Während im Euro-Chor die Misstöne lauter werden und die USA aus dem Takt geraten, tanzt Brasilien weiter Samba. Denn das größte Land Südamerikas kann sich trotz weltweiter Konjunkturabkühlung auch in diesem Jahr über robuste Wachstumsraten nahe 4% freuen. Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten stimmen, das politische System ist stabil, die demographische Entwicklung verläuft günstig, und die strategisch bedeutenden Rohstoffexporte sichern derzeit dem Land ein hohes Einkommen.

Von Stefan Hoenen, Leiter Corporate Treasury Sales, Deutschland Nord, Deutsche Bank AG

Für Deutschland ist Brasilien der wichtigste Handelspartner in Lateinamerika. Im Gegenzug belegte unser Land im vergangenen Jahr mit einem Handelsvolumen von 20,6 Mrd US$ Rang 4 in der brasilianischen Statistik, nach China, den USA und Argentinien. Zu den deutschen Hauptausfuhrgütern gehören Maschinen, Elektrotechnik, Autos und Kfz-Teile sowie pharmazeutische und chemische Produkte, die 2010 einen Exportwert von 12,5 Mrd US$ erreichten; gegenüber dem Vorjahr eine Erhöhung um 27,2%. Eingeführt aus Brasilien werden vor allem Eisenerz, Kupfer, landwirtschaftliche Erzeugnisse und – bedingt durch die neu entdeckten großen Vorkommen – verstärkt auch Erdöl.

Die Beziehungen zur siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt beschränken sich aber nicht allein auf Exporte und Importe. Mittlerweile sind bereits etwa 1.200 deutsche Unternehmen im Land, die rund 250.000 Menschen vor Ort beschäftigen und ca. 8% der industriellen Bruttowertschöpfung erwirtschaften. Mit etwa 800 Firmen stellt die Region um São Paulo den größten deutschen Investitionsstandort außerhalb der Bundesrepublik dar. Der Bestand der deutschen Direktinvestitionen in Brasilien beläuft sich auf über 25 Mrd Euro. Um den unvermindert hohen Investitionsbedarf weiterhin erfüllen zu können, benötigt Brasilien auch in der Zukunft Kapital und Hilfe aus dem Ausland. Damit dürfte für deutsche Unternehmen die Bedeutung des lateinamerikanischen Schwellenlands als neuer Wachstumsmarkt noch stärker zunehmen.

Auf beiden Seiten besteht ein reges Interesse, die enge Wirtschaftskooperation weiter zu vertiefen – etwa auf dem Sektor der erneuerbaren Energien, der Umwelttechnologie und beim Ausbau der brasilianischen Infrastruktur. Einen Anschub dazu werden unter anderem die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 leisten. Für die kommenden Megaevents will Brasilien Infrastrukturprojekte in Höhe von 300 Mrd US$ realisieren. Dabei geht es um die Kernthemen Objektbau, Sicherheit, Transport und Logistik, um Dienstleistungen wie beispielsweise IT und Kommunikation, um Energie und Finanzierung. Hieraus ergeben sich gewinnbringende Chancen für die deutsche Industrie. Ebenso fördert das derzeitige „Deutsch-Brasilianische Jahr der Wissenschaft, Technologie und Innovation 2010/11“ die Zusammenarbeit auf diesen zukunftsweisenden Gebieten.

Allerdings bekommt auch Brasilien die Folgen der anhaltenden Dollarschwäche zu spüren. So ist, gemessen am Big-Mac-Index, der Real im Vergleich zum US-Dollar aktuell um 52% überbewertet. Der starke Real belastet brasilianische Unternehmen und führt zu verstärkten Importen, wovon auch deutsche Exporteure profitieren. Denn vor allem die Binnennachfrage nach höherwertigen Konsumgütern bleibt nach wie vor ungebrochen, zumal Bevölkerungsteile zunehmend in die Mittelschicht hineinwachsen. Waren aus Brasilien werden aufgrund vergleichsweise hoher Preise weniger geordert. Demzufolge stagniert die heimische Industrieproduktion. Mit dem Plan „Brasil Maior – Größeres Brasilien“ will die Regierung unter Staatspräsidentin Dilma Rousseff nun die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft stärken. Zu diesem Zweck sind in den kommenden zwei Jahren Steuererleichterungen von umgerechnet 11,2 Mrd Euro für Industrie- und Technologiebranchen vorgesehen.

Auch das Eingreifen der Zentralbank, die Anfang September erstmals seit zwei Jahren eine Zinssenkung um 0,5 Punkte auf jetzt 12% veranlasste, dient dazu, der jüngsten Verlangsamung des Wirtschaftswachstums entgegenzuwirken. Die überraschende Zinssenkung sorgte zwar für eine Schwächung des Real, z.B. wertete sich der Euro bis 2,32 BRL/Euro auf, aber das derzeitige Kursniveau ist ein unverändert attraktives Sicherungslevel für Exporteure.

