Die KfW IPEX-Bank hat im November 2010 offiziell ihre Repräsentanz in Abu Dhabi eröffnet. Sie kann auf langjährige Erfahrungen der KfW bauen, die seit Mitte der siebziger Jahre in der Golfregion aktiv ist. Büroleiter Klaus Sander erläutert die besondere wirtschaftliche Stärke Abu Dhabis und nennt die Bereiche, in denen sich interessante Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen eröffnen. Eine deutliche Zunahme der Finanzierungen erwartet er im Bereich Infrastruktur.

Interview mit Klaus Sander, Büroleiter Abu Dhabi, KfW IPEX-Bank

Herr Sander, die KfW IPEX-Bank hat im November 2010 offiziell ihre Repräsentanz in Abu Dhabi eröffnet. Welches waren die Gründe für die Auswahl des Standortes Abu Dhabi?

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zeichnen sich durch politische Stabilität und ein sicheres, unternehmerfreundliches Umfeld aus. Innerhalb der VAE fiel die Wahl auf Abu Dhabi, weil dieses Emirat aufgrund seiner hohen Wirtschafts- und Finanzkraft die planvolle Umsetzung einer Langfriststrategie zur Verringerung der Abhängigkeit von der Öl- und Gasförderung betreiben kann. Hier sehen wir Chancen für die deutsche Exportwirtschaft und somit auch für uns.

Mit ausschlaggebend bei der Standortwahl war selbstverständlich auch, dass sich in den letzten Jahren vermehrt namhafte deutsche Unternehmen – z.B. aus den Sektoren Öl, Gas und Petrochemie – in Abu Dhabi niedergelassen haben und dass mit der „Abu Dhabi Water and Elec­tricity Authority (ADWEA)“ bereits eine langjährige, hervorragende Kundenbeziehung bestand. Abu Dhabi begann bereits 1998 mit der Privatisierung des Kraftwerks- bzw. Energieerzeugungssektors, und die KfW (später die KfW IPEX-Bank) ist seitdem mit einer Ausnahme in allen Projektfinanzierungen für die sogenannten „Independent Water and Power Projects (IWPPs)“ in Abu Dhabi (und Fujairah) prominent vertreten. Weitere Entscheidungsfaktoren waren, dass Abu Dhabi als Hauptstadt der VAE auch Sitz der Zentralbank ist und dass die deutsche Botschaft hier residiert. Der internationale Flughafen Abu Dhabis bietet zudem gute Verbindungen in die Region des GCC (Gulf Co-Operation Council), was wegen der Regionalbürofunktion der IPEX-Repräsentanz von Bedeutung ist.

Die VAE sind von der Weltwirtschaftskrise spürbar getroffen worden. Wie sehen Sie derzeit die Entwicklungs- und Wachstumsperspektiven der VAE und insbesondere des Emirats Abu Dhabi?

Ein allgemein bekannter Grund für die Krisenanfälligkeit Dubais ist, dass das Emirat nicht über nennenswerte Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft verfügt und exzessiv in den Immobiliensektor investierte. Die meines Erachtens im Vergleich zur geplatzten Immobilienblase weitaus bedenklichere Fehlentwicklung spielte sich allerdings im Bereich „Private Equity“ ab. Sie wurde vor allem durch einige Unternehmen, die der Regierung des Emirats Dubai bzw. Mitgliedern der regierenden Familie zuzuordnen sind („Dubai Inc.“), getrieben. Diese haben in der Phase des billigen Geldes (ab 2004/2005) übermäßig Fremdkapital aufgenommen und sind damit international „auf Einkaufstour“ gegangen. Dabei wurden weltweit im großen Stil Unternehmensbeteiligungen gekauft und immer höhere Kreditvolumina aufgebaut.

