Defizite gegenüber regionalen Wettbewerbern, Schwächen in Infrastruktur, Verwaltungs-und Bildungssystem, politische Probleme und kritische Sicherheitslage: Die Wirtschaft Ägyptens bewegt sich auf einer instabilen Basis. Und die Abhängigkeit von ausländischen Investitionen ist groß. Im Fokus der Märkte und der Investoren wird dabei aber auch immer die politische Situation in Ägypten stehen.

Von Dr. Mario Jung, Senior Regional Economist NER, Coface

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Moderates Wirtschaftswachstum

Nach schwierigen Jahren hat die ägyptische Wirtschaft im gerade abgelaufenen Jahr 2015 wieder Tritt gefasst. Unter stabileren politischen Verhältnissen hat sich das Wirtschaftswachstum im Fiskaljahr 2014/15 (Juli 2014 bis Juni 2015) deutlich beschleunigt: auf 4,2%, nachdem es im Fiskaljahr 2013/14 noch bei 2,2% gelegen hatte.

Ein stärkeres Wachstum ist auch bitter nötig, um die stark wachsende und junge Bevölkerung an Wohlstand und Arbeit teilhaben zu lassen. Nach unserer Einschätzung wird Ägypten beim Wachstumstempo im laufenden Fiskaljahr 2015/16 sogar noch eine kleine Schippe drauflegen können: Wir erwarten demnach eine leichte Wachstumsbeschleunigung auf 4,4%. Allerdings halten wir es für äußerst schwierig, bis Mitte 2019 das erklärte Regierungsziel eines Wachstums von 6% erreichen zu können. Denn der Zielerreichung stehen Hindernisse in Form großer struktureller Probleme im Weg.

Mangelnde Konkurrenzfähigkeit

Die ägyptische Wirtschaft hat mit großen Defiziten in der Wettbewerbsfähigkeit zu kämpfen. Sie schlagen sich in einem merklichen Fehlbetrag in der Leistungs­bilanz nieder, der von 3,3% des Brutto­inlandsprodukts im vergangenen Jahr bis auf 4,2% im neuen Jahr ansteigen dürfte. Diese für Ägypten negative Entwicklung wurde zusätzlich durch die Tatsache begünstigt, dass sich Ägypten zuletzt vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur von Energie entwickelt hat. Außerdem hat die vergleichsweise enge Bindung des Ägyptischen Pfund an den US-Dollar dazu geführt, dass es weniger stark gegenüber dem Greenback abgewertet hat als beispielsweise die Währungen wichtiger Wettbewerber wie der Türkei oder Marokkos.

Dass die ägyptische Wirtschaft von ihren strukturellen Rahmenbedingungen her für den internationalen Wettbewerb nur unzureichend gerüstet ist, zeigen Vergleichsstudien internationaler Institutionen. Auch wir bewerten das Geschäftsklima in diesem nordafrikanischen Land mit der Einstufung B, was einer mittelmäßigen Qualität des Geschäftsumfeldes entspricht.

Laut Wettbewerbsreport des Weltwirtschaftsforums belegt Ägypten gerade einmal Platz 116 unter 140 betrachteten Staaten. Bei fast allen Kriterien, die das Weltwirtschaftsforum heranzieht, fällt Ägypten gegenüber den regionalen Wettbewerbern aus dem Nahen Osten und Nordafrika zurück. Besonders stark ausgeprägt sind laut Weltwirtschaftsforum die Rückstände bei den makroökonomischen Rahmenbedingungen, der Infrastruktur und der Bildung. Im Doing Business Report der Weltbank sieht es für Ägypten auch nicht viel besser aus: Hier belegt der nordafrikanische Staat Platz 131 von 189 Ländern. Gegenüber der Befragung im Vorjahr hat sich Ägypten sogar um fünf Plätze verschlechtert. Die gravierendsten Probleme sieht die Untersuchung der Weltbank in der Versorgung mit Elektrizität, der Rechtssicherheit und im Steuersystem. Und auch bei avisierten Firmengründungen können die Rahmenbedingungen von Seiten der Verwaltung und Justiz für ausländische Kapitalgeber schwierig sein. Eine Firmenneugründung kann daher bis zu fünf Jahre dauern, wobei bis zu 78 verschiedene ägyptische Behörden Genehmigungen erteilen müssen!

Sicherheitslage bremst Tourismus

Ein weiteres gravierendes Problem für die Wettbewerbsfähigkeit ist die kritische Sicherheitslage, die vor allem auf den wichtigen Wirtschaftszweig Tourismus durchschlagen kann. Umsätze im Tourismus sind für Ägypten nämlich nichts anderes als Dienstleistungsexporte, die den Saldo in der Leistungsbilanz verbessern. Der Tourismus macht rund 13% der ägyptischen Wirtschaftsleistung aus und 5% der Arbeitsplätze. Hinzu kommt, dass der Tourismussektor ein wichtiger Devisenbringer ist und daher ein signifikanter Faktor, um die Devisenknappheit Ägyptens einigermaßen im Zaum zu halten. Denn dieser Wirtschaftsbereich alleine ist verantwortlich für rund 20% der ägyptischen Deviseneinnahmen.

