Mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Einwohnern ist China der weltweit größte Einzelhandelsmarkt. Gerade moderne und mobile Gepflogenheiten haben sich dort etabliert. Der internetbasierte Warenhandel, E-Commerce, ist im Reich der Mitte sehr stark ausgeprägt. Nicht nur für chinesische Unternehmer entsteht auf diese Weise ein enormer Absatzmarkt. Wer von Deutschland aus Waren, vor allem Konsumgüter, nach China exportieren möchte, sollte die digitalen Zahlungswege in Betracht ziehen.

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Mobile Zahlung gehört zum Alltag

Aktuell beträgt die Anzahl der laufenden Mobilfunkverträge in China 1,3 Milliarden. Auch wenn es sich dabei nicht nur um Verträge für internetfähige Smartphones handelt, ist die mobile Nutzung viel verbreiteter als in anderen Ländern. Weltweit werden Handys immer weniger zum Telefonieren als vielmehr zum Chatten, Musikhören, Fotografieren, Videoclipsdrehen, Bücherlesen, Navigieren und vielem mehr genutzt. Die Nutzung mobiler Geräte zu kommerziellen Zwecken erreicht in China jedoch eine mit anderen Ländern nicht vergleichbare Dimension. Das mobile Bezahlen über das Smartphone ist fester Bestandteil des Alltags und wird im Vergleich zu tradi­tionellen Zahlungsmethoden immer wichtiger.

Ermöglicht haben dies vor allem zwei Bezahldienstanbieter: Aliplay und WeChat. Eingeführt von der Alibaba-Gruppe, dominiert Aliplay den chinesischen Onlinehandel. WeChat Pay hingegen ist Teil des Chatdienstes WeChat, entwickelt vom Internetgiganten Tencent, und wird aufgrund seiner rasanten Verbreitung eine echte Alternative zu Aliplay.

Beim mobilen Bezahlen erfolgt die Zahlung mittels eines QR-Codes, welcher durch eine App auf dem Handy des Zahlungsempfängers generiert wird. Dabei scannt der Kunde den QR-Code mit seinem Handy, bestätigt den Zahlungsbetrag mit seiner Geheimzahl und schließt den Zahlungsvorgang ab.

Ein Vorteil der mobilen Bezahldienste besteht darin, dass die Transaktion zwischen Käufer (bzw. Konsumenten) und Verkäufer (bzw. Dienstleister) in Sekundenschnelle bargeldlos abgewickelt werden kann. Dabei ist es egal, ob man bei einem Bäcker für ein Brötchen bezahlt oder die Lieferantenrechnung aus Übersee begleichen möchte. Binnen Sekunden erscheinen die Abbuchungen und Gutschriften auf dem Display. Dies gewährleistet einen Real-Time-Überblick über die eigenen Einnahmen und Ausgaben.

Mehr als 80% der täglichen Einnahmen und Ausgaben über das Smartphone zu verwalten ist in Deutschland unvorstellbar, in Chinas Metropolen aber längst schon Realität. Ein Leben ohne Handy ist nicht nur für die jüngere Generation nicht mehr vorstellbar. Selbst Senioren greifen immer häufiger zu den mobilen Geräten, da diese ihnen den Alltag erleichtern. Ob Lebensmitteleinkauf, Restaurantbesuch, Parkgebühren, Urlaubsbuchung oder Luxusartikelshopping – all das kann über Aliplay oder WeChat erfolgen.

Zwar wird die Sicherheit mobiler Zahlungen auch in China kontrovers diskutiert, dennoch scheinen die Chinesen dem Thema gegenüber überwiegend aufgeschlossen zu sein. Da gravierende Sicherheitsmängel bis jetzt noch nicht verzeichnet wurden, geht man, vor allem auch aufgrund der hohen Transaktionsvolumina, von einer ausgereiften Technologie aus.