Abu Dhabi hingegen verfügt über substantielle Vermögenswerte seiner Staatsfonds (insbesondere Abu Dhabi Investment Authority – ADIA), einen gesicherten Einnahmestrom aus dem Öl- und Gasgeschäft sowie über enorme Rohstoff­reserven. Mit seiner hohen Zahlungsfähigkeit stellt es die bonitätsdefinierende und sichernde Einheit für die gesamten VAE dar. Ohne Abu Dhabi könnten die VAE ihr Aa2-Rating von Moody’s nicht erzielen bzw. halten. Wenngleich auch in Abu Dhabi die eine oder andere Fehlentwicklung nicht ausbleiben dürfte (z.B. Überangebot im Immobiliensektor), so kann man doch davon ausgehen, dass das Emirat aufgrund der eigenen Finanzkraft weiterhin die Abhängigkeit vom Öl und Gasgeschäft wird abbauen können.

Dies wird durch den Ausbau von der Öl- und Gasförderung nachgelagerten Verarbeitungsstufen sowie durch die Ansiedlung kapitalintensiver, exportorientierter Sektoren erfolgen (z.B. Aluminium oder Stahl), denen in Abu Dhabi, z.B. über Energie- und Transportkosten, ein Wettbewerbsvorteil erwächst. Zusätzlich werden Kompetenzcluster (z.B. im Bereich Luftfahrt und Photovoltaik) entwickelt, um die Basis der verarbeitenden Industrieunternehmen zu verbreitern.

Was sind die wichtigsten Aufgaben der KFW-IPEX-Repräsentanz in Abu Dhabi, und welches sind die wesentlichen Ziele für die nächsten Jahre?

Die Repräsentanz Abu Dhabi fungiert als GCC-Regionalbüro und unterstützt die Aktivitäten der IPEX-Sektorteams in den Ländern Kuwait, Saudi Arabien, Bahrain, Katar, Oman und VAE. Ihre Aufgaben liegen im Wesentlichen in der Pflege bestehender Kundenkontakte, in der Identifizierung von Geschäftspotentialen, in der Anbahnung konkreter Geschäftsmöglichkeiten sowie im Aufbau neuer Kundenbeziehungen. Darüber hinaus zählt die kontinuierliche Marktbeobachtung zu den Kernaufgaben. Das IPEX-Büro Abu Dhabi wurde auf Basis einer von der Zentralbank der VAE erteilten Lizenz als „Representative Office“ eröffnet. In einer Repräsentanz dürfen keine eigenständigen Bankgeschäfte getätigt oder gar verbucht werden. Alle Finanzierungen in der Region müssen durch die Zentrale in Frankfurt dargestellt werden.

Neben dem weiteren Auf- und Ausbau der Repräsentanz in Abu Dhabi sehe ich die wesentlichen Ziele für die nächsten Jahre vor allem in der kontinuierlichen Beobachtung der Entwicklungen und Tendenzen in der GCC-Region sowie im frühzeitigen Erkennen von Sektortrends. Die in der Region ansässigen Sponsoren von Projekten in den für die jeweiligen Länder derzeit strategisch wichtigen Sektoren, also Öl & Gas, Petrochemie, Metals & Mining und Energie & Umwelt, sind uns im Wesentlichen bekannt. Es handelt sich überwiegend um Unternehmen, die entweder staatlichen oder zumindest staatsnahen Hintergrund haben.

Anders hingegen sieht die Situation in dem für die GCC-Region immer stärker an Bedeutung gewinnenden Sektor „Infrastruktur“ (Schienen- und Straßenverkehr, Flug- und Seehäfen, Bildung und Gesundheit) aus. Dieser Sektor ist zum einen gekennzeichnet durch eine hohe Dynamik in Bezug auf Initiativen, die bislang auf Behördenebene angesiedelt waren und die nach und nach in unternehmensähnliche oder gar unternehmerische Strukturen übergehen sollen (z.B. die Gründung der „Qatar Railways Development Company“ in Katar und der „Union Railway Company“ in den VAE oder die Finanzierung des ersten Autobahnprojektes auf PPP-Basis in den VAE).

Wir erwarten für die nächsten zwei bis drei Jahre eine Vielzahl an Veränderungen, deren kontinuierliche Beobachtung und Einschätzung sicherlich einen nicht unbeachtlichen Teil der Ressourcen des Büros binden wird. Dies gilt vor allem auch, da es sich bei den regionalen Sponsoren der für uns potentiell interessanten Projekte größtenteils um uns noch nicht bekannte bzw. um noch nicht gegründete Institutionen handeln dürfte.

