Die mittelfristigen Aussichten für den Rohstoffexporteur sind eher düster, da der Öl- und Gaspreis in den kommenden Jahren niedrig bleiben und zu hohen Zwillingsdefiziten, sinkenden Devisenreserven und einer höheren Verschuldung führen dürfte. Die Gesamtheit dieser Entwicklungen hat die Credendo Group 2015 veranlasst, das politische Risiko Algeriens in eine höhere ­Kategorie einzustufen: Das kurzfristige Risiko liegt nunmehr bei 2/7, das mittelfristige Risiko bei 3/7.

von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Credimundi, Member of the Credendo Group

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Dank unerwartet hoher Erlöse aus dem Öl- und Gasexport konnte Algerien in der Vergangenheit erhebliche Überschüsse im Haushalt und in der Leistungsbilanz erwirtschaften. Diese ermöglichten den Abbau der Auslandsverschuldung, die Erhöhung des Auslandsvermögens und damit die Schaffung hoher externer Finanzpolster. In der Folge fielen die Auslands- und Staatsverschuldung des Landes von über 60% bzw. 80% des BIP im Jahr 1999 auf etwa 2% bzw. 8% des BIP Ende 2013. Zu diesem Zeitpunkt deckten die Devisenreserven nahezu 32 Monatsimporte ab, was den zweithöchsten Wert in der MENA-Region darstellte. Mitte 2014 setzte jedoch ein starker Rückgang des Ölpreises ein, der die von großer Öl- und Gasabhängigkeit geprägte Wirtschaft Algeriens schwer traf: Öl- und Gaseinnahmen machen 85% der Leistungsbilanzeinnahmen und etwa 60% der Staatseinnahmen aus. Folglich hat der Verfall des Ölpreises im Jahr 2015 ein großes Leistungsbilanzdefizit von 17,9% des BIP und ein Haushaltsdefizit in Höhe von 13,7% des BIP verursacht. Dadurch gerät nun auch Algeriens Position als Auslandsgläubiger ins Wanken. Die Devisenreserven werden rasch aufgezehrt, während Auslands- und Staatsverschuldung ansteigen.

Anpassung an Marktveränderungen

Vor dem Hintergrund der hohen Energieabhängigkeit sowie der fallenden Öl- und Gaseinnahmen hat die Regierung im Jahr 2015 einige Reformen auf den Weg gebracht, um den neuen Herausforderungen zu begegnen. Das Reformpaket umfasst sowohl Änderungen des Steuersystems zur Förderung der Produktionstätigkeit und zur Begrenzung der Importe als auch eine Steueramnestie, die darauf abzielt, den informellen Sektor in die reguläre Wirtschaft einzugliedern und Einnahmeströme aus dem Nichtölsektor zu erhöhen. Auch die Zentralbank versucht, die Importe zu drosseln, indem sie die Importfinanzierung seitens der Geschäftsbanken erschwert und Akkre­ditive für importierende Unternehmen limitiert. Weiterhin steigert die Zentralbank den Wert von Ölverkäufen in Lokalwährung, indem sie den Dinar abwerten lässt.

Obwohl die Regierung Schritte zur Umsetzung von Reformen unternommen hat, sind mittelfristig ehrgeizige Konsolidierungsanstrengungen notwendig, um den neuen Gegebenheiten auf dem Ölmarkt zu begegnen. Insbesondere die Kürzung staatlicher Subventionen für Erdölerzeugnisse, Nahrungsmittel, Wasser und Strom könnte das Haushaltsdefizit erheblich reduzieren. Die Regierung zögert jedoch, sich der Problematik der Subventionen zu stellen, da sie mit deren Kürzung soziale Unruhen auslösen könnte. Des Weiteren ist die Diversifizierung von Wirtschaft und Exporten eine entscheidende Voraussetzung für die Reduzierung der Energieabhängigkeit. Eine weitere große Herausforderung, die das Land angehen muss, ist die Verbesserung des Geschäftsumfelds. Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Algerien gelten als übermäßig komplex, was zu regelmäßigen Zahlungsrückständen führt, und das Klima für Auslandsinvestitionen wird als unfreundlich bewertet.

Neue Reformen zur Reduzierung der politischen Unsicherheit

In Algerien kommt es häufig zu Protesten, und es herrschen ähnliche Missstände wie in anderen Ländern der Region, wie zum Beispiel hohe Arbeitslosigkeit (speziell unter der jungen Bevölkerung), Ungleichheit oder Korruption (real oder auch vermeintlich). Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas haben die regionalen Demonstrationen Anfang 2011 in Algerien keine anhaltenden Massenproteste ausgelöst. Ein Grund hierfür ist die Beliebtheit Präsident Abdelaziz Bouteflikas, der 2014 seine vierte Amtszeit angetreten hat. Bouteflika ist jedoch 78 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen. Kürzlich wurden einige Verfassungsänderungen vorgeschlagen, die die politische Unsicherheit hinsichtlich seiner Nachfolge reduzieren sollen. Gemäß den vorgeschlagenen Änderungen soll die Beschränkung der Präsidentschaft auf zwei Amtszeiten wiederhergestellt werden (nachdem sie unter Bouteflika aufgehoben worden war, um dessen dritte und vierte Amtszeit zu ermöglichen). Des Weiteren sollen die Rechte politischer Parteien gestärkt und die Nachfolge des Präsidenten vereinfacht werden. Dieser Vorschlag ist jedoch weniger ein klarer Richtungswechsel im System als vielmehr die Fortführung eines allmählichen Übergangs hin zu einer zivilen Staatsführung.

Die ausführliche Länderstudie Algerien mit zusätzlichen Grafiken liegt zum kostenlosen Download unter www.credimundi.de bereit.

Kontakt: c.witte@credendogroup.com

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