Die meisten Banken halten sich seit Jahren bei der Finanzierung der Brot- und Buttergeschäfte von Exporteuren zurück. Die Digitalisierung und Pilotprojekte haben zuletzt die Small Tickets wieder salonfähiger gemacht. Doch das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.

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Exporteure von Investitionsgütern und ihre Interessenvertreter beklagen seit Jahren die mangelnde Unterstützung bei der Finanzierung ihrer Käufer bei kleineren Auftragswerten. Dieses Problem wird immer wieder unter dem Begriff „Small-Ticket-Problem“ in der Exportfinanzierung thematisiert. Wer sich bei Small Tickets Aufträge von 50.000 oder 150.000 EUR vorstellt, der irrt gewaltig. Vor zwei bis drei Jahren waren es noch Auftragswerte unterhalb von 5 Mio EUR, mittlerweile interessieren sich die meisten Geschäftsbanken nur noch für Geschäfte oberhalb von 10, teilweise sogar erst oberhalb von 20 Mio EUR.

Für Exporteure – und nicht nur die mittelständischen Exporteure – sind Aufträge von 2, 3, oder 5 Mio EUR weder klein noch uninteressant. Häufig sind das die Brot- und Buttergeschäfte. Auch für Banken sind Kreditvolumen in diesen Größen in vielen Geschäftsfeldern gesucht und attraktiv. Nur eben nicht bei Exportfinanzierungen. Dafür, dass sich Exportfinanzierungen unterhalb von 5 bis 10 Mio EUR nicht lohnen, werden viele Gründe angeführt.

Die Bandbreite reicht von regulatorisch verursachten (Fix-)Kosten über erhöhten Beratungsaufwand beim Kunden (Exporteur und Importeur) und den Aufwand in Verbindung mit der notwendigen Hermesdeckung bis hin zu den Kosten des Onboardings der ausländischen Kreditnehmer. Alle genannten Kosten und Aufwände fallen tatsächlich an. Wie diese bewertet und ob diese treffend zugeordnet werden, kann jede Bank nur für sich entscheiden. Gemeinsames Verständnis der Banken ist hier heute wohl: Der Aufwand ist zu hoch und bleibt zu hoch. Eine gute Nachricht für Exporteure gibt es dennoch: Das Problembewusstsein hat sich stetig geschärft und es wurden mittlerweile Lösungsangebote geschaffen.

Zugang wurde digitalisiert

Den Anfang hat bereits Ende 2009 die in Luxemburg entstandene Northstar Europe S.A. gemacht. Sie hatte ein Angebot für Exportfinanzierungen zwischen 500.000 und 5 Mio EUR am Markt, das inzwischen wieder eingestellt wurde. In etwa zu der Zeit, zu der Northstar das Small-Ticket-Geschäft wieder aufgab, waren die Rufe nach Lösungen so laut, dass sie gehört wurden.

Ein erster Leuchtturm entstand im Jahr 2018. Euler Hermes, als Mandatar des Bundes für die Exportkreditgarantien des Bundes, die Hermesdeckungen, zuständig, brach mit der digitalen Produktlinie „Hermesdeckung click&cover“ das Eis. Der Zugang zu den Sicherungsinstrumenten wurde innerhalb definierter Leitplanken digitalisiert und der Antragsprozess für Exporteure dadurch einfacher. Für digital gestellte Anträge gibt es dazu das Leistungsversprechen einer beschleunigten Bearbeitung. Anfang 2019 folgte der digitale Antrag auch für Banken. Das war ein richtiger und wichtiger Schritt, um den Gesamtprozess einer gedeckten Exportfinanzierung zu vereinfachen und zu beschleunigen. In etwa zur gleichen Zeit entwickelte die AKA Ausfuhrkreditgesellschaft mbH ihre digitale Antragsstrecke für Small-Ticket-Bestellerkredite – und erste Fintechs nahmen sich der Vereinfachung eines Zugangs zu Exportfinanzierungen an.

Ein Fintech-Anbieter ist die TraFinScout GmbH. Sie betreibt eine Plattform, über die Exporteure digitalen Zugang zu unterschiedlichsten Produkten der Exportfinanzierung erhalten. Die Spannbreite reicht von der Akkreditivbestätigung über Bestellerkredite bis zu Forfaitierungen für staatlich gedeckte und privat versicherte Forderungen.

TraFinScout hat einen breiten Marktüberblick, der zeigt: Das Small-Ticket-Problem ist weiter sehr präsent. Differenziert nach den beiden Kernprodukten, dem Bestellerkredit und dem Ankauf gedeckter Exportforderungen (Forfaitierung), sieht TraFinScout keine Handvoll Banken, die Bestellerkredite unterhalb von 5 bis 10 Mio EUR selbst bearbeiten. An einen wachsenden Anbietermarkt glaubt TraFinScout nicht. Vielfach hat man ja ein Lösungsangebot, wenn auch überall das gleiche. Zu welchen Banken ein Exporteur eine Verbindung hat, spielt fast keine Rolle. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er an die AKA verwiesen werden.

