Die Hellenen sind auf dem besten Wege, die seit nunmehr über sechs Jahre andauernde Konjunkturkrise hinter sich zu lassen.
Die Tourismusbranche boomt und wird im laufenden Jahr ein Urlauberplus von 15% verzeichnen, so dass das Land 20 Millionen Touristen begrüßen könnte. Weitere Wachstumsindikatoren deuten ebenfalls auf einen Turnaround hin. Dennoch bleibt der sich abzeichnende Aufschwung fragil – Exporteure sollten daher auch weiterhin einige grundlegende Schutzmaßnahmen ergreifen.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Atradius Kreditversicherung

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Als Verantwortlicher für Griechenland habe ich mir vor kurzem selbst ein Bild von der wirtschaftlichen Lage in Athen machen können. Tatsächlich scheinen sich die im Zuge der Strukturreformen angestoßenen Veränderungen endlich auch in positiven Wachstumszahlen widerzuspiegeln: Nachdem sich die Abwärtsbewegung bereits im vergangenen Jahr deutlich verlangsamt hatte, stehen die Chancen gut, dass das Bruttoinlandsprodukt 2014 erstmals seit Beginn der Krise im Jahre 2008 wieder leicht gewachsen ist. Prognosen gehen von einem Zuwachs von 0,4% aus. Die Arbeitsmarktdaten stützen diese Vermutung: Von ihrem Höhepunkt im September 2013, als die Arbeitslosenquote bei 27,9% lag, fiel sie bis August 2014 um 2 Prozentpunkte auf 25,9%.

Zahlungsmoral

Auch die Erhebungen von Atradius haben positive Veränderungen festgestellt, was das Zahlungsverhalten in Griechenland betrifft. Die jüngsten Befragungen im Rahmen unseres Zahlungsmoralbarometers zeigen, dass sich sowohl die Zunahme der Zahlungsverzögerungen als auch die Anzahl der Zahlungsausfälle im laufenden Jahr deutlich abgeschwächt haben – allerdings bewegen sich die Parameter weiterhin auf einem hohen Niveau. Griechenland gehört nach wie vor zu den Ländern mit der schlechtesten Zahlungsmoral im europäischen Studienvergleich. Doch auch während der Krise haben wir unsere Deckungen zum Schutz gegen Forderungsausfall für unsere griechische Kunden, soweit möglich, aufrechterhalten. Dies spiegelt unser Vertrauen in das Land wider, in dem wir seit 17 Jahren eine Niederlassung haben.

Ausblick

Doch Vorsicht: Die positiven Signale sind noch zu schwach, um uneingeschränkte Entwarnung geben zu können. Es gibt nach wie vor noch einige Hürden, die es zu meistern gilt: So ist das griechische Bankensystem weiterhin labil, da trotz der Rekapitalisierungsmaßnahmen in Höhe von fast 40 Mrd EUR noch immer 30% der Kredite notleidend sind, also nicht oder nur unzureichend bedient werden. Dies wirkt sich negativ auf die Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen aus. Der private Konsum ist im Jahr 2014 rückläufig. Ein anderes Problem ist die Arbeitslosigkeit, die trotz des erwähnten Rückgangs die binnenwirtschaftliche Erholung bremst. Hier sind erst mittelfristig durchgreifende Verbesserungen zu erwarten.

Insolvenzentwicklung

Die griechischen Unternehmensinsolvenzen waren laut Statistik 2013 mit 5,5% leicht rückläufig. Die Statistik ist allerdings mit Vorsicht zu betrachten. Denn nicht überraschend sind darin nur diejenigen Zusammenbrüche enthalten, die auch offiziell als Insolvenz angemeldet wurden. Es gibt darüber hinaus viele kleine und mittelständische Unternehmen, die den Handels- bzw. Dienstleistungsbereich dominieren und sich in ernsten Liquiditätsschwierigkeiten befinden, aber noch keinen Bankrott angemeldet haben. Der beschriebene Konsumrückgang und die Arbeitslosenquote wirken sich weiterhin negativ auf die Unternehmensinsolvenzen aus. Noch immer ist das Niveau knapp fünfmal so hoch wie vor der Staatskrise in Griechenland.

Für 2015 gehen wir von steigenden Firmenpleiten aus – allerdings mit einem schwächeren Trend als noch im Vorjahr. Vor diesem Hintergrund beobachten wir den sich abzeichnenden Aufschwung sehr genau, und unser Underwriter-Team in Athen begleitet sowohl Lieferanten als auch Abnehmer auf dem griechischen Markt sehr eng. Aufgrund der immer noch hohen Volatilität und der geringen Verwendung von Kreditversicherungen empfehlen wir Exporteuren eine umfassende Absicherung ihrer Ausfallrisiken.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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