichte gelang. Dazu gehören etwa die höhere Abnahme von US-Gütern (insb. von Agrarprodukten und Flüssiggas LNG) sowie die Senkung von Zöllen auf importierte US-Güter.
Darüber hinaus haben sich die vietnamesischen Behörden verpflichtet, Maßnahmen gegen Handelsumlenkung zu ergreifen, da mehrere ausländische Unternehmen Meldungen zufolge mithilfe gefälschter Ursprungszeugnisse US-Zölle umgehen. In jedem Fall sollte die von der US-Regierung geplante Bekämpfung der Umladung chinesischer Güter bewirken, dass die USA Vietnam während Trumps zweiter Amtszeit nur wenig Beachtung schenken, ungeachtet der bestehenden Sicherheitskooperation. Die Tatsache, dass China seit der Ankündigung der höheren Zölle Anfang April deutlich mehr für den US-Markt bestimmte Güter nach Vietnam exportiert, zeigt jedoch, dass sich bewährte Praktiken so lange wie möglich behaupten könnten.
Druck durch hohe US-Importzölle
Für Vietnam wird es daher künftig schwieriger, FDI und Importe von chinesischen Gütern für den Reexport mit höherem Mehrwert anzuziehen, was seine Stärken unterwandern wird. Der von den gestiegenen US-Importzöllen ausgehende Druck richtet sich nicht nur gegen Staaten, sondern auch gegen bestimmte Branchen. So gelten für Vietnam Importzölle von 50% auf Stahl und prohibitiv hohe Zölle (zwischen 120% und 813%) auf Solarpaneele und Komponenten (aufgrund von angeblichem Preisdumping). Beide Branchen spielen für die vietnamesische Wirtschaft eine bedeutende Rolle. Die faktische Abschottung des US-Markts für Solarpaneele sowie höhere US-Importzölle im Allgemeinen bedeuten, dass Vietnam seine Exporte weitestmöglich auf andere Märkte umleiten muss.
Zusätzlich zu diesen direkten Auswirkungen wird die ausgesprochen offene Volkswirtschaft Vietnams indirekt vom nachlassenden Welthandel, geringeren FDI und einer Verlangsamung der chinesischen Konjunktur beeinträchtigt werden. Weitere Unsicherheiten trüben die Aussichten für 2025 und 2026, und das Land dürfte unter dem weltweiten Wirtschaftsabschwung, hohen US-Handelszöllen und strengeren Beschränkungen für Re-exporte aus Vietnam zu leiden haben. Im April prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Verlangsamung des BIP-Wachstums von 7,1% im Jahr 2024 auf 5,2% in diesem Jahr und im Anschluss auf 4% im Jahr 2026.
Vietnams strategische Position
Die neue von US-chinesischer Rivalität und geoökonomischer Fragmentierung geprägte Weltordnung bringt den Produktions- und Montagestandort Vietnam in eine heikle Situation. Einerseits geht nahezu die Hälfte des vietnamesischen Exports in die USA und nach China, andererseits bezieht Vietnam die Hälfte seiner Importe, darunter Rohstoffe und Einsatzgüter für die Industrie wie z.B. Elektronikbauteile, aus China. Diese Waren sind außerdem eine wichtige Quelle für Direktinvestitionen.
Vietnams Bedeutung in internationalen Lieferketten hat derart zugenommen, dass es immer schwieriger werden könnte, handels- und wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen, solange Hanoi sich weigert, Partei zu ergreifen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Trump Vietnam und auch andere asiatische Länder dazu drängt, ihre wirtschaftlichen Verflechtungen mit China zu reduzieren. Ein solches Zugeständnis wäre im Falle Vietnams jedoch unwahrscheinlich, da die kommunistischen Parteien beider Länder enge Beziehungen pflegen. Außerdem ist die chinesische Volkswirtschaft der regionale Wachstumsmotor und der Großteil der chinesischen Investitionen in Vietnam zielt auf den Reexport von Gütern in die USA.
Hanoi möchte an „Bambusdiplomatie“ festhalten
Aufgrund der hohen Abhängigkeit von chinesischen und US-amerikanischen Investitionen möchte Hanoi an seiner „Bambusdiplomatie“ festhalten, nach der außenpolitische Neutralität Vorteile für beide Seiten einbringt. Weitere Maßnahmen zur Verringerung der hohen wirtschaftlichen Abhängigkeit wären sowohl intraregionaler Handel, der in Südostasien bereits weit verbreitet ist, als auch bilateraler Handel mit anderen Partnern, in erster Linie in Asien, bei gleichzeitiger sukzessiver Reduzierung der Exponierung gegenüber dem US-Markt. Außerdem dürfte die aktive Suche nach neuen Freihandelsabkommen – zusätzlich zu den zahlreichen bestehenden Verträgen wie der Regional Comprehensive Economic Partnership im asiatisch-pazifischen Raum – mit großer Wahrscheinlichkeit weitergehen. Sicher ist, dass die vietnamesische Wirtschaft vor schwierigen Zeiten steht, was sich auf die Risikoeinstufung auswirken dürfte.
Hinweis: Ausführliche Länderberichte finden Sie auf der Seite www.credendo.com
j.schnorrenberger[at]credendo.com







