Der Streik der Lastwagenfahrer ist vorbei. Die Versorgung normalisiert sich. Das Land bleibt auf Wachstumskurs. Auf der Agenda stehen Reformen des Sozialsystems und eine Privatisierung der Staatsbetriebe. „Brasilien bekommt eine neue DNA“, sagte Marcos Prado Troyjo, Direktor des BRICLab an der Columbia Universität auf dem ExportManager-Forum Brasilien, das der ExportManager gemeinsam mit LIDE Deutschland, der Santander Bank und der Messe München am 4. Juni in Frankfurt am Main veranstaltete.

Beitrag in der Gesamtausgabe

Politische Konjunktur

Aktuell weist Brasilien für das erste Quartal 2018 ein Wirtschaftswachstum von 1,2% gegenüber dem Vorjahr aus. Wegen des Streiks wird die Wachstumsrate im Gesamtjahr nur auf 2% steigen, prognostizieren die Volkswirte der Santander Bank. Das Vertrauen der Konsumenten und Unternehmen ist nach den Rezessionsjahren 2015 und 2016 zurückgekehrt, sagte André Beust, Senior International Business Manager der Santander Bank.

Marcos Troyjo wies in seiner Keynote auf die wechselvolle Wirtschaftsentwicklung Brasiliens hin: Phasen der Hochkonjunktur wie 2010 wechseln sich ab mit Phasen der Rezession. Anlass sind zumeist politische Konflikte. Durch die Aufarbeitung des Korruptionsskandals Lava Jato, die unter anderem zur Verurteilung des früheren Präsidenten Lula da Silva führte, ist das bisherige politische System diskreditiert. Die aussichtsreichen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl könnten nach der Wahl einen stärker privatwirtschaftlichen Kurs einschlagen.

Importsubstitution schwächt Industrie

Einen Schwachpunkt der brasilianischen Wirtschaft sieht Troyjo in der jahrelangen Importsubstitution, die Produkte aus brasilianischer Produktion verteuert habe. So koste zum Beispiel ein Öltanker mit brasilianischem Wertschöpfungsanteil weit mehr als ein vergleichbares Schiff aus chinesischer oder koreanischer Produktion. Dieser Kostennachteil, der sogenannte Custo Brasil, werde nun abgebaut, ist Troyjo überzeugt.

Weiterhin Bestand hat nach Ansicht Troyjos die Nachfrage nach brasilianischen Rohstoffen und Agrarerzeugnissen vor allem in Asien. Auch wenn China nicht mehr so stark wachse wie in den vergangenen Jahren, seien die absolute Wirtschaftsleistung und damit die Nachfrage doch weit höher als in den Jahren des zweistelligen Wachstums. Auch die Gefahr höherer Zinsen durch die Straffung der Geldpolitik sei für Brasilien nicht so ausgeprägt wie für andere Schwellenländer.

Steuern und Streik belasten Einstieg

Für Dr. Jochen Walter, Regional Manager Brasilien der Messe München, war der Einstieg in den brasilianischen Markt herausfordernd. Frühzeitig müsse man sich um Steuern und Finanzen kümmern, sollte das geplante Projekt einfach halten, um nicht von der Komplexität der brasilianischen Rahmenbedingungen überwältigt zu werden, riet er den Teilnehmern des ExportManager-Forums. So hätten die verschiedenen Steuerarten den Rahmen der firmeninternen Software gesprengt. Die Messe München hat eine Baumaschinenmesse in Brasilien erworben. Der Streik der Lastwagenfahrer zwang das Unternehmen, die für den 5. Juni geplante Messe in den Dezember zu verschieben. Mit Rückschlägen habe man gerechnet, sagte Walter, aber man plane ein langfristiges Engagement. In Brasilien brauche man einen langen Atem.

gunther.schilling@frankfurt-bm.com

Aktuelle Beiträge