Geopolitik war schon immer wichtig für die Art und Weise, wie global, regional und lokal gewirtschaftet wurde. An der Wahrnehmung hat es in den vergangenen Jahrzehnten indes gemangelt. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton sprach einst von „It’s the economy, stupid“ und erklärte damit jegliche Politik als ein Ergebnis wirtschaftlichen Handelns. Geopolitik wurde in Politik und öffentlicher Wahrnehmung zum Instrument einer fortschreitenden Globalisierung gemacht.

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Dass die fortschreitende Globalisierung bereits in den vergangenen Jahren auf vermehrten Widerstand traf, ist internationalen Akteuren wie Unternehmen, Banken und internationalen Organisationen indes nicht entgangen. Prominente Beispiele sind der unter Präsident Donald Trump im Jahr 2017 entfachte Handelskrieg mit China oder die intensiver genutzten und exterritorial auch in Europa durchgesetzten Sanktionsregimes der USA. Die frühen Warnungen der Ökonomen, dass Chinas 2015 eingeleitete Wende in der Wirtschaftspolitik der Versuch einer einseitigen Veränderung der wirtschaftlichen Verflechtung sei, drangen kaum ins öffentliche Bewusstsein. Die neue chinesische Wirtschaftsdoktrin der „Zwei Kreisläufe“ sieht für China sogar eine komplett neue grenzüberschreitende Wirtschaftsweise.

Der Weg zu Nachhaltigkeit ist noch weit

Genauso gehören dazu aber auch die Debatten, die in Deutschland zur Ablehnung des Handelsabkommens TTIP oder zur langwierigen Ratifizierung des EU-kanadischen Handelsabkommens CETA geführt haben. In vielen Ländern, nicht zuletzt auch in Deutschland, bestehen in breiten Teilen der Gesellschaft Zweifel, ob der durch Welthandel entstandene Wohlstand fair verteilt wurde, wenn in fast allen Ländern der Welt die wirtschaftliche Ungleichheit gemessen am Gini-Koeffizienten zuletzt gewachsen ist. Auch die Debatte um Nachhaltigkeit wurde zwar global geführt, zeigt aber bei Fragen der guten Regierungsführung oder bei Umweltstandards, wie weit der Weg noch ist, und führte z.B. bei der Bepreisung von CO2-Emissionen bislang auch eher zu Abschottung als zu Kooperation.

Somit ist bereits seit einigen Jahren erkennbar, dass wir uns zwar nicht in einer Phase der De-Globalisierung, aber der Re-Globalisierung befinden – einer mehrseitigen partiellen Entkoppelung grenzüberschreitender Kooperation. In der Vergangenheit stark gewachsene Handels- und Investitionskorridore verlieren an relativer Bedeutung, andere gewinnen z.B. durch Near- und Friendly Shoring. Der Krieg in der Ukraine hat diese Entwicklung massiv beschleunigt. Der China-Taiwan-Konflikt dürfte ebenfalls dazu beitragen. Die Fragestellungen, ob Wandel durch Handel eine Illusion war, inwieweit es eine De-Globalisierung geben wird und ob unser deutsches Wirtschaftsmodell vor radikalen Veränderungen steht, sind nicht trivial zu beantworten. Sicher ist in Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre nur, dass Kooperation dauerhaft zu besseren Ergebnissen führt als Destruktion. Für die kommenden Jahre dürfte sich die internationale Kooperation in vielen Aspekten und Regionen gestört zeigen und es bedarf daher einiger Anpassungen für Unternehmen im internationalen Umfeld.

Um in Bill Clintons Bild zu bleiben: „It’s not only the economy, it is also geopolitics, stupid!“ Unternehmerisches Handeln auf dem internationalen Parkett erfordert eine Renaissance geopolitischen Denkens. Wie aber übersetzt sich dieses geopolitische Denken in unternehmerisches Handeln?

