Auf der Suche nach neuen Wachstumsmärkten lenkte die jüngste Länderrisikokonferenz von Coface den Blick auf die aufstrebende Mittelschicht in den Schwellenländern. Der französische Forderungsspezialist konnte am 21. Januar 2013 wieder über 1.000 Teil­nehmer in Paris begrüßen. Coface präsentierte aktuelle Länderbewertungen, die allerdings für Italien und Spanien, aber auch für Indien schlechter ausfielen als in den vergangenen Jahren.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Wie kann das wirtschaftliche Potential Europas in Wachstumsmöglichkeiten verwandelt werden? Mit dieser Eingangsfrage eröffnete Jean-Marc Pillu, CEO von Coface, die Diskussion über die globalen Wirtschaftstrends. Und er ergänzte den Ausblick um die gleichzeitige Zunahme von Wettbewerbsfähigkeit und Protektionismus auf den Weltmärkten. Die gegenwärtige Nachfrageschwäche in den meisten Industriestaaten stehe dabei im Gegensatz zu dem steigenden Konsum­niveau der neuen Mittelschichten in den Schwellenländern. Deren Aufstieg führe jedoch auch zu politischen und sozialen Umbrüchen.

Amitabh Kundu, Professor an der Jawaharlal Nehru University, präsentierte am Beispiel Indiens die Bedeutung der Mittelschicht. Nach der letzten nationalen Erhebung 2009 zähle die indische Mittelschicht zwar nur 11 Millionen Menschen, doch sie wachse sehr schnell. Andere Quellen, die geringere Einkommensgrenzen verwendeten, allerdings nicht den internationalen Kriterien entsprächen, gingen von über 100 Millionen Menschen aus. Dabei zeige sich an der Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, dass die Verbraucher in kleineren und mittelgroßen Städten sowie in ländlichen Regionen einen größeren Teil ihres Einkommens für diese Produkte ausgeben als die Bewohner der großen Städte. Die Urbanisierung habe nachgelassen, da die Mittelschicht in den großen Städten den Zugang zu Wohnungen und Arbeitsplätzen von Auswärtigen beschränke.

Die indische Mittelschicht zeichnet sich nach Angaben von Professor Kundu durch eine hohe Spar- und Investitionsquote, eine starke Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Konsumgütern, Technikinteresse, eine westliche Orientierung und den Drang nach globaler Anerkennung aus. Die stabilisierende Funktion der Mittelschicht lasse beispielsweise auch einen außenpolitischen Konflikt nicht zu. Sie fordere den Rückzug des Staates und eine wirtschaftliche Liberalisierung, dies verhindere eine protektionistische Politik. Allerdings halte die Mittelschicht an den Subventionen für Nahrungsmittel und Energie ebenso fest wie an dem Bestand des informellen Niedriglohnsektors, um durch den Einsatz von Hausangestellten Zeit für eine Tätigkeit im modernen Sektor zu gewinnen.

Zeina Latif, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität von São Paulo, beleuchtete den Beitrag der Mittelschicht zum Wirtschaftswachstum Brasiliens. Vor allem der Abbau der informellen Beschäftigung und die Verbesserung der Einkommensverteilung durch eine Anhebung der Löhne und Gehälter hätte den Aufbau der Mittelklasse vorangetrieben. Sie werde 2020 bereits 120 Millionen Menschen umfassen. Entscheidend seien die Anhebung der Arbeitsproduktivität, die Zunahme der Erwerbspersonenzahl und die Entstehung zusätzlicher Arbeitsplätze gewesen. Die Mittelschicht habe inzwischen auch besseren Zugang zu Krediten. Für einen anhaltenden Wachstumsprozess seien die Produktivitätserhöhungen wichtiger als der Konsum der Mittelschicht. Die Aufwertung der Landeswährung habe die Importe erhöht, diese müssten durch höhere Produktivität ersetzt werden.

Russlands Mittelschicht ist anders, betonte Natalia Zubarevich, Professorin der Staatsuniversität Moskau. Sie umfasse – je nach Abgrenzung – zwischen 5% und 19% der Haushalte, sei aber deutlich größer als die Mittelschichten in Indien und Brasilien. Die Mittelklasse teile sich auf in die Moskauer und Petersburger, die Mittelklasse in kleineren Städten und die auf dem Lande. In der Peripherie sei die Mittelklasse konservativ und habe mehrheitlich Putin gewählt, auch in den kleineren Städten gebe es einen hohen Anteil an regierungsnahen Staatsangestellten, deren Zustimmung von der wirtschaftlichen Entwicklung abhänge. In den Großstädten sei die Mittelklasse jung und marktorientiert, dort seien die Unterstützung für die Opposition und der Wunsch nach Veränderung größer. Viele Haushalte aus der urbanen Mittelklasse hätten Immobilien im Ausland erworben, um das Land über kurz oder lang zu verlassen.

Für Catherine Girard, Volkswirtin bei Re­nault, definiert sich die Mittelschicht über die Verfügbarkeit eines ausreichenden Einkommens zum Kauf eines neuen Autos. Die Untergrenze für das Monatseinkommen liege in Indien bei 500 USD, in Brasilien bei 1.000 USD und in Russland bei 1.200 USD, merkte sie zu Beginn der Abschlussdiskussion an. Amitabh Kundu wies hinsichtlich der Attraktivität der ländlichen Mittelschicht auf seine Erfahrung mit deutschen Unternehmen hin, die vor einigen Jahren nur drei Städte als Investitionsziele genannt hätten, inzwischen aber 32 Städte in Indien anvisierten.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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