Die politischen Ereignisse in Nordafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten (NMO) wecken zwar Hoffnungen auf Demokratisierung und langfristig positive Effekte für die Geschäfte deutscher Unternehmen in der Region. Doch das Liefergeschäft wurde zunächst in einzelnen Ländern beeinträchtigt. Wir fragten die Exportkreditversicherer Atradius, Coface und Delcredere, wie sie die politischen Risiken einschätzen und wie sich diese auf das Zahlungsverhalten und die Kreditversicherungskosten auswirken.

Von Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager, F.A.Z.-Institut

Alle drei Kreditversicherer haben im ersten Quartal 2011 die Ratings für einzelne Länder in der Region herabgestuft. Atradius stufte das Rating von Libyen und Syrien herab. Der Ausblick für Ägypten wurde von stabil auf negativ und für Tunesien von positiv auf stabil gesenkt. Coface hat bei der jüngsten Neubewertung der Länderrisiken im März 2011 in Nordafrika Tunesien und unter den Nichtölländern Ägypten und Syrien lediglich mit negativem Ausblick versehen. Das Erdölland Bahrain wurde von A3 auf A4 herabgestuft, und Libyen erhielt mit D die schlechtestmögliche Risikobewertung. Umfassende Korrekturen bei der Risikobewertung hat auch Delcredere vorgenommen. Insgesamt elf Länder erhielten in den ersten fünf Monaten des Jahres eine schlechtere Risikobewertung, in Nordafrika neben Tunesien z.B. auch Algerien und Marokko und unter den Ölländern Saudi-Arabien und Oman.

Eine deutliche Verschlechterung des Zahlungsverhaltens in der Region konnte bislang mit einigen Ausnahmen noch nicht festgestellt werden, was womöglich mit dem Timing zusammenhängt. Dr. Thomas Langen, Hauptbevollmächtigter von Atradius Deutschland, bemerkt dazu: „Das Zahlungsverhalten hat sich in der Region insgesamt leicht verschlechtert. Es verändert sich jedoch meist nicht schlagartig, sondern zeitlich versetzt“. Das bestätigt auch Christoph Witte, Direktor Deutschland von Delcredere N.V.: Es sei noch zu früh, definitive Aussagen über die Auswirkungen der Ereignisse auf die Zahlungsmoral in den verschiedenen Ländern zu machen, da die Versicherungsnehmer Zahlungsverzüge erst einige Monate nach Fälligkeit melden müssten.

Lediglich in Libyen sei angesichts der schwierigen Kriegssituation ein starker Anstieg an Verzugsmeldungen für Abnehmer in diesem Land zu spüren. Auch für Ägypten seien die gemeldeten Zahlungsverzüge in den vergangenen Monaten gestiegen. Für andere Länder der Region konnte dagegen noch keine Veränderung der Zahlungsmoral erkannt werden.

Auch Dominique Fruchter, Risikoanalyst von Coface S.A. in Paris, berichtete im Rahmen des Kongresses Länderrisiken 2011 lediglich von Problemen mit dem Zahlungsverhalten in Libyen; dies treffe aber nicht für Tunesien und Ägypten zu.

Die erhöhten Länderrisiken wirkten sich bislang noch relativ wenig auf die Preise bzw. Limite der Risikoversicherung aus. Witte erläuterte, dass sich Versicherer und Versicherungsnehmer üblicherweise zu Beginn des Versicherungsjahres auf einen einheitlichen Prämiensatz einigten, der während der Laufzeit des Vertrages Gültigkeit behalte. Da die Versicherungsnehmer von Delcredere im Allgemeinen Kunden in einer Vielzahl von Ländern belieferten, würde sich auch für Neukunden der Prämiensatz nicht unbedingt erhöhen. Die Verschlechterung der Risiken in Nordafrika könne durchaus durch gegenläufige Tendenzen in anderen Märkten aufgehoben werden.

Er ergänzte: „Solange keine Negativ­informationen (z.B. Zahlungsverzüge) vorliegen und die Situation des Landes sich nicht dramatisch verschlechtert, hebt Delcredere bestehende Limite nicht auf. Bei der Bewertung von Neuanträgen sind wir allerdings in einigen Ländern wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Unsicherheit etwas vorsichtiger geworden, d.h., wir legen größeren Wert auf ­solide Bilanzen und eine gute Zahlungsmoral.“

Für Atradius steht ebenfalls die Planungssicherheit für die Kunden im Vordergrund. „Bei Atradius gibt es keine unterjährigen Prämienanpassungen, auch nicht, wenn kurzfristig Krisen ausbrechen wie aktuell in Nordafrika bzw. dem Mittleren Osten. Wir vereinbaren unsere Preise mit unseren Kunden einmalig für die gesamte Vertragslaufzeit ihrer Kreditversicherung auf Basis einer genauen Analyse ihres Forderungsbestands“, so Dr. Langen. Über neue Kreditlimitanträge entscheide Atradius in allen genannten Ländern weiterhin auf Basis individueller Bonitätsprüfungen. Die einzige Einschränkung bilde Libyen, wo aktuell aufgrund der dortigen Ausnahmesituation kein neuer Versicherungsschutz zur Verfügung gestellt werden könne. Aber auch hier entschädige Atradius seine Versicherungsnehmer selbstverständlich, wenn bereits abgesicherte Forderungen ausfielen.