Positiv hieran ist, dass es immerhin eine Lösungschance gibt. Negativ ist, dass der Innovationsdruck in der Bankenwelt gering bleibt; Wettbewerb und damit eine Angebotsdifferenzierung gibt es nur, wenn der Exporteur selbst initiativ wird und alternative Angebote wie das von TraFinScout nutzt. Bei der Forfaitierung ist die Welt noch komplexer. Hier gibt es keine Bank, die eine generalisierte Lösung anbietet. Manche, meist sehr große Exporteure können gedeckte Forderungen an ihre Hausbanken verkaufen, soweit die Forderungsvolumen ausreichend groß sind. Spätestens unterhalb von 1 Mio EUR wird das aber auch für sehr große Unternehmen schwierig.

Aktuell schauen der Bankenverband und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau bei Forfaitierungen wieder einmal in Richtung Hamburg und Berlin. Eine Forfaitierungsgarantie des Bundes, so klingt es, wäre das Allheilmittel für das Small-Ticket-Problem. Würde der Bund alle Risiken übernehmen, könnten Forderungen breit angekauft werden. Ob das dann wirklich so wäre, darf durchaus hinterfragt werden. Auch bei diesem Thema gilt: Verschiedene Perspektiven führen zu unterschiedlichen Bewertungen.

Als Fazit bleibt: Im Vergleich zu vor fünf Jahren ist das Angebot an Small-Ticket-Exportfinanzierungen, auch dank digitaler Zugangswege, besser geworden. Reicht „besser geworden“ einer Volkswirtschaft, deren Exportquote im langjährigen Durchschnitt bei über 45% liegt und in der rund 28% der Arbeitsplätze direkt und indirekt vom Export abhängen? Wie viel Hoffnung darf die Exportwirtschaft haben, dass Angebot und Versorgung in den kommenden Jahren besser und breiter werden?

Die Hoffnung bleibt gedämpft

Exportfinanzierungen sind in Banken ein Nischenprodukt. Eine exakte Zahl der unter Hermesdeckung von Banken direkt (Bestellerkredite) oder indirekt (Forfaitierungen) finanzierten Exporte findet sich nicht. Unter der maximal optimistischen Annahme, alle im Laufzeitband ab einem Jahr einzeln mit einer Hermesdeckung unterlegten Exportgeschäfte seien finanziert worden, errechnet sich ein jährliches Durchschnittspotenzial von ca. 8 Mrd EUR. Der hieraus abgeleitete Finanzierungsbestand könnte bei rund 40 Mrd EUR liegen – für sich genommen eine beachtliche Zahl.Im Vergleich hierzu beläuft sich die Summe der Kredite an inländische Firmen und Selbstständige auf über 1.650 Mrd EUR. In welches Marktsegment würden wir begrenzte Ressourcen investieren?

Deutschland steht mit dem Small-Ticket-Problem nicht allein da. In den meisten europäischen Ländern ist es genauso präsent wie bei uns – ein schwacher Trost. Gerade weil das so ist, würde ein besseres und breiteres Angebot an Exportfinanzierungen gerade mittelständische Exporteure stärken. Eine starke Exportwirtschaft muss für Deutschland von gesamtwirtschaftlichem Interesse sein.

Bleiben dann doch nur der Blick in Richtung Berlin und die neuerliche Frage, ob nur eine staatliche, zumindest aber staatlich unterstützte Exportkreditbank das Small-Ticket-Problem lösen kann? Das wäre traurig. Andere Marktfelder haben vorgemacht, was mit Kreativität, Lösungswille und unternehmerischem Mut erreicht werden kann. Warum sollte das bei Exportfinanzierungen nicht möglich sein? Von Konfuzius stammt das Zitat: „Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.“ Erste Schritte hin zu mehr Small-Ticket-Exportfinanzierungen sind gegangen. Heute ist zwar noch nicht erkennbar, wann und wie weitere folgen. Aber sie werden folgen.

Small Tickets in Ostasien

Bei der Nachfrage nach Small-Ticket-Exportfinanzierungen steht der ostasiatische Raum bisher eher hinten an. Südkorea und Japan spielen als Länder mit hohem Einkommen, vergleichsweise guter lokaler Kreditversorgung und niedrigen lokalen Zinsen kaum eine Rolle. In jüngerer Zeit gab es erste Small-Ticket-Bestellerkredite für Käufer in China. Je nach verwendeter Definition zählt auch die Mongolei zu Ostasien. Aufgrund der Länderrisikoklassifikation ist es hier einerseits herausfordernder, eine Hermesdeckung zu erhalten, andererseits ist eine Nachfrage kaum wahrnehmbar.

eckhard.creutzburg@trafinscout.com

www.trafinscout.com

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