Die Grenzen verschwimmen

Der Geschäftsnutzen von Smartphones ist keinesfalls nur auf die mobile Bezahlmöglichkeit zu begrenzen. Während Debit- oder Kreditkarten reine Zahlungsfunktionen erfüllen, begleiten Smartphones in nahezu alle Lebenssituationen. Die Grenzen zwischen sozialen Netzwerken, Suchdiensten und Kommerz verschwimmen zunehmend. Ein Beispiel dafür wäre die Suche nach einem Restaurant für ein Dinner. Über das Handy kann per Standortermittlung und dank Restaurantempfehlungen im gewünschten Stadtviertel das passende Restaurant ausgewählt werden. All jene Leistungen, wie digitale Kupons, Preishinweise, Empfehlungen, Verkehrsinformationen, Tischreservierungen sowie Taxifahrten sind in der WeChat-App integriert. Zum Ab-schluss können die kulinarischen Highlights des Abends via Peng You Quan (das chinesische Gegenstück zu Facebook) gepostet werden.

Internetkonzerne wie Alibaba und Tencent sind nicht zuletzt aufgrund der Vielzahl der von ihnen angebotenen mobilen Services in die Topliga der Unternehmen aufgestiegen. Datenschützer aus Deutschland stehen den chinesischen Gegebenheiten kritisch gegenüber. Die Chinesen scheinen jedoch mit der Nutzung ihrer Daten einverstanden zu sein und genießen die Vorzüge, die ihnen E- und M-Commerce bieten.

Mobile Bezahldienste fassen auch in Deutschland Fuß

Zunächst Aliplay, dann WeChat Pay: Seit Sommer 2017 können Kunden mit dem mobilen Bezahldienst aus China in rund 70 Geschäften am Münchner Flughafen bezahlen. Diese Innovation bescherte den dortigen Einzelhändlern einen gewaltigen Umsatzschub: Allein in den ersten drei Monaten nach Einführung haben sich die Durchschnittsausgaben chinesischer Touristen in den angeschlossenen Ge-schäften verdoppelt. Sowohl Aliplay als auch WeChat Pay kündigten zudem an, mit weiteren Händlern in Deutschland zusammenarbeiten zu wollen.

Für deutsche Einzelhändler könnte die Rechnung durchaus aufgehen. Die Investition in die notwendige Hardware ist vernachlässigbar gering. Gleichzeitig kommt man den Zahlungsgepflogenheiten der Chinesen entgegen und steigert die Kundenzufriedenheit. Darüber hinaus können Geschäfte, sobald sie an die WeChat- oder Alipay-Apps angeschlossen sind, via App per Navigationsdienst gefunden werden. Selbst Rabattaktionen und Gutscheine können in digitaler Form über die App direkt an die Nutzer kommuniziert werden, und zwar auf Chinesisch. Die Bedeutung dieser Features für chinesische Touristen, die in der Regel in einem fremden Land mit Orientierungsschwierigkeiten und Sprachbarrieren zu kämpfen haben, liegt dabei auf der Hand.

Digitale Strategie bietet direkten Absatzkanal in China

Wer von Deutschland aus Waren, vor allem Konsumgüter, nach China exportieren möchte, sollte die digitalen Zahlungswege in Betracht ziehen. China ist der größte E-Commerce-Markt der Welt. Deutschland wurde als eines der Top-5- Ursprungsländer für Produkte im grenzüberschreitenden E-Commerce mit China identifiziert. Besonders populär sind Körperpflegeprodukte, Nahrungsmittel, Babynahrung, Sportartikel, Küchenzubehör sowie andere Lifestyle- und Luxusartikel. Wer in diesen Sektoren zusätzlich einen Onlinevertrieb aufbaut und zudem einen mobilen Bezahldienst anbietet, hat deutlich bessere Erfolgschancen als rein über traditionelle Absatzkanäle.

Jedoch bieten sich nach eingehender Prüfung, beispielsweise über eine Machbarkeitsstudie vor Ort, auch außerhalb der obengenannten Produktkategorien auf dem chinesischen E-Commerce-Markt Chancen. Hierbei ist es besonders wichtig, die Gepflogenheiten vor Ort zu kennen und einen Bankpartner an seiner Seite zu haben, der mit den kulturellen Gegebenheiten vor Ort bestens vertraut ist. ODDO BHF hat langjährige Erfahrung in China und bietet interessierten Kunden Unterstützung durch chinesische Muttersprachler an.

weijun.yin@bhf-bank.com

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