Ad-hoc-Erhöhungen von Preisen nimmt auch Coface in Fällen plötzlicher Veränderung der Länderrisiken nicht vor. Die wichtigste Stellschraube in der Risikobetrachtung sei die Reduzierung der Limite. Diese hänge jedoch von den konkreten Geschäftsbeziehungen ab. Häufig reduziere sich der Deckungsbedarf durch eine zurückgegangene Nachfrage im Geschäft des Kunden – so verhalte es sich gerade auch jetzt im Kontakt mit den entsprechenden Ländern in Nordafrika/NMO.

Die Kreditversicherer passen ihre Länderratings in der Regel quartalsweise an die veränderten Risikoeinschätzungen an. „Die Bewertungen werden in jedem Quartal neu überdacht und gegebenenfalls unter Beobachtung für eine Abwertung gestellt. Wenn es erforderlich gewesen wäre, hätten wir Tunesien und Ägypten auch kurzfristiger im Februar abgewertet“, berichtet Fruchter von Coface.

Delcredere unterscheidet im Allgemeinen zwischen Ländern, deren Länderrisiko sich so stark verschlechtert, dass eine Deckung nicht mehr möglich ist, und solchen Ländern, in denen die Veränderungen sich weniger stark oder schrittweise auf das Länderrisiko auswirken. Bei Ländern der ersten Gruppe ergreift der Kreditversicherer die notwendigen Maßnahmen so früh wie nötig. So musste z.B. die Deckung für Libyen und Jemen ausgesetzt werden. Die Bewertung der meisten Länder der zweiten Gruppe wird im Rahmen der allgemeinen vierteljährlichen Länderrisikobewertung angepasst. Dabei werden das politische Risiko und die systemischen wirtschaftlichen Risiken betrachtet. „Mit diesem System können wir eine ,Jo-Jo-Politik’ bzw. einen häufigen Wechsel zwischen Deckung und Nichtdeckung einzelner Länder vermeiden“, sagte Witte.

Dr. Langen von Atradius weist darauf hin, dass die Kunden in erster Linie das Know-how des Kreditversicherers in Bezug auf die unterschiedlichsten Forderungsausfallrisiken schätzten und diesen Informationsvorsprung als Entscheidungsgrundlage für profitable Geschäfte nutzten. Daher passe Atradius die Ratings selbstverständlich an, sobald dies erforderlich sei – sei es aufgrund einer deutlichen Verbesserung oder Verschlechterung der Risikoeinschätzung.

Auf die Frage, wie die Exportkreditversicherer die Chancen und Risiken speziell in Tunesien und Ägypten einschätzten, klang eine Mischung aus Zuversicht und Skepsis durch. Coface ist optimistisch für Tunesien. „Insbesondere Tunesien er-scheint politisch reif für eine nachhaltige Demokratisierung. Auch wenn der Erfolg noch nicht als sicher gilt, sind die Wachstumschancen unter demokratischen Verhältnissen deutlich besser als unter einer Diktatur“, vermerkte Fruchter.

Auch Atradius sieht Tunesien auf einem guten Weg zurück in die Stabilität. Dr. Langen gibt allerdings zu bedenken, dass sich die politischen Unruhen negativ auf den Tourismus auswirkten. Die für Juli angesetzten Wahlen müssten erst zeigen, ob sich der positive Trend weiter fortsetze. Die Lage in Ägypten schätzt er kritisch ein. „In Ägypten ist nicht vor Herbst mit Wahlen zu rechnen. Die Krise hat die ägyptische Wirtschaft teilweise zum Erliegen gebracht, und diese Lücke muss das Land nun schließen. Daher ist die wirtschaftliche und politische Unsicherheit in Ägypten hoch“, so Dr. Langen.

Witte gibt zu bedenken, dass, solange Sicherheit und Stabilität nicht wiederhergestellt seien, ausländische Direktinvestitionen hinausgezögert würden und auch der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftszweig in beiden Ländern, sehr in Mitleidenschaft gezogen würde. In Ägypten könnten die religiösen Spannungen eine friedliche Veränderung behindern.

Langfristig sei der Ausblick jedoch positiv. Die künftigen Regierungen Tunesiens und Ägyptens würden sich der Bedeutung eines transparenten Geschäftsumfeldes sowie in- und ausländischer Investitionen für das Wirtschaftswachstum bewusst werden. Die Demokratisierung werde viele neue Möglichkeiten eröffnen. Wenn an die Stelle der Autokratie eine echte Demokratie getreten sei, würden das Wirtschaftswachstum durch die sinkende Korruption und die größere Transparenz der Wirtschaftssysteme anziehen und sich ganz neue Geschäftsmöglichkeiten und Chancen sowohl für die einheimische Bevölkerung als auch für in- und ausländische Unternehmen bieten.

Kontakt: s.roehrig[at]faz-institut.de

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