Vor den chinesischen Häfen stauen sich die Schiffe, die Container- und Rohstoffpreise sind auf sehr hohe Niveaus gestiegen. Gleichzeitig sind die Auftragsbücher voll. Die deutsche Industrie steht vor nie dagewesenen Herausforderungen.

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Im weltweit drittgrößten Containerhafen Ningbo-Zhoushan stauen sich die Containerschiffe. Ende August warteten noch immer 44 Frachter auf ihre Abfertigung – und damit mehr als doppelt so viele wie üblich. Auch die Nachbarhäfen in Shanghai, Yantian, Hongkong, Shekou und Busan bekommen den Stau zu spüren und können die Wartenden nicht mehr zügig genug abfertigen. Auf kleinere Häfen ausweichen funktioniert nicht, da die meisten Containerschiffe schlichtweg zu groß sind und tiefe Fahrrinnen benötigen.

Die Folgen für den Welthandel und die deutsche Industrie sind gravierend: Auf den Schiffen sind nämlich volle Container verladen, die dringend für neue Fracht benötigt würden. Zudem nehmen die Lieferzeiten immer weiter zu. Normalerweise dauert das Be- und Entladen eines Containerschiffs in chinesischen Häfen durchschnittlich 0,6 Tage. Durch die Staus vor den Häfen kommen die Schiffe aber erst gar nicht bis zur Abfertigung – und müssen meist tage- bis wochenlang vor einem Hafen warten.

Volle Auftragsbücher, nicht genügend Rohstoffe

Die Folge: steigende Preise. Seit August 2020 haben sich die Frachtkosten für den Seeweg eines 40-Fuß-Containers von China nach Europa fast versiebenfacht. Im August 2020 kostete die Beförderung mit einem 40-Fuß-Container rund 2.000 USD, im August 2021 waren es 14.000 USD. Die Schifffahrtskrise ist auf die chinesische Null-Covid-Politik zurückzuführen. Die Volksrepublik schließt direkt ganze Häfen, sobald nur ein einziger Hafenmitarbeiter positiv auf Corona getestet wird. Zudem reglementiert sie die Anzahl der Hafenarbeitskräfte stark.

Das stellt die deutsche Industrie vor ein nie dagewesenes Problem. Auf der einen Seite hat das Welthandelswachstum ein Rekordhoch erreicht. Aktuell ist das Welthandelsvolumen – wenngleich durch den Basiseffekt etwas überzeichnet – rund 15% höher im Vergleich zum Vorjahr. Schon im Dezember 2020 wurde der Höchststand des Welthandelswachstums aus dem Jahr 2018 überschritten. Weltweite Konjunkturprogramme, die im Zuge der Corona-Krise aufgesetzt wurden, zeigen Wirkung und die stark zunehmende Nachfrage bestimmt das wirtschaftliche Geschehen.

Das führt dazu, dass sich auch der Auftragsbestand der deutschen Industrie auf einem Rekordhoch befindet. Der preisbereinigte Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe legte im Juni 2021 um 2,8% gegenüber dem Vormonat zu und erreichte seinen Höchststand seit Einführung dieser Statistik im Jahr 2015. Die deutschen Industrieunternehmen müssten nun theoretisch sieben Monate lang produzieren, um ihre hohen Auftragsbestände abzuarbeiten.

Auf der anderen Seite steht die Schifffahrtskrise, die die Containerpreise explodieren lässt und Lieferzeiten verlängert. Dazu kommt der Rohstoffmangel und der damit verbundene Preisanstieg: Metalle, Mineralien, Kunststoffe und Holz sind gerade Mangelware. Die Nachfrage nach Rohstoffen im Zuge der konjunkturellen Erholung ist unerwartet hoch, zugleich sind die Produktionskapazitäten zu gering.

Das wirkt sich naturgemäß auf die Preisbildung aus. Wie stark die Rohstoffpreise angezogen haben, zeigt ein Blick auf die deutschen Produzentenpreise: Sie waren im Juli 2021 um 10,4% höher als im Vorjahresmonat – das ist der stärkste Anstieg seit der Wiedervereinigung, erstmals gab es ein zweistelliges Plus. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zeigt, dass 83% der deutschen Industriebetriebe steigende Energie- und Rohstoffpreise zunehmend als Risikofaktor für ihre wirtschaftliche Entwicklung sehen. Zum Jahresbeginn waren es mit 45% deutlich weniger, die diesen Faktor als kritisch betrachteten.

Die Preise dürften noch weiter steigen, da die Hersteller die hohe Nachfrage derzeit noch weitgehend aus ihren bestehenden Lagerbeständen bedienen. Aber die leeren sich nun zusehends. Infolgedessen ist absehbar, dass in der Zukunft weitere Nachfrage den Markt überschwemmen wird und die Preise anziehen könnten – wenn auch nicht ganz so dynamisch wie zuvor.

Eine kurzfristige Erholung ist nicht in Sicht. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel erwartet, dass die Beeinträchtigungen der Lieferketten durch die Probleme im Schiffsverkehr die deutsche Wirtschaft mindestens bis ins dritte Quartal 2022 beschäftigen werden. Jedoch ist mit deutlichen Nachholeffekten im Jahr 2022 zu rechnen. Um davon zu profitieren, muss die deutsche Industrie ihre Produktionskapazitäten allerdings erhöhen, die durch die Lieferengpässe aktuell stark geschwächt sind. Das IfW schätzt, dass die Lieferengpässe die deutsche Industrie 5% an Wertschöpfung kosten – umgerechnet rund 25 Mrd EUR.

Von China abkoppeln? Keine Option

Trotz der signifikanten Lieferprobleme und des daraus folgenden Rohstoffmangels halten deutsche Unternehmen an ihren internationalen Lieferketten fest. Sie begegnen den Herausforderungen, indem sie ihre Lagerhaltung erhöhen, die Produktion flexibler gestalten und ihre Lieferantennetzwerke ausbauen. Und: Zwei Drittel der deutschen Unternehmen geben die gestiegenen Einkaufspreise an ihre Kunden weiter.

Immer öfter werden Stimmen laut, die eine Entkopplung Deutschlands von internationalen Lieferketten fordern. Eine tragfähige Alternative ist das allerdings nicht: Berechnungen des IfW zufolge würde eine komplette Entkopplung der deutschen Wirtschaft von internationalen Lieferketten das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 5,8% schmälern. Das Realeinkommen könnte infolgedessen um 6,9% sinken. Würde sich Deutschland nur von China abkoppeln, könnten das BIP bis zu 1,3% und die Realeinkommen um 1,4% abnehmen. Es bleibt also zu hoffen, dass sich der Flaschenhals vor Chinas Küste zügig verbreitert.

barbara.ambrus@lbbw.de

lennart.lachmann@lbbw.de

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