Ein weiterer Schwerpunkt im Rahmen der Zielkundenidentifikation und Kontaktaufnahme wird in den kommenden zwölf Monaten im Segment der mittelgroßen, produzierenden, exportorientierten Unternehmen liegen. Hierbei handelt es sich überwiegend um Firmen, die sich in privater Hand befinden und die vielfach zu familiengeführten Konglomeraten gehören. Hier sehen wir momentan ein krisenbedingt zeitliches Fenster für ECA-gedeckte Finanzierungen (z.B. für Maschinenbestellungen in Deutschland und Europa im Rahmen von geplanten Erweiterungs- bzw. Ersatzinvestitionen).

Welche Sektoren sind besonders interessant in Abu Dhabi für deutsche Unternehmen? In welchen Sektoren bietet die KfW IPEX-Bank vor allem Finanzierungen an?

Branchen, in denen laut „Germany Trade and Invest“ (GTAI) die deutsche Exportwirtschaft insbesondere durch vorhandene Expertise bei Großprojekten in der Region Neugeschäftspotentiale heben kann, sind: a) Anlagen zur Energieerzeugung und verteilung; b) Maschinenbauprodukte, insbesondere in den Bereichen Petrochemie, Öl und Gaswirtschaft, Bergbau, Bau sowie Zement-, Aluminium-, Eisen- und Stahlwerke; c) Spezialchemie und Umwelttechnik. Neben Vertretungen deutscher Großunternehmen aus der Bauwirtschaft, der Chemiebranche sowie des Anlagen- und Maschinenbaus sind auch spezialisierte Mittelständler und viele Dienstleister mit lokalen Büros oder auch Joint Ventures vor Ort präsent.

Die KfW IPEX-Bank war in der GCC-Region bislang schwerpunktmäßig in den Sektoren Grundstoffindustrie (also Öl & Gas, Petrochemie, Metals & Mining) sowie Energie und Umwelt aktiv. Allerdings gibt es auch eine ordentliche Anzahl an Transaktionen in den Sektoren Luft- und Schifffahrt, Telekommunikation und verarbeitendes Gewerbe. Nach vorne blickend erwarten wir eine deutliche Zunahme an Finanzierungen beispielsweise im Bereich Infrastruktur oder Schienenverkehr.

Die asiatische Konkurrenz, insbesondere Südkorea, kommt zunehmend zum Zuge bei Großprojekten in der Golfregion. Wie schätzen Sie die Marktposition der deutschen Unternehmen in Abu Dhabi ein?

In der Tat ist in den GCC-Staaten neben dem fortbestehenden Wettbewerb unter den europäischen Exporteuren eine deutliche Zunahme der Geschäftsaktivitäten von US-amerikanischen und asiatischen Firmen – hierbei insbesondere aus Südkorea – festzustellen. Die asiatischen Firmen haben in den vergangenen Jahren insbesondere im Kraftwerksbau und bei petrochemischen Anlagen massiv an Boden gewonnen und konnten gerade auch durch starke Unterstützung der jeweiligen heimischen Exportkreditversicherer attraktive Angebotspakete schnüren. Allerdings gilt auch, dass z.B. bei petrochemischen Großprojekten, die ein asiatisches Unternehmen als „EPC contractor“ haben, nicht zwangsläufig die gesamten Ausrüstungsgegenstände in Asien bestellt werden. Nach wie vor werden in bedeutendem Umfang Technologiepakete bei deutschen bzw. europäischen Unterlieferanten platziert. Auch sehen wir seit kurzem ein „Wiedererstarken“ der deutschen Wirtschaft z.B. im Kraftwerksektor. Insgesamt sehen wir aufgrund des wachsenden Investitionsbedarfs nach wie vor gute Chancen für die deutsche Industrie in der GCC-Region.

Konnten Sie in dem kurzen Zeitraum seit der Büroeröffnung bereits Finanzierungen zum Abschluss bringen, über die Sie berichten dürfen?

