Noch vor wenigen Jahren trennte der Brexit Wirtschaft und Politik auf beiden Seiten des Ärmelkanals durch scheinbar unüberwindliche Mauern aus Misstrauen und Vorschriften. Heute ist es ausgerechnet der Kampf gegen den Klimawandel, der diese Mauern wieder durchlässiger macht. Im Zentrum steht ein Instrument mit sperrigem Namen, aber revolutionärem Anspruch: der Carbon Border Adjustment Mechanism, kurz CBAM.
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Während die EU ihr System bereits testet, arbeitet das Vereinigte Königreich an seiner eigenen Version. Beide Seiten verhandeln derzeit darüber, wie Doppelarbeit und Handelshemmnisse vermieden werden können. Das politische Ziel ist klar: gegenseitige Anerkennung der Systeme, sodass EU-Unternehmen keine separaten britischen CBAM-Berichte einreichen müssen – und umgekehrt. Doch wird das funktionieren?
Grundgedanke einfach, Umsetzung komplex
Der Grundgedanke des CBAM in der EU ist einfach, seine Umsetzung dagegen komplex. Unternehmen, die emissionsintensive Produkte wie Stahl, Aluminium, Strom, Düngemittel, Zement oder Wasserstoff importieren, müssen künftig die in diesen Gütern „eingebetteten“ CO₂-Emissionen angeben. Wer in die EU verkauft, kauft für jede Tonne CO₂ ein Zertifikat. Der Preis richtet sich nach dem europäischen Emissionshandel (EU ETS).
Die EU will so verhindern, dass heimische Hersteller, die CO₂-Kosten im EU ETS tragen, von billigeren, aber klimaschädlicher produzierten Importen verdrängt werden – das sog. Carbon Leakage. Seit Oktober 2023 läuft die Übergangsphase: Es geht zunächst nur um die Datenerhebung, ohne Zahlungspflicht. Spätestens ab 2027 soll bares Geld fließen, dann wird das Instrument auch politisch wirksam.
Großbritannien zieht nach – mit eigener Note
Das Vereinigte Königreich führte nach dem Brexit seinen eigenen Emissionshandel (UK ETS) ein und konnte lange zusehen, wie die EU ihr komplexes Regelwerk testet. Ende 2023 kündigte die britische Regierung an, ebenfalls einen CO₂-Grenzausgleich einzuführen. Der Start ist für 2027 geplant.
Der britische Mechanismus soll „an den EU CBAM angelehnt, aber auf britische Bedingungen zugeschnitten“ sein. Er wird sich voraussichtlich auf die gleichen Industrien konzentrieren, mit besonderem Fokus auf Stahl und Chemie. Für britische Unternehmen, die sowohl in die EU exportieren als auch CBAM-Produkte ins Vereinigte Königreich importieren, entsteht ein doppelter Anpassungsdruck. Sie müssen EU-Anforderungen erfüllen und zugleich die britischen Standards einhalten. Branchenverbände begrüßen die Initiative, betonen aber die Notwendigkeit einer enger Abstimmung mit Brüssel. Sarah Williams, stellvertretende Vorsitzende des Verbands UK Steel, sagte: „Die Glaubwürdigkeit des britischen CBAM steht und fällt mit seiner Kompatibilität zur EU. Niemand will ein zweites Zollchaos.“
Die Kompatibilität ist aktuell Gegenstand intensiver Verhandlungen. Seit dem Neustart der Handelsbeziehungen im Frühjahr 2025 arbeiten technische Arbeitsgruppen beider Seiten an einer gegenseitigen Anerkennung. Ziel: Ein CO₂-Nachweis, der in der EU akzeptiert wird, soll auch im Vereinigten Königreich gelten – und umgekehrt. Das ist kompliziert. Datenerhebungs- und Prüfprozesse, Definitionen von „eingebetteten Emissionen“ sowie Fristen und Offenlegungspflichten müssen aufeinander abgestimmt werden. Jede Verdopplung der Berichtspflichten würde Hunderttausende Stunden Verwaltungszeit und Millionen an Kosten bedeuten.
