Angesichts der weltweit gesunkenen Risikobereitschaft, in Emerging Markets zu investieren, sind die Schwachstellen der türkischen ­Wirtschaft offensichtlich geworden: Die Sparquote ist niedrig, und das hohe strukturelle Leistungsbilanzdefizit wird durch kurz­fristige Kapitalzuflüsse finanziert. Beide Faktoren führen zu einer volatilen Konjunktur. Die jüngsten politischen Unruhen haben die Risikoaversion der Investoren weiter verstärkt. Hohe Kapitalabflüsse setzen die Türkische Lira unter Druck.

Von Christoph Witte, Direktor Deutschland, Credimundi, Member of the Credendo Group

Als Reaktion auf die starke Abwertung der Türkischen Lira hat die Zentralbank die Zinssätze erhöht. Höhere Kreditzinsen und eine Abwertung der Währung trüben die Wachstumsaussichten für 2014. Vor diesem Hintergrund hat Credimundi eine Neubewertung des systemischen Geschäftsrisikos in der Türkei mit einer Herabstufung auf die Risikokategorie C vorgenommen. Die hohe Abhängigkeit von kurzfristigen Kapitalzuflüssen belastet zudem das kurzfristige politische Risiko, das sich allerdings durch das relativ komfortable Niveau an Währungsreserven in Grenzen hält.

Die Aussichten werden durch einige Faktoren negativ beeinflusst. Dazu zählen das hohe Leistungsbilanzdefizit, die niedrige Sparquote, die hohe Abhängigkeit von Energieimporten, die politische Unsicherheit im Vorfeld wichtiger Wahlen und der brüchige Friedensprozess mit den Kurden. Doch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten der Türkei sind nach wie vor gut: Die Exportstruktur ist diversifiziert, die öffentlichen Finanzen sind solide, und die Auslandsverschuldung hält sich in Grenzen. Der Bankensektor ist trotz hoher Abhängigkeit von kurzfristigen Finanzierungen gut reguliert und kapitalisiert.

Premierminister Recep Tayyip Erdogan von der gemäßigt islamischen Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) ist seit 2002 im Amt. Ihm wird zugutegehalten, dass er der Türkei eine beispiellose Phase politischer Stabilität und wirtschaftlicher Expansion ermöglicht hat. Doch Mitte 2013 wurde die bis dahin stabile politische Lage durch die von der Polizei brutal niedergeschlagenen Massen­proteste erschüttert. Es folgte eine Reihe von Korruptionsskandalen, in die Geschäftsleute und ­weitere zentrale Personen aus Regierungskreisen verwickelt waren und in deren Verlauf vier Minister zurücktraten. Im Zuge dieser Vorfälle legte der Premierminister zunehmend autoritäre Züge an den Tag. Die türkische Mittelschicht befürchtet eine Islamisierung ihres Landes. Zwischen Erdogan und seinem früheren Verbündeten Gülen herrscht zudem inzwischen eine tiefe Kluft.

Die Gülen-Bewegung ist eine nationalistische religiöse Organisation in der Türkei, die für einen gemäßigten Islam und offenen Dialog zwischen den Religionen eintritt und Anhänger in allen Gesellschaftsschichten hat. Ihre Mitglieder besetzen einflussreiche Positionen in verschiedenen Institutionen wie etwa in der Polizei, Justiz und Staatsanwaltschaft. Nach Ermittlungen in den Korruptionsskandalen hat Erdogan zahlreiche Maßnahmen eingeleitet, um den Einfluss der Gülen-Bewegung in der Türkei zurückzudrängen. Erdogans Vorgehen könnte dazu führen, dass eine Spaltung innerhalb der AKP entsteht und die Unabhängigkeit der Justiz und Gesetzgebung geschwächt wird.

