Auf dem Subkontinent spürt man allenthalben Aufbruchstimmung in der Wirtschaft. Die Digitalisierung hat enorme Fortschritte gemacht, auch schon vor und wegen Corona. Die Politik tat ihr Übriges. So stehen die Zeichen wieder auf starkes Wirtschaftswachstum.

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Bei den Wahlen im Februar und März dieses Jahres in fünf sehr unterschiedlichen Bundesstaaten ist das regierende Parteienbündnis rund um Premierminister Narendra Modi in vier Staaten als Sieger hervorgegangen. Die oppositionelle Congress-Partei, die Indien jahrzehntelang regiert hatte und vielfach für die ebenso lange Stagnation der indischen Wirtschaft verantwortlich gemacht wird, ist weitgehend in die Bedeutungslosigkeit abgesunken.

Seit 2014 regiert Modi, nun schon in zweiter Amtszeit, mit absoluter Mehrheit durch ein Parteienbündnis, dessen stärkster Teil die BJP (Indische Volkspartei) ist. Sie wird häufig als hindu-nationalistisch bezeichnet, aber das trifft den Kern der indischen Politik nicht, weil es weder einen einheitlichen Hinduismus noch einen einheitlichen Nationalismus gibt. Ansonsten ist die Parteienlandschaft durch Regionalparteien geprägt, die jeweils nur in einem Bundesstaat stark sind. Die jüngsten regionalen Wahlerfolge der BJP werden als Grundlage für eine dritte Amtszeit Modis bei den Wahlen 2024 angesehen.

Nach ersten zaghaften Reformschritten in den 90er Jahren stagnierte die Entwicklung lange auf allen Ebenen. Zudem war die Politik durch nicht enden wollende Korruptionsskandale, Parteispaltungen und Koalitionswechsel geprägt. Erst Modi gelang es seit 2014, gestützt auf eine solide absolute Mehrheit im Parlament, einen Reformschub anzustoßen. In der Erkenntnis, dass eine große Menge der erforderlichen neuen Arbeitsplätze nur durch massive Industrialisierung erreicht werden kann, wurde das „Make in India“-Programm aufgelegt, das mehr ausländische Investitionen anlocken soll, insbesondere im industriellen Sektor.

Digitalisierung der Verwaltung

Zur Verbesserung der Infrastruktur in den Städten wurde die „Smart City Mission“ ins Leben gerufen, für die über 100 Städte ausgewählt wurden. Es gab erste Initiativen zur Privatisierung des übergroßen staatlichen Sektors (Banken, Versicherungen, Kohle, Stahl, Air India) und zur Zulassung von mehr privatem Wettbewerb in diesen Bereichen. Ebenso wurde die Digitalisierung der Verwaltung vorangetrieben, sodass heute alle wesentlichen Anträge und Formulare online einzureichen sind. Die große Steuerreform 2017 mit der Einführung der „Goods and Services Tax“, einer Art Mehrwertsteuer, hat den unüberschaubaren Dschungel von nationalen, lokalen und städtischen Steuern und Abgaben gelichtet und schuf erstmals einen einheitlichen Binnenmarkt.

Immerhin konnte Indien im „Ease of Doing Business Index“ von Platz 134 (2014) auf Platz 63 (2020) springen. Diese Position zeigt aber auch gleichzeitig, dass noch viel zu tun ist, um das Investitionsklima weiter zu verbessern. In der zweiten Amtszeit Modis wurden weitere Bereiche dereguliert. Das veraltete Arbeitsrecht wurde reformiert. Das Klima für Gründungen und Start-ups verbessert sich, vor allem natürlich in der digitalen Wirtschaft. Infolge der Corona-Pandemie hat die Regierung 27 Mrd USD für Investitionsanreize (Production Linked Incentives) bereitgestellt. Dieses Programm wird wohl auch noch weiter ausgebaut.

Da der Westen, insbesondere die USA, lange Zeit Indiens Erzfeind Pakistan als Partner präferiert hatte und auch heute noch zu bevorzugen scheint – trotz der engen Verbindung des pakistanischen Geheimdienstes zur Terrorherrschaft der Taliban in Afghanistan –, wandte sich Indien früh der Sowjetunion und später Russland zu. Für die sowjetische Hilfe in den frühen Jahren ist Indien heute noch dankbar. Zwar ist der Handel zwischen Indien und Russland eher unbedeutend, im Bereich Militär und Atomkraft aber für Indien lebenswichtig. Russisches Gas und Kohle spielen jedoch kaum eine Rolle. Indien bezieht sein Gas immer noch unter anderem aus dem Iran, trotz des US-Embargos.