Stimmen aus der Praxis
Ein EU-Beamter kommentierte kürzlich: „Wenn wir es schaffen, Klimapolitik als Brücke zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen der EU und UK zu nutzen, wäre das der konstruktivste Schritt seit dem Brexit.“ In der Praxis wechseln Euphorie und Ernüchterung einander ab. Produzenten emissionsintensiver Waren hoffen auf planbare Rahmenbedingungen, wissen aber, dass das Berichtswesen anspruchsvoll ist und tiefen Einblick in Lieferketten erfordert. Britische Unternehmen, die bislang kaum CO₂-Daten internationaler Zulieferer erheben mussten, stehen vor einer steilen Lernkurve. Zertifikatehandel, Emissionsfaktoren, Monitoring-Systeme – all das wird Teil des Alltags.
Ein Aluminiumhersteller aus Nordengland erklärte: „Wir fühlen uns zwischen den Regimen zerrieben. Zu national, um den EU CBAM mitzumachen, aber zu europäisch orientiert, um ihn zu ignorieren.“ Auch auf EU-Seite gibt es Bedenken: Einige Unternehmen fürchten Wettbewerbsverzerrungen durch technische Abweichungen. London will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, „Brüssels Regeln blind“ zu übernehmen.
Macht über Standards
Es geht um Macht über Standards. Die Berechnung eingebetteter Emissionen erfordert Verständnis über Energiequellen, Produktionsverfahren und Prozessemissionen. Schon kleine Abweichungen können enorme Kostenunterschiede verursachen. Der EU CBAM ist direkt an den europäischen Emissionshandel gekoppelt. Der UK ETS operiert mit eigener Preislogik. Zertifikatspreise in UK liegen voraussichtlich deutlich niedriger. Eine vollständige Anerkennung könnte also Preisrelationen harmonisieren oder transparent machen. Ohne Vertrauen in Daten- und Preisgleichwertigkeit funktioniert reibungsloser Handel nicht.
Unternehmen bereiten sich vorsorglich vor. Beratungsfirmen verzeichnen steigende Nachfrage nach CO₂-Reporting-Software. Universitäten bieten Weiterbildung in Carbon Accounting an. Ein Energieberater aus Birmingham bringt es auf den Punkt: „Vor 20 Jahren lernten wir Excel für die Steuer. Jetzt lernen wir CO₂-Bilanzen, um unsere Produkte erklären zu dürfen.“ Nachhaltigkeit ist nicht länger nur ein Thema. Sie entscheidet zunehmend über den Marktzugang.
Die Annäherung an den CBAM hat auch eine strategische Dimension. Der Versuch gegenseitiger Anerkennung könnte eine breitere Klimakooperation vorbereiten. Schon jetzt spricht man von einem „grünen Handelskanal“ zwischen der EU und UK. Geopolitisch stärkt das beide Seiten gegenüber großen Handelsblöcken wie den USA oder China. Brüssel und London zeigen: Klimaschutz kann ein Wettbewerbsvorteil sein, kein Handelshemmnis. Gleichzeitig signalisieren sie, dass Eigenständigkeit nicht Isolation bedeutet. Großbritannien behält Souveränität, baut aber technische Brücken.
Selbst harmonisierte Regeln bergen Detailprobleme:
• Verifizierungsmechanismen: Wer überprüft die Daten?
• Sanktionen: Wie werden Verstöße in grenzüberschreitenden Lieferketten geahndet?
• Zollsysteme: Müssen Schnittstellen zwischen der EU und UK geschaffen werden?
Frühestens 2025 werden konkrete Antworten erwartet. Der britische Finanzminister Jeremy Hunt sagte: „Pragmatische Gleichwertigkeit, keine identische Regulierung.“
Ausblick: Von Bürokratie zu Kooperation
Was bleibt außer vielen Abkürzungen und Formularen? Vielleicht ein Stück politische Reife. Klimapolitik ist kein Nullsummenspiel – sie erzwingt Kooperation. Wenn Brüssel und London CBAM-Regelwerke so harmonisieren, dass Unternehmen auf beiden Seiten Vertrauen in die Gleichwertigkeit haben, wäre das mehr als ein technischer Fortschritt. Es wäre ein Symbol: Nach Jahren der Abgrenzung ist ein neues Kapitel möglich – geteilte Verantwortung statt Polemik.
Ein britischer Ökonom meinte dazu sarkastisch: „Am Ende retten wir vielleicht nicht nur das Klima, sondern auch den guten Ton zwischen der EU und UK.“ Bis dahin bleibt viel zu tun. Der CO₂-Grenzausgleich ist längst mehr als ein Instrument. Er prüft, ob Post-Brexit-Europa aus Differenzen Synergien formen kann – Wissenschaft statt Schlagzeilen, Rechenschieber statt Rhetorik.







