Der Rückgang des Russland-Geschäfts und die zunehmenden Krisen in der Welt lassen die deutsche Exportwirtschaft aufhorchen.
Der Diskussionsbedarf rund um das Thema Länderrisiken nimmt zu. So war es kein Zufall, dass der Forderungsspezialist Coface zu seinem Kongress Länderrisiken am 7. Mai 2015 mit rund 600 Besuchern erneut eine wachsende Teilnehmerzahl registrieren konnte. Im Fokus standen die Herausforderungen der Digitalisierung und die Bedeutung vertrauensvoller Geschäftsbeziehungen.

Gunther Schilling, Leitender Redakteur ­ExportManager, FRANKFURT BUSINESS MEDIA

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Dass man mit dem „Zählbaren“ allein keine erfolgreichen Geschäfte machen kann, dürfte den Teilnehmern in der Coface-Arena in Mainz bereits bekannt gewesen sein. Doch wie sich die Digitalisierung und die Kommunikation in Echtzeit auf die Geschäftsmodelle und Strategien international aufgestellter Unter­nehmen auswirken, präsentierte Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in seiner Keynote auf eine Weise, die manchen Geschäftsführer ins Grübeln gebracht haben dürfte.

Handel schafft Vertrauen

Mit einem Blick in die Geschichte erläuterte Nassehi die verbindende Kraft des Handels auch mit fremden Ländern. Der Handelsreisende konnte sich immer mit seinem Warenangebot und seinen Preisvorstellungen im Rahmen der kaufmännischen Usancen verständlich machen, auch wenn sein Gegenüber ihm kulturell fremd war. Zu diesen „digitalen“, also zählbaren Inhalten kamen analoge Themen hinzu, die das Bild des Gegenübers ergänzten. Durch den Warenhandel lernte man sich kennen und schöpfte aus gelungenen Geschäften Vertrauen.
In einer Welt der Echtzeitkommunikation mit weit entfernten Geschäftspartnern, die sich in Daten ausdrückt und eine Flut von Informationen erzeugt, müssen Unternehmen stärker in Wechselwirkungen denken, da einfache Kausalitäten nicht mehr stimmen. „Wir erleben Gesellschaft digital, müssen aber analog in ihr leben“, sagte Nassehi und ergänzte: „Nationalismus ist fast immer Ausdruck von Anpassungsproblemen an die Digitalisierung. In der Wirtschaft äußert sich dieser Nationalismus in Protektionismus.“

Nassehi empfiehlt Unternehmen, eine digitale Strategie zu entwickeln, die nicht allein elektronische Datenverarbeitung, sondern auch gesellschaftliche Prozesse berücksichtigt. Dabei sieht er in Big Data in erster Linie eine Datensammlung, doch es komme darauf an, mit Menschen analog in Kontakt zu treten. „Wenn wir die digitale Information über den anderen auf den Tisch legen, haben wir das Trennende betont und können kein Vertrauen aufbauen“, gab Nassehi zu bedenken. Er hält es für erforderlich, digitale Informa­tionen in analoge Muster zu übersetzen.

Analoge Risiken berücksichtigen

Die zunehmende Digitalisierung der Kommunikation im Internet hat die Ge-sellschaft in weiten Teilen der Welt überfordert, meinte Nassehi. Terroristen zerstören durch analoge Bilder ihrer Gräueltaten Vertrauen in die Stabilität der Gesellschaft. Auch Russland hat durch seine autoritäre Politik und die Intervention in der Ukraine Vertrauen zerstört. In der anschließenden Diskussion warb ­Nassehi für Investitionen in die Bildung und die Beschäftigung der jungen Menschen in den Risikoregionen, um Vertrauen in die liberale Demokratie und die ökonomischen Potentiale der Gesellschaft zu schaffen.

Besonders im Russland-Geschäft macht sich der Vertrauensverlust bemerkbar. So berichteten die Referenten des Kongresses von negativen Reaktionen auf deutscher und russischer Seite, die durch die Sanktionen oder die wirtschaftlichen ­Rahmenbedingungen in Russland nicht allein zu begründen sind. Dazu trägt auch ein zunehmender Druck der russischen Regierung bei, die ausländische Beteiligung an russischen Medien zu reduzieren, personenbezogene Daten physisch nur in Russland zu speichern und die Eigentümer von Unternehmen mit Auslandsbeteiligung offenzulegen.

Grenzen des Informationsaustauschs

Auch in China sind dem Informationsaustausch mit dem Ausland Grenzen gesetzt, um politische und wirtschaftliche Einflüsse fernzuhalten. Kristin Shi-Kupfer, Wissenschaftlerin am Mercator Institute for China Studies, erläuterte in Mainz die langfristige Digitalisierungsstrategie der chinesischen Regierung. China beschränkt die digitale Vernetzung mit dem Ausland und die Kommunikation über das Internet im Inland. Dadurch entstehen neue Risiken, da Unternehmen zur Lokalisierung gezwungen werden. Gleichzeitig soll die Sammlung technischer und personenbezogener Daten im Zuge des Aufbaus einer vernetzten Industrie verstärkt werden.

Christoph Haar, Vizepräsident Business Development & Marketing des Mess- und Verfahrenstechnikers Schenck Process, sieht geringe Risiken für sein Unter­nehmen, da Informationskanäle und Zulieferer diversifiziert sind und das entscheidende Know-how bei wenigen verlässlichen Mitarbeitern konzentriert ist. Die Umsetzung der vernetzten Industrie wird aus Sicht von Haar durch den beschränkten Zugang zu den Produktionsinformationen der Kunden beispielsweise in Australien erschwert. Hier fehlt zum Teil das Vertrauen, dem Lieferanten Daten zur Überwachung der technischen Prozesse zugänglich zu machen, die zur vorausschauenden Wartung benötigt werden.

Unternehmen müssen ihre digitale Strategie also im Spannungsfeld zwischen einer effizienzsteigernden Vernetzung mit vertrauenswürdigen Partnern und der Absicherung sensibler Unternehmens- und Kundendaten entwickeln. Auch chinesische Technologieunternehmen wie Huawei, die einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland machen, kritisieren inzwischen offen die Digitalisierungsstrategie Chinas, da ausländische Kunden fürchten, dass Daten nach China fließen, berichtete Shi-Kupfer.

Kontakt: gunther.schilling[at]frankfurt-bm.com

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