Die Zahlen sind ernüchternd: Die Ankündigungen neuer Projekte durch ausländische Investoren in Afrika sind 2020 um fast zwei Drittel zurückgegangen. Jetzt braucht es nach Ansicht zweier Autoren Reformbereitschaft und massive Investitionen in die Infrastruktur, um Privatinvestitionen anzuziehen.

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Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie hat Afrika bisher wesentlich weniger hart getroffen als Europa, Amerika und Südasien. Insgesamt kommt der Kontinent auf 5,95 Millionen Fälle. Das sind knapp 100.000 mehr als in Frankreich. In Südafrika wurden 2,2 Millionen Infektionen registriert, in Marokko rund 500.000, in Ägypten und Äthiopien weniger als 300.000. Die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit Covid-19 wird für Afrika mit 150.000 angegeben, das sind etwas mehr als in Italien oder Russland.

Wirtschaftlicher Stillstand bremst Projekte

Doch die wirtschaftlichen Folgen sind einschneidend. Zwar sank die Wirtschaftsleistung nach Angaben der UNCTAD 2020 nur um 3,5% und 2021 dürfte sie wieder um 3,6% zunehmen. Doch der Handel brach 2020 um 10,4% ein und die ausländischen Direktinvestitionen um 15,6%. Damit waren vor allem die zukunftsweisenden Nachfragekomponenten betroffen. Der Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen in Afrika war zudem höher als im Durchschnitt der Entwicklungsländer und betraf ein ohnehin schon geringes Investitionsniveau. Afrika erhält nur 4% der weltweiten Direktinvestitionen. Die Ankündigung von Projekten „auf der grünen Wiese“ fiel 2020 um 62% auf 29 Mrd USD. Die internationale Projektfinanzierung, die besonders für große Infrastrukturprojekte relevant ist, brach um 74% auf 32 Mrd USD ein.

Erholung setzt mit Verzögerung ein

Für 2021 bestehen weiterhin erhebliche Abwärtsrisiken für ausländische Investitionen in Afrika, da die Impfkampagne aus Mangel an Impfstoff nur langsam vorangeht und neue Mutationen die Zahl der Infektionen schnell erhöhen könnten. Die UNCTAD geht davon aus, dass die ausländischen Direktinvestitionen in Afrika im Jahr 2021 nur geringfügig steigen werden. Doch die Erholung der Weltwirtschaft dürfte zumindest die Nachfrage nach Rohstoffen erhöhen. Afrika hat nach Ansicht der UNCTAD durchaus Chancen auf eine stärkere Belebung der Investitionstätigkeit durch die Umstrukturierung der globalen Wertschöpfungsketten, die Genehmigung von Schlüsselprojekten und nachhaltige Investitionen im Zuge des Aufbaus der Freihandelszone AfCFTA (African Continental Free Trade Area) in den kommenden Jahren.

Afrika steht auf der Agenda

Mit der Veröffentlichung des Buches „Afrika first! Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft“ haben die Autoren Martin Schoeller und Daniel Schönwitz 2020 eine Bestandsaufnahme der Ausgangssituation in Afrika vorgelegt und leiten daraus zugleich eine Sammlung von Thesen und eine Agenda ab. Der für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zuständige Bundesminister Gerd Müller bringt die aktuelle Lage in Afrika auf den Punkt: „Die wirtschaftlichen Auswirkungen drohen langjährige Entwicklungserfolge zunichtezumachen“, schreibt er im Vorwort. Seine Schwerpunktsetzung auf die Reformstaaten in Afrika bezeichnet Martin Schoeller, bayerischer Familienunternehmer, in seinem Vorwort als großen Fortschritt, der allerdings noch nicht reiche. Notwendig sei die entschlossene Unterstützung der Reformstaaten bei Investitionen in die Infrastruktur.

Die Argumentation der Autoren folgt bekannten Orientierungspunkten: Afrikas Armut sei beschämend und zugleich Ausgangspunkt für große Absatzchancen. Die Bevölkerung des Kontinents werde in den kommenden 15 Jahren von 1,3 auf 4 Milliarden Menschen wachsen. Marktwirtschaftliche Reformen müssten mit Investitionen in die Infrastruktur unterstützt und von Maßnahmen zur Verringerung des Bevölkerungswachstum sowie steigenden Löhnen begleitet werden. Man dürfe das Feld nicht China überlassen, das sozialen Aspekten nicht so viel Beachtung schenke wie Europa mit seinem Wirtschaftsmodell.

Ein Schlüssel zu höheren Löhnen und damit zu wachsendem Konsum in den Ländern Afrikas ist nach Ansicht von Schoeller und Schönwitz eine moderne Infrastruktur. Dazu gehören Verkehrswege, Energie- und Wasserversorgung, Kommunikationsnetze (Entsorgung und Recycling sollten hinzukommen). Europa hätte dabei die Rolle des Finanzvermittlers. Mit Garantien für privat platzierte Anleihen könnte Kapital mobilisiert werden, ohne (zunächst) selbst Geld in die Hand nehmen zu müssen.

Allerdings ist dieser Ansatz nicht neu, sondern wird bereits von zahlreichen Entwicklungsbanken verfolgt. Die europäischen Angebote sind zwar hinsichtlich der Konditionen gegenüber den chinesischen Krediten zumeist attraktiver. Doch vor allem die Prüfungen der entwicklungspolitischen Relevanz sowie der sozial- und umweltpolitischen Unbedenklichkeit sind für einige Projekte herausfordernder als bei chinesischen Anbietern. Chinesische Kredite und Garantien sind dagegen oft nur durch politisches Wohlverhalten und strategische Sicherheitsleistungen zu erhalten.

Abhängigkeit vermeiden

Diese Konstellation ist nicht auf Afrika beschränkt. Im Rahmen seiner „Belt & Road Initiative“ hat China vor allem in Asien und Europa bereits einige Infrastrukturprojekte vorangetrieben. Die beteiligten Länder sind nun gegenüber China hochverschuldet und können die notwendige Rentabilität der Projekte nur schwer erreichen.

Die Autoren schlagen daher vor, eine europäische Seidenstraße zu bauen: die Gewürzroute 2.0. „Wir möchten mit diesem Buch deutlich machen, dass mehr finanziert werden muss, dass wir uns das leisten können und dass wir die Unterstützung mit den Standards der sozialen Marktwirtschaft verbinden müssen, um die extreme Armut zu überwinden“, schreiben Schoeller und Schönwitz in der Einleitung.

Die soziale Marktwirtschaft muss nach Ansicht der Autoren zum „Kernbaustein unserer Handels- und Entwicklungsbeziehungen mit Afrika“ gemacht werden. Das umfasse vertiefte Entwicklungspartnerschaften und fairen Handel, den Kampf gegen Korruption mit technischen Innovationen und schließlich: den Abbau von Vorurteilen.

Martin Schoeller, Daniel Schönwitz: Afrika first! Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft. Berg & Feierabend, 2020, 22 EUR, ISBN 978-3-948272-08-1

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