Doch mit dem mutmaßlichen Terroranschlag auf ein russisches Passagierflugzeug im Herbst 2015 sind die Risiken für die ägyptische Tourismusbranche wieder ein Stück weit größer geworden. Dabei hatten sich die Gästezahlen – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – im ersten Halbjahr 2015 noch um 8,2% erholt. Damit dürfte auch die von der Regierung angestrebte Besucherzahl von 10 Millionen im Jahr 2015 vermutlich nicht erreicht worden sein, weil ein Ausbleiben der Russen als zahlenmäßig wichtigster Touristengruppe deutliche Spuren in der Statistik hinterlassen dürfte. Infolgedessen rückt die Besucherzahl von 15 Millionen im Rekordjahr 2010 wieder in weitere Ferne.

Regionale Ertragsschwäche belastet

Mit dem Leistungsbilanzdefizit und der Devisenknappheit zeigt die ägyptische Volkswirtschaft eine strukturelle Verwundbarkeit ihrer außenwirtschaftlichen Flanke, die sich durch einen weiteren Faktor in den vergangenen anderthalb Jahren vergrößert hat: den Verfall der Preisnotierungen für Rohöl. Zwar entlastet dieser einerseits die ägyptischen Konsumenten und Unternehmen und insgesamt auch die ägyptische Importbilanz an Energie. Dieser Preisverfall hat aber für die erdölexportierenden Nachbarn Ägyptens aus der Golfregion zur Folge, dass deren Einnahmen einbrechen und daher zu einer massiven Belastung für ihre Staatsfinanzen werden. Und dies hat andererseits indirekt auch Rückwirkungen auf die ägyptische Wirtschaft. Denn wir sehen durchaus die Gefahr, dass sich die Golfstaaten als Folge des Ölpreisverfalls mit Investitionen, Transfers und Subventionen in Ägypten zurückhalten könnten – solange keine spürbare Entspannung an den Rohstoffmärkten in Sichtweite ist.

Die genannten außenwirtschaftlichen Probleme stellen die ägyptische Staatsführung unter Präsident Abdel-Fattah al-Sisi vor große Herausforderungen. Darüber hinaus ist das hohe Defizit im Staatshaushalt anzugehen: Zwar stehen mit dem günstigeren konjunkturellen Ausblick die Zeichen auf eine weitere Besserung des Fehlbetrags in der Staatskasse. Mit den von uns erwarteten ungefähr 10% der Wirtschaftsleistung bliebe das Staatsdefizit im laufenden Fiskaljahr aber weiterhin immens hoch. Im fragilen politischen System Ägyptens sind Ausgabenkürzungen mit Fingerspitzengefühl vorzunehmen, zum einen, weil sie große Teile der Bevölkerung beeinträchtigen können, zum anderen, weil sie die politische Stabilität verschlechtern könnten. Denn mit hohen Zuweisungen und Anteilen am Wirtschaftskreislauf wird beispielsweise die starke Stellung des Militärs gesichert.

Reformen und Investitionen nötig

Eine Fortsetzung des Reformkurses bleibt für Präsident al-Sisi notwendig, um das Wachstumstempo der ägyptischen Wirtschaft erhöhen zu können. Unerlässlich sind in diesem Zusammenhang Investitionen, die auch über Kapitalzuflüsse aus dem Ausland gestemmt werden können. Die Unsicherheiten haben im Verlauf des zurückliegenden Jahres abgenommen, sind aber bei weitem nicht verschwunden. Positiv gewirkt hat dabei sicherlich die Eröffnung des Prestigeobjekts neuer Suezkanal. Und auf einer Entwicklungskonferenz im März konnte Ägypten immerhin 60 Mrd USD an Investitions- und Finanzierungsmitteln einsammeln.

Um die Zuflüsse aus dem Ausland aufrechtzuerhalten oder gar zu erhöhen, müssen die in den genannten Vergleichsstudien der internationalen Institutionen aufgelisteten strukturellen Schwächen Ägyptens angegangen werden. Ein glaubwürdiger Reformprozess benötigt sicherlich Zeit, lässt sich aber im inzwischen günstigeren konjunkturellen Umfeld ­besser stemmen. Im Fokus der Märkte und der Investoren wird dabei aber auch immer die politische Situation in Ägyp-ten stehen. Wir stufen das Länderrisiko ­Ägyptens mit C ein. Demnach können sich die sehr unbeständigen politischen und wirtschaftlichen Aussichten und ein Geschäftsumfeld mit vielen besorgniserregenden Schwächen deutlich im Zahlungsverhalten der Unternehmen niederschlagen. Daher ist die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen hoch.

Kontakt: mario.jung@coface.com

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