Russland rutscht 2015 in eine tiefe Rezession. Stark gesunkene Ölpreise, ein hohes politisches Risiko, Kapitalflucht, Rubel-Abwertung und internationale Sanktionen beuteln die Wirtschaft. Auch wenn die deutschen Unternehmen mit einem Russland-Engagement sehr unterschiedlich betroffen sind, müssen sie sich anders als in früheren Krisen auf eine lange Durststrecke einstellen. Wer das frostige Wirtschaftsklima überdauern will, sollte zudem seine Russland-Strategie grundsätzlich auf den Prüfstand stellen.

Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager, FRANKFURT BUSINESS MEDIA

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Bereits 2014 kühlte sich die russische Konjunktur spürbar ab. Das Bruttoinlandsprodukt legte allerdings getrieben durch die robuste Verbrauchernachfrage noch um 0,6% zu. 2015 droht Russland nun eine tiefe Rezession. Der IWF sagt für 2015 einen Rückgang des BIP um 3,8% und für 2016 um 1,1% voraus. Die Analysten des Economic Research von Euler Hermes sind weitaus pessimistischer. Sie erwarten einen Wachstumseinbruch von 5,5% in diesem und von 4,0% im nächsten Jahr.

Starker Importrückgang

Die hohe Inflation und der niedrige Wechselkurs des Rubel lassen den privaten Verbrauch einbrechen. Der Staat wird seine Ausgaben wegen der geringeren Öleinnahmen kürzen. Besonders schmerzhaft ist, dass die Investitionen 2015 voraussichtlich um 15% und 2016 um 10% schrumpfen werden. Dies dürfte für einen zweistelligen Rückgang der russischen Importe sorgen. Bereits 2014 bekamen deutsche Exporteure einen Einbruch der russischen Nachfrage um 18% auf 29,3 Mrd EUR zu spüren. Für 2015 ist mit einer noch stärkeren Schrumpfung der deutschen Exporte nach Russland um 25% zu rechnen, pro-gnostiziert Euler Hermes.

Die Landwirtschaft zählt zu den wenigen Branchen, die derzeit nicht so stark von der Wirtschaftskrise in Russland betroffen sind. „Wir haben 2014 ein relativ gutes Umsatzergebnis erzielt. Für 2015 sind unsere Vertriebspartner in Russland zwar nicht euphorisch, doch durchaus zuversichtlich, was die Absatzaussichten anbetrifft“, sagt Dirk Hollinderbäumer, Leiter Vertrieb Ausland beim Landtechnikhersteller LEMKEN aus Nordrhein-Westfalen. Der Mittelständler profitiert von den von Russland verhängten Sanktionen auf die Einfuhr bestimmter Lebensmittel, die die Nachfrage nach lokalen Nahrungsmitteln und somit auch deren Preise in die Höhe treiben. „Die Einkommenssituation unserer Kunden, der russischen Landwirte, ist zum Teil recht gut. Die Erzeugerpreise für Milch liegen z.B. deutlich über dem aktuellen Niveau in Westeuropa“, sagt Hollinderbäumer. Hierdurch dürften die Kunden die schlechteren Rahmenbedingungen für Finanzierungen besser kompensieren können.

Maschinenbau besonders betroffen

Besonders stark betroffen vom Nachfrageeinbruch sind die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, für die Russland der sechstgrößte Exportmarkt ist. Kleinen Mittelständlern mit einem starken Standbein in Russland fällt es schwer, die Krise zu bewältigen. Im März 2015 musste der Magdeburger Maschinenbauer Vakoma, der maßgeschneiderte Hochdrucksysteme an Zementwerke und Erdölraffinerien liefert, Insolvenz anmelden. Auch der deutlich größere ostdeutsche Elektroanlagenbauer FEAG ist stark unter Druck geraten, weil er 20% seines Umsatzes in Russland macht. Weil diese Strategie nicht mehr tragfähig ist, setzt das Unternehmen nun auf eine Diversifizierung der Absatzmärkte im Nahen Osten und in China.

Kein Grund zum Rückzug

Die deutschen Unternehmen passen ihre Russland-Strategie drastisch an die neuen Gegebenheiten an. Doch der Großteil der über 6.000 Unternehmen mit deutschem Kapitalanteil in Russland scheint dem russischen Markt treu zu bleiben. Großunternehmen wie Knauf, Henkel, Rewe und VW haben sich öffentlich zum russischen Markt bekannt. „Die in Russland aktiven deutschen Unternehmen verfolgen eine Art Überwinterungsstrategie. Allerdings treten sie auf die Investitionsbremse“, bestätigt Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, diesen Trend.

Für den seit über zwei Jahrzehnten in Russland engagierten Gipskonzern Knauf sind die bereits 2014 verbuchten Verluste kein Grund zum Rückzug. Knauf setzt in der Krise auf Kostenanpassung. Das gelingt zum Beispiel durch Beschäftigungsabbau oder eine stärkere Beschaffung von Vorprodukten auf dem lokalen Markt. Der Einkauf im Ausland ist durch den Kursverfall des Rubel zu teuer geworden. Lokalisierung heißt das Krisenrezept auch, wenn es um Modernisierungsinvestitionen geht. So werden Investitionsgüter, die zuvor aus Deutschland bezogen wurden, verstärkt am lokalen Markt beschafft.
Kosten herunterfahren, aber möglichst den Standort halten, dazu rät René Harun, Leiter der AHK-Filiale Nordwest in St. Petersburg. Russland sei schon immer ein schwieriger Markt gewesen, der wegen seiner einseitigen Rohstofforientierung extremen Konjunkturschwankungen unterworfen sei. Die Erfahrung vergan­gener Jahre habe jedoch gezeigt, dass Unternehmen, die die Krise ausstünden, in der Boomphase durch hervorragende Geschäfte mit hohen Renditen belohnt würden. Deswegen gelte auch jetzt wieder die Devise, „die Krise als Chance zu nutzen und antizyklisch zu handeln“, sagt Harun.