Parallel zu den eingeleiteten Maßnahmen geht die Regierung in Brasília jetzt auch gegen sogenannte Carry-Trades vor, indem sie 6% Strafzinsen für Fremdwährungskredite verlangt. Auf diese Weise soll die beliebte Anlegerstrategie, sich einerseits per Kredit in Währungsräumen mit niedrigen Zinsen und Abwertungstendenzen zu verschulden und andererseits dort zu investieren, wo das Zinsniveau hoch ist und eine Aufwertung erwartet wird, an Anziehungskraft einbüßen.

Firmen, die ihr Exportgeschäft nach Brasilien ausdehnen möchten, sollten sich über eines klar sein: Auch im beschwingten Land des Sambas hat die Bürokratie Hürden errichtet. Und diese beschränken sich keineswegs auf das recht komplizierte Zoll- und Steuersystem. Warenimporte nach Brasilien dürfen grundsätzlich nur eigens dazu berechtigte Unternehmen vornehmen. Die Erlaubnis für die Einfuhr ausländischer Güter erteilt die brasilianische Außenhandelsbehörde SECEX.

Ausschließlich Importeure mit gültiger Lizenz können Devisen zur Begleichung von Handelsrechnungen im Ausland über die brasilianische Zentralbank kaufen. Das Führen von Fremdwährungskonten ist verboten. Die Zahlungen erfolgen über einen Makler direkt an die Bank des ausländischen Lieferanten. Zur Absicherung eines Exporteurs gegen Zahlungsschwierigkeiten ist es ohnehin ratsam, Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen nach Brasilien gegen Dokumentenakkreditiv durchzuführen.

Das Geschäft mit aufstrebenden Schwellenländern ist vielversprechend, birgt aber auch ernstzunehmende Risiken, beispielsweise durch unberechenbare Wechselkurseffekte. Ein aktives Währungsmanagement schafft hier die nötige Planungssicherheit.

Obwohl der brasilianische Real aufgrund von Devisenbeschränkungen nicht offshore gehandelt werden kann, bestehen durchaus Möglichkeiten der Absicherung. Eine überlegenswerte Lösung, dem Wechselkursrisiko zu begegnen, liefert der Non Deliverable Forward (NDF). Bei derartigen Transaktionen kommt es – anders als bei klassischen Termingeschäften – zu keiner physischen Lieferung der lokalen Währungsbeträge. Stattdessen findet ein Barausgleich in einer frei konvertierbaren und liquiden Währung statt. Per saldo ist so auch beim NDF eine Absicherung gegen ungeplante, nicht vorteilhafte BRL-Kursbewegungen gegeben. In diesem Zusammenhang ist es beruhigend zu wissen, dass der Abschluss eines NDFs in Deutschland und somit nach hiesigem Recht und mit einem hier ansässigen Partner erfolgt.

Eine Zahlungsvereinbarung in Real und die dadurch bewusste Übernahme des Währungsrisikos bringen einem Exporteur möglicherweise einen überzeugenden Wettbewerbsvorteil. Denn dadurch nimmt er dem brasilianischen Unternehmen das etwaige Wechselkursrisiko ab und ist durch die Fakturierung in Real bei Angebotsabgabe gegenüber einem lokalen Anbieter nicht schlechter gestellt. Würde stattdessen die Zahlungsvereinbarung in Euro lauten und es in der Zwischenzeit zu einer Abwertung des Real kommen, müsste das brasilianische Unternehmen zum Zahlungstermin mehr Real zur Rechnungsbegleichung aufwenden. Übernimmt der Exporteur das Währungsrisiko, kann er es durch Nutzung eines NDF ausschließen. An positiven Wechselkursverläufen kann der Exporteur dann zwar nicht mehr partizipieren, aber häufig bietet ein NDF die Eintrittskarte in attraktive Wachstumsmärkte in Übersee.

Soll nicht nur das Risiko einer nachteiligen Wechselkursbewegung ausgeschlossen werden, sondern gleichzeitig für den Exporteur die Chance erhalten bleiben, an zwischenzeitlichen positiven Kursverläufen zu partizipieren, bieten sich Non Deliverable Options (NDOs) an. Die Kurssicherung beinhaltet hierbei eine optionale Komponente, die Lieferung der Währung erfolgt ebenfalls nicht, sondern bei Fälligkeit ein Barausgleich in einer Hartwährung analog zum NDF.

Quellenangabe: Daten zur Wirtschaftslage Brasiliens
stammen von DB Research, dem BDI bzw. der
Wirtschaftskooperation Deutschland–Brasilien.

Kontakt: stefan.hoenen[at]db.com

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