Die politische Unsicherheit hat sich im Vorfeld einer Reihe wichtiger Wahlen (Kommunalwahlen: Ende März; Präsidentschaftswahlen im August 2014 und Parlamentswahlen im Juni 2015) deutlich erhöht. Nachdem die AKP bei den Kommunalwahlen Ende März gut abgeschnitten hat, dürfte sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch nach den Parlamentswahlen die stärkste Partei im Parlament bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die AKP hat eine breite Anhängerschaft unter der armen ländlichen und städtischen Bevölkerung mit einer konservativen religiösen Weltanschauung. Ihr wird zugeschrieben, den Lebensstandard der Arbeiterklasse und unteren Mittelschicht verbessert zu haben. Zudem ist die Opposition schwach und in sich gespalten. Doch es ist unsicher, ob sich die AKP die Mehrheit der Sitze im Parlament sichern wird. Sie könnte daher auf die Bildung einer Koalitionsregierung angewiesen sein. Dies dürfte wiederum die politischen Entscheidungsprozesse und die Umsetzung von Strukturreformen erschweren.

Erdogan kann nach den derzeitigen Regeln seiner Partei AKP nicht für eine vierte Amtszeit als Premierminister kandidieren. Folglich bemühte er sich darum, die ausführende Macht vom Amt des Premierministers zum Amt des Präsidenten zu übertragen. Allerdings konnte er aufgrund der fehlenden Zwei-Drittel-Mehrheit der AKP keine entsprechende Verfassungsänderung durchsetzen und muss nun mit den Oppositionsparteien eine Einigung erzielen.

Die Opposition – sie besteht aus der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) und der säkularen Republikanischen Volkspartei (CHP) – hat einer Verfassungsänderung bislang nicht zugestimmt. Zu groß ist die Angst, dass die autoritären Tendenzen von Erdogan weiter zunehmen. Der gescheiterte Versuch einer Verfassungsänderung erklärt Erdogans jüngsten Vorstoß, die Beschränkung der AKP auf drei Amtsperioden aufheben zu wollen. Insgesamt gesehen, ist noch unklar, ob Erdogan eine vierte Kandidatur als Premierminister anstrebt oder ob er sich für die erste direkte Präsidentenwahl im August 2014 aufstellen lässt. Die Entscheidung Erdogans wird von den Folgen der jüngsten Korruptionsskandale und der Entscheidung von Präsident Gül, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, abhängen.

Der andauernde Kurdenkonflikt bleibt weiterhin die größte Bedrohung für die innenpolitische Stabilität des Landes. Mitte 2013 verkündete Abdullah Öcalan, Führer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), einen Waffenstillstand und den Rückzug der Kämpfer aus der Türkei. Der Friedensprozess ist jedoch brüchig, da die Regierung es versäumt hat, den Kurden genügend politische Zugeständnisse im Rahmen des sogenannten „Demokratisierungspakets“ zu machen. Infolgedessen haben die kurdischen Widerstandskämpfer ihren Rückzug gestoppt und könnten nun im Frühjahr 2014 erneut für Unruhen sorgen. Auch der Krieg im Nachbarland Syrien belastet. Eine türkische Militärintervention in Syrien (ohne multilaterale Genehmigung) ist zwar höchst unwahrscheinlich, ein Übergreifen des Konflikts kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Mit einem BIP-Wachstum von 2,2% im Jahr 2012 und 3% im Jahr 2013 hat die Türkei die Weltwirtschafts- und die EuroKrise (trotz enger Handels- und Finanzbeziehungen zur EU) relativ gut überstanden. Hilfreich waren die prozyklische Fiskal- und Geldpolitik. Doch das Wachstum dürfte an Fahrt verlieren. Die politische Unsicherheit sorgt für Kapitalabflüsse. Dies erschwert die Kreditvergabe und die Investitionen im Privatsektor.

Die Türkei hat die niedrigste inländische Sparquote im Vergleich der sogenannten fünf „fragilen“ aufstrebenden Staaten, zu denen neben der Türkei auch Indonesien, Brasilien, Indien und Südafrika zählen. Die niedrige Sparquote hemmt das Wirtschaftswachstum und trägt zu zyklischen Schwankungen bei, da die Türkei für die Finanzierung von Investitionen auf den Zufluss von volatilem und kurzfristigem Kapital aus dem Ausland angewiesen ist.