Sicherung der Lieferketten im Fokus

Eine zentrale Rolle in jedem Unternehmen nehmen die Lieferketten ein. Zusätzlich muss die Lieferkette vom Sourcing bis zum Absatz finanziert werden. Im geopolitischen Kontext dürfte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Stabilität der Lieferkette im Fokus sein. Die Stabilität von Lieferanten und Abnehmern, die Stabilität von Transportwegen und letztlich auch die Stabilität von Finanzierungsbedingungen gilt es auf Basis der geopolitischen Analyse für jedes international verflochtene Unternehmen spätestens jetzt neu zu bewerten und anzupassen:

1. Unternehmen werden sich beim Einkauf von Rohstoffen und Vorprodukten stärker diversifizieren müssen. Neben der Diversifikation kann auch die vertikale Integration in Erwägung gezogen werden, um die Resilienz der Lieferkette zu verbessern.

2. Investitionen in ausländische Produktionsstätten werden sich u.a. stärker danach ausrichten, wie robust, freundlich oder beeinflussbar die Beziehungen der Länder zueinander sind (Friendly Shoring). Dies ermöglicht Einfluss, z.B. bei Zöllen, Investitionsschutz oder der Vermeidung von Industriespionage. Die Verlagerung von Produktion von China nach Vietnam ist ein aktuelles Beispiel dafür.

3. Wer seine Absatzmärkte nicht hinreichend auf mögliche geopolitische Konflikte, die gravierende Wirtschaftssanktionen mit sich ziehen können, prüft und auch hier nicht versucht, gleichzeitig zu diversifizieren, der geht hohe Risiken auf der Umsatzseite ein.

Finanzierung als Herausforderung

Bleibt die abschließende Fragestellung, welche Veränderungen in der Finanzierung von international handelnden Unternehmen zu erwarten bzw. bereits im Gange sind? Die Finanzierung der Lieferkette, auch bekannt als Supply Chain Finance, steht logischerweise vor genauso markanten Veränderungen wie die Veränderung der Lieferkette selbst:

1. Findet der grenzüberschreitende Einkauf von Rohstoffen oder Vorprodukten in Zukunft mit mehr Lieferanten in mehreren Ländern statt, sind Zahlungsbedingungen mehrfach neu auszuhandeln und Devisenbestimmungen dabei zu berücksichtigen. Da Rohstoffsicherung nun offensichtlich ein strategisches Thema geworden ist, werden Regierungen Unterstützung leisten, in Deutschland z.B. vermehrt mit dem sog. Ungebundenen Finanzkredit (UFK), der zusammen mit Banken arrangiert werden kann, um Rohstofflieferanten z.B. zwecks Expansion zu finanzieren. Mehr Lieferanten gehen i.d.R. mit einer geringeren Einkaufsmacht und damit erhöhten Bezugspreisen einher. Neben der bereits bestehenden Inflation und hohen Rohstoffpreisen ein weiterer Grund, Betriebsmittelfinanzierungen mit den Banken in Anzahl und Volumen auszuweiten und auch hierbei in Diversifikation zu denken.

2. Eine vertikale Integration des Sourcings erfordert massive Mittel in der Akquisitionsfinanzierung. Ebenso dürfte die Verlagerung von Produktionsstätten erhebliche Mittel erfordern. Sofern es ein Nearshoring in die EU oder sogar ein Re-Shoring nach Deutschland gibt, stehen umfangreiche Fördermittel- und Kreditprogramme zur Verfügung, bei denen Banken beratend und finanzierend zur Seite stehen.

3. Auf der Absatzseite führt das Entkoppeln, z.B. über Sanktionen, zu empfindlichen Umsatzeinbußen, die überbrückt werden müssen, bis neue Absatzmärkte gefunden wurden. Neue und mehr Absatzmärkte bringen neue und mehr Zahlungsbedingungen mit sich. Es wird die Regel sein, dass nicht eine Bank alle grenzüberschreitenden Zahlungen, z.B. durch Akkreditive, absichern kann, ganz zu schweigen von der Exportfinanzierung. Hier kann eine Verbreiterung des Bankenkreises mit guter internationaler Vernetzung, einer langen Erfahrung und geopolitischem Verständnis Abhilfe verschaffen.

Geopolitisches Denken bei international handelnden Unternehmen erlebt eine Renaissance. Im Zentrum stehen dabei die Sicherstellung der Stabilität der Lieferkette vom Sourcing bis zum Absatz und die Finanzierung derselben. Dabei ist es erfolgskritisch, geopolitische Implikationen zu berücksichtigen und die Finanzierung daraufhin im Dialog mit einem diversifizierten Bankenkreis weiterzuentwickeln.

florian.witt@oddo-bhf.com

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