Auf dieses Prinzip hatte LEMKEN bereits nach der Finanzkrise 2007/2008 gesetzt. „Der Aufbau einer russischen Tochter­gesellschaft mit eigener Gerätemontage vor Ort im Jahr 2010 war genau die richtige Entscheidung“, sagt Dirk Hollinderbäumer. „Gerade in Zeiten von Sanktionen, vola­tilem Wechselkurs, steigender Bürokratie und stärkeren Kontrollen an den Grenzen ist es von Vorteil, wenn wir unseren ­Kunden Produkte russischen Ursprungs anbieten und ihnen das aufwendige Prozedere, das bei der Einfuhr westeuropäischer Technik besteht, ersparen können.“

Exitstrategie mit einplanen

Doch Russland-Experte Prof. Dr. Rainer Wedde, Berater der Kanzlei Beiten Burkhardt in Moskau, warnt: „Diese Krise unterscheidet sich grundsätzlich von den früheren Russland-Krisen, dem Staatsbankrott 1998 und der weltweiten Finanzkrise 2007/2008. Die wirtschaftlichen Probleme laufen Gefahr, sich in Verbindung mit den Sanktionen und der wechselseitigen Entfremdung zwischen Russland und dem Westen zu einer langfristigen und grundlegenden Krise auszuwachsen.“ Die deutsche Wirtschaft muss sich wohl auf eine lange Durststrecke einstellen. „Lokalisierung kann eine Lösung sein, in Einzelfällen sollte aber auch eine Exitstrategie nicht von vornherein ausgeschlossen werden“, rät Wedde.

Wettbewerbsnachteile

Die deutschen Mittelständler tragen die internationalen Sanktionen zähneknirschend. Der bürokratische Aufwand und das gestiegene gegenseitige Misstrauen sind wenig förderlich für den Abschluss neuer Geschäfte. „Wenn ein deutsches Unternehmen aufgrund eines Ablehnungsbescheids des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle seinen Vertrag nicht erfüllen kann, gibt es Probleme aus der Sicht des russischen Vertragspartners wegen unterbleibender Vertragserfüllung“, erläutert Wedde. Unternehmen sollten sich bereits im Kaufvertrag für den Fall einer Nichtgenehmigung der Ausfuhr absichern, rät er. Dies stelle dann allerdings auch einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Konkurrenten aus anderen Ländern dar, die nicht an die Wirtschaftssanktionen gebunden seien oder die Exportkontrolle nicht so genau nähmen. Dass sich Russland verstärkt nach China und Asien ausrichtet, ist bereits in den Handelszahlen abzulesen.

Schutz vor Volatilität des Rubel

Der Wechselkurs des russischen Rubel hat sich zwar seit Jahresbeginn stabilisiert. Doch Torsten Erdmann, Filialleiter der Commerzbank in St. Petersburg, warnt vor der Rückkehr zum Tagesgeschäft: „Seit Anfang November 2014 haben sich die Spielregeln grundlegend geändert: Die Zentralbank Russlands ist zu einem System flexibler Wechselkurse übergegangen. Dies hat zur Folge, dass wir viel stärkere Ausschläge beim Rubelkurs sehen werden, als dies noch zu Zeiten der ,Wechselkurskorridore‘ üblich war.“ Unternehmen, die Umsätze direkt oder über Tochtergesellschaften in Rubel erlösen, sollten diese Rubel-Eingänge über die Fixierung eines Forwardkurses oder den Abschluss von Optionen absichern, rät Erdmann.

Finanzierung knapp

Über ein Drittel der deutschen Firmen hat Probleme mit der Finanzierung von Projekten und Geschäften – dies geht aus der gemeinsamen Geschäftsklima-Umfrage des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und der Deutsch-Russischen AHK vom Februar 2015 hervor. In Russland liegt der effektive Jahreszins für private Unternehmen zurzeit bei 25% bis 38%. Noch bieten viele deutsche Banken mit eigenen Tochtergesellschaften in Russland Exportfinanzierungen an. Doch die höhere Risikoeinschätzung wird in die Gebühren und Zinskosten eingepreist. Dies gilt auch für private und staatliche Kreditabsicherungen. Im Februar wurde die OECD-Länderklassifizierung für Russland von Risikokategorie 3 auf 4 heraufgestuft, was zu einer höheren Berechnung des Entgelts für Hermesdeckungen führte. Der private Kreditversicherer Coface Deutschland überprüft derzeit seine Versicherungspolitik hinsichtlich Russland. „Wir haben bereits eine hohe Anzahl an Zahlungsausfällen und Schadensfällen in diesem Jahr und keine Aussicht auf Besserung“, sagt Jochen Böhm, Chef der Risikoprüfung für Nordeuropa und Russland des Kreditversicherers Coface. Weil das politische Risiko kaum noch kalkulierbar sei, überlege man, ob man Unternehmen in der bisherigen Form noch unterstützen könne.

Kontakt: sylvia.roehrig[at]frankfurt-bm.com

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