Trotz der zunehmenden Diversifikation der Exportmärkte (außerhalb der EU) und der bedeutenden Leistungsbilanzerlöse ist das Leistungsbilanzdefizit mit 7% des BIP auch im Vergleich zu denen der fragilen Schwellenländer enorm hoch. Das Leistungsbilanzdefizit dürfte sich 2014 weiter erhöhen, da die inländische Nachfrage durch die akkommodierende Fiskalpolitik unterstützt wird. Wegen der hohen Abhängigkeit von Energieimporten und der niedrigen Sparquote dürfte der Abbau des strukturellen Leistungsbilanzdefizits schwierig sein. Das ist problematisch, weil die ausländischen Direktinvestitionen trotz der günstigen geographischen Lage der Türkei und ihres großen und ständig wachsenden inländischen Markts auf einem niedrigen Niveau verharren. Das Leistungsbilanzdefizit wird somit vor allem durch volatile Portfoliozuflüsse und kurzfristige Schulden finanziert.

Nachdem die US-Notenbank Fed Mitte 2013 ankündigte, ihre Anleihenkäufe zu drosseln, und Werte aufstrebender Märkte im Januar 2014 auf breiter Front abgestoßen wurden, floss viel Kapital aus den Schwellenländern ab. Während die Devisenkurse der genannten fragilen Schwellenländer zwischen Ende April und Ende August 2013 deutlich abwerteten, waren die türkische und die südafrikanische Währung im Januar 2014 besonders betroffen. Dies lässt darauf schließen, dass die ausländischen Investoren zunehmend zwischen den einzelnen Ländern differenzieren. Dabei haben die politischen Vorbehalte gegenüber der Türkei die bereits vorhandenen wirtschaftlichen Vorbehalte verstärkt.

Die Zentralbank konnte den Abwertungsdruck im Januar zunächst nicht stoppen. Folglich zog sie die geldpolitischen Zügel an, indem sie ihren einwöchigen Reposatz von 4,5% auf 10% Ende Januar 2014 anhob. Die Türkische Lira konnte sich daraufhin etwas erholen, doch die Währung bleibt schwach. Während dies positiv für die externe Wettbewerbsfähigkeit des Landes ist, wird der Unternehmenssektor dadurch belastet. In den vergangenen fünf Jahren hat die Finanzierung des Unternehmenssektors über Fremdwährungskredite insbesondere in den Sektoren Energie, Bau- und Immobilienwirtschaft rapide zugenommen. Doch sollte dieses Risiko nicht überbewertet werden, da die meisten Empfänger von Fremdwährungskrediten diese weitgehend vor Wechselkursschwankungen abgesichert haben bzw. ausreichend Devisen über ihr Exportgeschäft erwirtschaften.

Die Fiskalpolitik bleibt akkommodierend und unterstützt die inländische Nachfrage – gleichzeitig werden die Inflation angeheizt und das Leistungsbilanzdefizit weiter aufgebläht. Nichtsdestotrotz können die öffentlichen Finanzen insgesamt als stabil eingestuft werden. Die Staatsverschuldung ist seit 2009 (46% des BIP) rückläufig. Unter der Aufsicht des Internationalen Währungsfonds hat die Türkei ihre öffentliche Finanzverwaltung verbessert. Der Staat refinanziert sich fast ausschließlich im Inland.

Die Auslandsverschuldung ist in Höhe von 50% des BIP (2013) moderat, wenn sie auch in den kommenden Jahren leicht ansteigen dürfte. Das Risiko wird jedoch voraussichtlich überschaubar bleiben. Ein Großteil der Auslandsschulden entfällt auf den Privatsektor und hat lange Laufzeiten – auch wenn der Anteil von kurzfristigen Schulden an den gesamten Auslandsschulden zugenommen hat. Grund dafür ist, dass sich die inländischen Banken mit steigender Tendenz im Ausland refinanzieren. Trotz der zunehmenden Abhängigkeit der Banken von ausländischem Kapital dürfte der Bankensektor aufgrund der guten Regulierung und ausreichenden Kapitalausstattung stabil bleiben. Der deutliche Anstieg der kurzfristigen Schulden in den vergangenen fünf Jahren hat das kurzfristige politische Risiko erhöht. Nichtsdestotrotz bleibt es moderat, weil die Türkei über ein ausreichendes Devisenpolster verfügt. Die Währungsreserven deckten im vergangenen Jahr mehr als 4,5 Monatsimporte ab.

Die ausführliche Länderstudie Türkei steht unter www.credendogroup.com zum kostenlosen Download bereit.

Kontakt: c.witte[at]credendogroup.com

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