Lange Zahlungsziele, überfällige Forderungen und mögliche Insolvenzen der Abnehmer – vor allem bei exportierenden Firmen kann in der aktuell schwierigen Wirtschaftslage in Europa bis zum endgültigen Zahlungseingang ein hohes Maß an Liquidität gebunden sein. Durch eine Verkürzung dieser Kapitalbindungsdauer kann ein effizienterer, kapitalschonenderer Mitteleinsatz erreicht werden.

Von Dana Schäfer, Sales Manager, Working Capital Structuring, Deutsche Bank AG

Einer aktuellen Umfrage von Atradius in Westeuropa zufolge sind 38% aller For­derungen mit Zahlungszielen überfällig (davon 5% über 90 Tage) und 1,7% aller Forderungen uneinbringlich. Insbesondere mittelständische Unternehmen sind hiervon betroffen. Die verspäteten Zahlungen ihrer Geschäftskunden sind laut den im aktuellen Zahlungsmoralbarometer von Atradius befragten Unternehmen auf unzureichende Liquidität zurück­zuführen.

Des Weiteren werden Verspätungen bei Zahlungen zunehmend als Ersatzfinanzierung in Zeiten restriktiver Kreditvergabe an Unternehmen genutzt. Effektive ­Zahlungseingänge nach durchschnittlich 52 Tagen im Vergleich zu 32 Tagen durchschnittlich gewährtem Zahlungsziel in Westeuropa belegen dies. Allein in Deutschland beträgt diese Diskrepanz 21 Tage (43 gegenüber 22 Tagen).

Neben zunehmenden Zahlungsausfäl-len und der Verspätung von Zahlungen stellt der allgemeine Trend zur Streckung der Zahlungsziele auf Wunsch der Ab-nehmer eine weitere große Herausfor­derung für Unternehmen dar. Auch die anstehende Implementierung der EU-Zahlungsverkehrsrichtlinie zur Eindämmung dieser Entwicklung wird hier laut Experten nur begrenzt zu einer Änderung führen.

Folgen der Forderungsausfälle, verspäteter Zahlungen und langer Zahlungsziele sind für Unternehmen zusätzliche Finanzierungskosten – und dies vor allem zu Lasten eigener Kreditlinien. Auch sind Dauer und Höhe der hierdurch ent­stehenden Liquiditätsengpässe nur schwer einschätzbar. Ausstehende Zahlungen können nicht weiter investiert oder zur Deckung eigener Zahlungen eingesetzt werden. All dies hat negative Konsequenzen für die eigene Profitabilität.

Daraus resultiert für Unternehmen heutzutage mehr denn je die Notwendigkeit, einen Weg zu finden, der im Hinblick auf die zunehmend engere Vernetzung und die sich verschärfende Konkurrenzsituation innerhalb Europas einerseits die damit verbundenen Risiken, resultierend aus Zahlungsverzögerungen oder aus Ausfällen auf Abnehmerseite, minimiert, andererseits aber auch die Absatzchancen maximiert.

Ein frühzeitiger Schutz vor Überfälligkeiten und Forderungsausfällen ist daher von zentraler Bedeutung – vor allem bereits vor der eigentlichen Leistungserbringung. Die häufigsten Maßnahmen, die Unternehmen in dieser Hinsicht bereits ergreifen, sind ein proaktives Forderungsmanagement im Sinne von Analyse und Überwachung der Länder- und Debitorenrisiken. Oftmals gestaltet es sich allerdings schwierig für Unternehmen, valide Bonitätsinformationen über ihre ausländischen Abnehmer zu erhalten. Zusätzlich können entsprechend angepasste Zahlungsmodalitäten wie zum Beispiel Garantien, Akkreditive oder die Einrichtung von frühzeitigen An- oder Teilzahlungen Abhilfe schaffen.

Zur Unterstützung ihrer Abnehmer haben Unternehmen auch die Möglichkeit, die Zahlungsziele ihrer Abnehmer proaktiv zu verlängern, um Überfälligkeiten vorzubeugen. Dem daraus entstehenden Liquiditätsbedarf begegnen sie, indem sie gleichzeitig die entstehenden Forderungen verkaufen. Die durch einen offenen Forderungsverkauf angestoßene Abnehmerfinanzierung und eventuell daraus resultierende Zahlungszielverlängerungen können außer zur Stärkung der Käufer-Abnehmer-Beziehung auch zu der des Absatzes beitragen. Außerdem sichert sich der Verkäufer durch den Forderungsverkauf eine alternative Quelle der Liquidität bei einer gleichzeitig breiten Finanzierungsstruktur, welche nicht zu Lasten der eigenen Kreditlinien geht. Ein regressloser Forderungsverkauf stellt in dieser Hinsicht eine optimale Lösung dar, um Risiken und Chancen in Balance zu bringen und die Liquidität besser steuern und nutzen zu können – vor allem bei grenzüberschreitenden Transaktionen. Die im Exportgeschäft angebotenen Produkte bei Forderungsverkäufen sind meist individuell auf das Unternehmen sowie die zugehörige Debitorenstruktur zugeschnitten.

Der aktuelle „Economic Outlook“ von Atradius zeigt auf, dass in einem weiterhin schwierigen Marktumfeld die Gefahr von Insolvenzen in Europa immer noch zunimmt. Eine Übersicht über die verspäteten Zahlungen zu haben ist zur Vorbeugung von Liquiditätseng­pässen essentiell. Um diesen steigenden Anforderungen an das Liquiditäts- und Risikomanagement eines Unternehmens zu begegnen, stellt ein proaktives Management der Forderungen bei gleichzeitiger Wahrung bzw. Steigerung der Umsätze ein Muss dar.

Kontakt: dana.schaefer[at]db.com

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