Unser Büro ist seit Oktober 2009 besetzt und operativ tätig. Bis dahin zurückblickend, fallen mir folgende Transaktionen ein, in denen die KfW IPEX-Bank maßgeblich bzw. in führender oder strukturiender Rolle eingebunden war:

  • „Saudi Aramco Total Refinery Project (SATORP)“: im Konsortium mit weiteren internationalen und lokalen Banken Finanzierung einer Exportraffinerie in Jubail (Saudi-Arabien). Die Sponsoren sind Saudi Aramco und Total (Frankreich). Das gesamte Investitionsvolumen beträgt ca. 11 Mrd US$. Anlagen, Ausrüstungsgegenstände und Technologiepakete wurden in bedeutendem Umfang bei deutschen bzw. europäischen Lieferanten platziert. Neben Euler-Hermes waren noch vier weitere Exportkreditversicherer in die Finanzierung eingebunden.
  • „Emirates Integrated Telecommunications Company“ („EITC“ oder „du“): bilaterale Finanzierung der KfW IPEX-Bank für das in den VAE ansässige Telekommunikationsunternehmen. Die Finanzierung erfolgte auf Basis einer Euler-Hermes-Deckung und diente dem Kauf von in Deutschland von Nokia Siemens Networks (NSN) produzierten Ausrüstungsgegenständen zum Ausbau von EITCs 3G und 2G Mobilfunknetzen in den VAE.
  • „Sohar 2 und Barka 3“: Im Konsortium mit weiteren internationalen Banken ist die KfW IPEX-Bank in die Finanzierung von zwei energieeffizienten Gas- und Dampfkraftwerken im Oman involviert. Die Siemens AG ist Teil des Baukonsortiums, und jeweils zwei hocheffiziente Gasturbinen werden aus Deutschland geliefert. Die IPEX ist „Mandated Lead Arranger“ und Euler-Hermes-Koordinator, wobei Euler-Hermes erstmals in die Finanzierung von Kraftwerksprojekten auf Projektfinanzierungsbasis im Oman involviert ist. Als Teil der Finanzierung hat die KfW IPEX-Bank Festzinskredite auf CIRR-Basis (Commercial Interest Reference Rate) über 17 Jahre zu attraktiven Konditionen für die Förderung des Exports deutscher Kraftwerkstechnologie bereitgestellt.

Wie werden typische Finanzierungen der KfW IPEX-Bank aussehen?

Die obengenannten drei Beispiele verdeutlichen, wie typische Finanzierungen der KfW IPEX-Bank in der GCC-Region aussehen können. In jedem Fall muss der deutsche bzw. europäische Bezug in der jeweiligen Transaktion gegeben sein. Die wachsende Nachfrage nach maßgeschneiderten Finanzierungslösungen hat in den letzten Jahren zu einer wesentlichen Ausweitung des Angebots an Finanzprodukten in der Region geführt. In diesem Umfeld bietet die KfW IPEX-Bank – im Rahmen ihrer strategischen Ausrichtung als Spezialfinanzierer für mittel- und langfristige Unternehmens- und Projekt­finanzierungen – insbesondere die Finanzierungsinstrumente an, bei denen sie ihre Expertise und erprobte Sektorkompetenz einbringen kann. Zum Beispiel strukturierte Finanzierungen und Projektfinanzierungen sowie ECA-gedeckte Finanzierungen. Fallweise werden auch Zins- und – eingeschränkt – Währungs­swaps angeboten. Mit dieser Palette an Kernprodukten sind wir in der Region insgesamt gut aufgestellt, um die wesentlichen Finanzierungselemente für Transaktionen in unseren Zielsektoren auch in führender Rolle begleiten zu können.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen bezüglich Arbeitsumfeld und Geschäftsklima vor Ort?

Ich lebe und arbeite seit 1998 in den VAE und kann diese Frage kurz und knapp beantworten: Hier ist im Wesentlichen der vielbeschriebene „lange Atem“ notwendig. Gewisse Projekte, insbesondere große Infrastrukturprojekte, benötigen manchmal Jahre von der ersten Studie bis zur Realisierung. Präsenz vor Ort, Kontinuität (auch in Bezug auf Ansprechpartner) in der Kundenbeziehung bzw. in der Geschäftsanbahnungsphase und ein langfristig orientierter Ansatz sind meines Erachtens der Schlüssel zum Erfolg.

Kontakt: klaus.sander[at]kfw.de

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