Die von Öl und Gas abhängige Wirtschaft sieht sich mit einer baldigen Erschöpfung der Reserven konfrontiert, genau wie der Staat und sein bedeutendster Fonds. Auch deshalb sind die Aussichten für den kleinen südostasiatischen Inselstaat eher verhalten. Noch aber profitiert Timor-Leste in starkem Maße von seinen Energiequellen, gerade auch in Zeiten steigender Preise.

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Die Bevölkerung Osttimors hat José Ramos-Horta im April dieses Jahres nach friedlichen Wahlen zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Gestärkt wurde sein Erfolg durch die Unterstützung der einflussreichsten politischen Persönlichkeit des Landes, des Oppositionsführers und ehemaligen Premierministers Xanana Gusmão. Die für 2023 angesetzten Parlamentswahlen werden möglicherweise vorgezogen. Im wahrscheinlichen Falle eines Sieges würde sich Gusmão wohl intensiv für die Expansion des Öl- und Gassektors sowie für groß angelegte Infrastrukturvorhaben einsetzen. Während seiner ersten Ansprache anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Timor-Leste kündigte Ramos-Horta die mögliche Beteiligung Chinas an einigen dieser Großprojekte an.

Der Präsident des kleinen Eilandes will die bilateralen Beziehungen mit der Volksrepublik stärken. Die Exporte nach China sind in den vergangenen zehn Jahren fortwährend gestiegen und vor dem Hintergrund der „Belt and Road“-Initiative (BRI) wird mit einer weiteren Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gerechnet. Außerdem könnte sich Timor-Leste unter der Präsidentschaft Ramos-Hortas ab 2023 möglicherweise dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) anschließen.

Reserven wohl bis 2025 erschöpft

Nach dem Covid-19-Schock im Jahr 2020 haben sich die makroökonomischen Fundamentaldaten des Landes dank steigender Öl- und Gaspreise bereits 2021 deutlich verbessert. Im Zuge von Bauinvestitionen und noch höherer Öl- und Gaspreise konnte sich die wirtschaftliche Erholung 2022 fortsetzen. Da die bestehenden Reserven fossiler Energieträger im Land Schätzungen zufolge bis etwa 2025 erschöpft sein werden, wird die Wirtschaft nur noch in den kommenden Jahren von den hohen Preisen gestützt. Für dieses Jahr wird jedoch nur ein moderates, begrenztes Wachstum des realen BIP von knapp 2% erwartet.
So werden die positiven Effekte der hohen Preise durch den Produktionsrückgang im Öl- und Gassektor teilweise aufgehoben. Dies führt zu Exporteinbußen gegenüber dem Vorjahr. Aufgrund der hohen Rohstoffpreise sowie infolge des Inflationspuffers verschärft sich außerdem der Inflationsdruck, obgleich der US-Dollar als gesetzliches Zahlungsmittel verwendet wird. Die Inflationsrate weist seit Jahresbeginn einen steigenden Trend auf und lag im Mai bei 7,4%.

Dies kann u.U. dazu beitragen, dasss sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt und das Konsumklima verschlechtert. Hohe Lebensmittelpreise könnten in einem armen Land wie Osttimor das Risiko sozialer Proteste wiederum erhöhen. Darüber hinaus werden höhere Importe in Kombination mit geringeren Exportvolumen im Öl- und Gassektor zu einem jähen Anstieg des Leistungsbilanzdefizits von 2,7% des BIP im Jahr 2021 auf 33,6% des BIP in diesem Jahr führen. Dieser Trend wird sich angesichts der nahenden Erschöpfung der Öl- und Gasreserven in den kommenden Jahren wohl weiter verschärfen.

Auch bei den Staatsfinanzen wird diese negative Entwicklung zu beobachten sein. Angesichts der Kombination aus strukturell sinkenden Staatseinnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft – der bei Weitem wichtigsten Einnahmequelle –, hohen Ausgaben sowie Auslandskrediten zur Finanzierung öffentlicher Investitionsvorhaben liegt das Haushaltsdefizit seit über zehn Jahren im hohen zweistelligen Bereich und wird Prognosen zufolge ab 2023 auf über 40% ansteigen.

Regierung kann auf Staatsfonds Timor-Leste Petroleum Fund (PF) zurückgreifen

Die Regierung kann allerdings zur Finanzierung ihrer ehrgeizigen Ausgabenpläne auf den Staatsfonds Timor-Leste Petroleum Fund (PF) zurückgreifen. Bis neue Einnahmequellen erschlossen werden, dürfte sie auch in den kommenden Jahren auf den PF angewiesen sein. Obwohl sich der PF 2020 auf annähernd 1.000% des BIP (knapp 2 Mrd USD) belief, könnten die immer häufigeren Entnahmen dazu führen, dass der Staatsfonds bis 2033 nahezu vollständig aufgezehrt ist.
Der Mangel an Leistungsbilanzeinnahmen, die eine robuste Alternative zu den Kohlenwasserstoffvorkommen bilden, trübt die Risikoprognose in Osttimor weiter ein. Einerseits ist der Nichtölsektor relativ unterentwickelt, weswegen die Behörden bei der Wahl aktueller und künftiger Wachstumstreiber den Schwerpunkt eher auf Agrar- und Infrastrukturprojekte legen. Andererseits ist die mögliche angehende Regierung Gusmãos entschlossen, die Öl- und Gasindustrie auszubauen.

Gleichzeitig liegt die potenzielle Entwicklung des Öl- und Gasfeldes „Greater Sunrise“ in einer unsicheren und fernen Zukunft. Vor 2030 dürfte die Erschließung realistischerweise nicht beginnen. Dies ist auf Finanzierungslücken sowie festgefahrene Gespräche mit Australien über einen Produktionsteilungsvertrag zurückzuführen. Um die wirtschaftliche Anfälligkeit zu reduzieren und den Ölfluch abzumildern, insb. hinsichtlich des öffentlichen Finanzmanagements und der Qualität der Institutionen, ist die Diversifizierung über fossile Brennstoffe hinaus von entscheidender Bedeutung.
Nur so können die langfristige ökonomische Tragfähigkeit des Landes und die Schaffung ausreichender Arbeitsplätze für die sehr junge Bevölkerung sichergestellt werden. Tatsächlich leistet die Öl- und Gasindustrie nur einen geringen Beitrag zur lokalen Beschäftigung.

Gewährt China erste Kredite?

Auch die künftige Zusammenarbeit mit China wird genau beobachtet. Dies betrifft nicht nur die wirtschaftlichen Entwicklungen, die vorwiegend von BRI-Projekten getrieben werden. In deren Rahmen dürfte China künftig erste Kredite an Timor-Leste gewähren. Auch die Intensivierung geopolitischer Manöver in der Region spielt natürlich eine Rolle. So kämpfen China, die USA, Australien und andere Staaten um Einfluss, um ihre geostrategische Position zu verbessern und ihre regionalen Interessen zu verteidigen. Wie bereits bei einigen anderen Pazifikinseln gesehen, spielen gerade die kleinen Staaten eine größere Rolle mit Blick auf Sicherheitsfragen und sonstige Kooperationen.

Kurzfristig dürften die politischen Risikobewertungen Credendos stabil bleiben, wobei für das Geschäftsumfeldrisiko ein zurückhaltend optimistischer Ausblick gilt.

k.koch@credendo.com

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