Erst wurde der Karibikstaat von einer Naturkatastrophe nach der anderen heimgesucht, seit der Ermordung des Präsidenten vor eineinhalb Jahren dann von gewalttätigen Bandenkriegen. Und nun greift auch noch eine Seuche um sich. Das alles ist ein giftiger Cocktail für Menschen und Wohlstand.

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Seit Wochen wird Haiti von gewalttätigen Protesten und Streiks erschüttert. Die Demonstranten fordern die Absetzung des amtierenden Premierministers Ariel Henry und weitere Maßnahmen gegen die hohe Inflation, die im Juli auf über 30% angezogen hat. Allen voran die Preise für Lebensmittel, Wasser und Kraftstoff explodierten. Die Insel ist in starkem Maße auf Importe angewiesen.

Premierminister Henry trat sein Amt – ohne demokratische Wahlen – nach der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse im Juli 2021 interimsmäßig an. Der Posten des Staatsoberhaupts ist immer noch unbesetzt, da die derzeitige Übergangs-regierung keine Wahlen organisiert bekommt. Das Parlament tagte seit 2020 nicht mehr. Gleichzeitig sind die kriminellen Banden immer mächtiger geworden. Der Kampf um Macht und Territorium hat zu einer Zunahme von Bandengewalt und Erpressung geführt.

Einige Gangs haben effektiv die Kontrolle über verschiedene Viertel der Hauptstadt Port-au-Prince, wichtige Straßen, Häfen, Institutionen und ein bedeutendes Tankterminal übernommen. Angesichts des politischen Vakuums und der Tatsache, dass so bald keine demokratischen Wahlen stattfinden werden, befürchtet Credendo ein weiteres Umsichgreifen der Bandengewalt im ganzen Land.

Im Oktober eskalierte die Lage erneut, nachdem Henry befreundete Staaten gebeten hatte, bewaffnete Truppen zu schicken, um die Situation auf den Straßen unter Kontrolle zu bringen. Tausende demonstrierten in Port-au-Prince gegen eine Einmischung von außerhalb. Schulen sind geschlossen, auch Banken und Krankenhäuser haben nur an wenigen Tagen in der Woche geöffnet.

Cholera kehrt zurück

Mittlerweile leiden erstmals nahezu 20.000 Menschen in Haiti an Hungersnot, wie das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) Mitte Oktober bekannt gab. Noch nie waren auf dem gesamten amerikanischen Kontinent Menschen in einer solch katastrophlen Lage. Nach Angaben des WFP gibt es für die Hungerleidenden höchstens eine Mahlzeit am Tag und so gut wie keine nahrhafte Nahrung. Wegen der prekären Sicherheitslage haben Hilfsorganisationen kaum Möglichkeiten, ins Land zu kommen. Anfang Oktober kehrte zu allem Überfluss auch noch die Cholera zurück.

Credendo befürchtet angesichts der angespannten politischen Lage auch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Obwohl Haiti auf dem Papier eine relativ niedrige kurzfristige Auslandsverschuldung aufweist und über ausreichende Devisenreserven verfügt, könnten die hohe politische Instabilität, die zunehmende Macht von Banden und das Risiko von Naturkatastrophen zu einer Devisenknappheit führen. Dem Land drohen eine Rezession und weiter steigende Inflationsraten.

Ausführliche Länderberichte finden Sie auf der Seite www.credendo.com

k.koch@credendo.com

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