Außerdem erschließt sich Indien Kohlelieferungen aus den Ländern rund um den Indischen Ozean: Indonesien, Mosambik und seit Kurzem Australien. Beim Öl ist Indien mit den größten Raffineriekapazitäten der Welt sowohl Importeur von Rohöl als auch Exporteur von Ölprodukten. Der Plan, eine „Seebrücke“ zwischen dem indischen Hafen Chennai und Wladiwostok zu bilden, um dann Güter von dort per Bahn nach Europa zu liefern – nach dem Muster der Yiwu-Duisburg-Eisenbahnverbindung der „Neuen Seidenstraße“ Chinas –, dürfte ebenso wie sein Vorbild durch den Ukraine-Krieg Schaden nehmen.

Das Arabische Meer als Vorgarten

Prägender bleibt aber der Gegensatz zu China. An der Grenze, der sogenannten Line of Actual Control, kommt es immer wieder zu kleineren Scharmützeln. Indien fühlt sich auch durch die „Neue Seidenstraße“ zunehmend eingekreist, denn der wichtigste Teil der „Straße“ führt durch das verfeindete Pakistan und gibt China einen Hafen am Arabischen Meer, das Indien bis dato als eigenen Vorgarten betrachtet hat. Im Gegenzug baut Indien im Iran mit großem Aufwand den Hafen Chabahar, der das zentralasiatische Hinterland für Indien unter Umgehung von Pakistan erschließen soll.
Aktuell entwickelt sich, auch aufgrund des Paradigmenwechsels der amerikanischen Außenpolitik, eine neue Gruppierung in Form der „Quad“ – USA, Japan, Australien, Indien –, die auch ganz klar gegen die chinesische Expansion gerichtet ist. Mit einigen asiatischen Staaten – Japan, Südkorea, ASEAN – bestehen Freihandelsabkommen. Im März wurde auch ein Freihandelsabkommen mit Australien geschlossen. Es bedient den Kohlehunger Indiens – und gibt Australien eine willkommene Alternative zum schwierig gewordenen Absatzmarkt China.

Der Regierung Modi dürfte klar sein, dass man China nicht als „verlängerte Werkbank der Welt“ ersetzen kann, aber Indien versucht sich als Alternative zu China ins Spiel zu bringen. Dabei bemüht man sich insbesondere um Japan und Deutschland. In Japan gibt es bereits eine „China Plus“-Politik; japanische Investitionen in Indien steigen zunehmend, während in Deutschland die Diskussionen, wie man aus der fatalen Abhängigkeit von China herauskommen kann, noch weitgehend von der Russland-Thematik überlagert werden.

Besonders schmerzhaft für das Software-Land Indien ist die fast völlige Abhängigkeit von Importen im gesamten Bereich der elektronischen und elektrischen Hardware. Hier wird massiv versucht, die heimische Produktion von Handys, Computern, Elektronik usw. anzustoßen; so zeichnen sich einige Großinvestitionen in diesem Bereich ab.

Indien versucht auch, sich als Alternative zu China als Exportstandort zu profilieren. Die Ausfuhr aus Indien heraus ist in den vergangenen Jahren wesentlich erleichtert worden. Der deutsche Handel mit Indien ist seit 2016/17 rückläufig. Dies wird von vielen indischen Seiten beklagt. Seit zehn Jahren gibt es deutsch-indische Regierungskonsultationen, jedoch hat dies die Bemühungen um ein Freihandelsabkommen mit der EU nicht vorangebracht. Indien versucht nun „Early Harvest“-Abkommen zu schließen, bei denen die strittigen Punkte ausgeklammert werden, und macht diesbezüglich Fortschritte mit Großbritannien und den Emiraten, jedoch nicht mit der EU und damit auch nicht mit Deutschland.

Indien als Exportdrehscheibe

Gerade in den deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen ist noch viel Luft nach oben. Wer in den indischen Markt eindringen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass dieser Markt extrem preissensibel ist und angepasste Produktentwicklungen erfordert. Auch macht es Sinn, über Indien als Standort nicht nur für den Binnenmarkt, sondern auch als Exportdrehscheibe, insbesondere für den asiatisch-afrikanischen Markt, nachzudenken. Weiterhin unerschöpflich bleibt das Potenzial an indischen Talenten im IT- und Engineering-Sektor. Dies, verbunden mit der absehbar langfristigen politischen Stabilität in einem demokratischen Land, dürfte für ein verstärktes deutsches Engagement in Indien sprechen.

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