Mehr als 200 Teilnehmende und ein tolles Stadion bildeten die Kulisse für den diesjährigen „Tag der Exportweltmeister“. Dabei nahmen die vielen Export-Enthusiasten alternative Märkte zu Russland, aber auch zu China ins Visier. Nach dem Abschluss-Panel gab’s noch ein Torwandschießen mit Fußball-Tausendsassa Klaus Schlappner.

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Die USA sind nach wie vor das wichtigste Exportland Deutschlands und der Europäischen Union. Beim diesjährigen „Tag der Exportweltmeister“ in Frankfurt am Main standen Ende Oktober allerdings andere Regionen und Staaten im Fokus – und zwar solche, die zuletzt entweder rapide an Bedeutung zugelegt oder auch verloren haben. Die Welt erlebt eine Zeitenwende und damit auch die Außenwirtschaft. Ukraine-Krieg, Inflation, geopolitische Verwerfungen: Akteure in der Exportwirtschaft haben derzeit mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen. Wie die hiesigen Unternehmsvertreter die aktuell schwere Zeit möglichst unbeschadet überstehen und sogar weiterhin Exporterfolge verzeichnen können, erfuhren sie im Deutsche Bank Park, der Heimstätte der Frankfurter Eintracht.

Den Auftakt machten Andreas Jahn, Mitglied der Bundesgeschäftsleitung des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft (BVMW), sowie Hauke Burkhardt, Head of Trade Finance & Lending DACH and Global Head of Lending von der Deutschen Bank, mit ihren Keynotes. Burkhardt meinte, dass Europa zum Glück sehr krisenerprobt und bisher immer verhältnismäßig gut aus den Krisen herausgekommen sei. „Doch diese Krise ist anders als andere.“ Denn viele Themen kämen hier zusammen, so Burkhardt: etwa die hohe Inflation, gestörte Lieferketten und auch noch Corona.

Kein Export ohne Import

Laut Burkhardt benötige es eine fundamentale Transformation der Geschäftsmodelle. Die drei großen Themen dabei seien Nachhaltigkeit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem der Punkt Resilienz habe einen deutlichen Bedeutungszuwachs erfahren. „Die größte Herausforderung dabei ist, dass China die Mehrheit der Bearbeitungskapazitäten von Rohstoffen besitzt“, so der Experte und nannte bspw. den Bereich der Seltenen Erden. Auch Länder wie Indonesien, ebenfalls ein wichtiger Rohstofflieferant, würden zunehmend selbstbewusster und sich weniger abhängig von Europa machen. Vor dem Hintergrund der Forderungen nach mehr Selbstständigkeit und weniger Abhängigkeiten von Lieferketten in Europa vertrat Burkhardt die Meinung, dass es naiv sei, zu denken, dass wir in Europa alles selbst machen sollten. „Denn dem Export muss immer auch ein Import gegenüberstehen.“

Gäste des Tags der Exportweltmeister vor der großen Bühne

Nachhaltigkeit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit: Themen wie diese bestimmten den diesjährigen TDEX.

Im Anschluss ging es weiter mit einem Panel zur Frage, wie man unternehmerische Gestaltungskraft nutzen kann, um die derzeit schwierige Lage möglichst unbeschadet zu überstehen. DIHK-Außenwirtschaftschef Dr. Volker Treier machte sogleich deutlich, was er sich von der Politik erhofft: „In allererster Linie muss jetzt erst einmal das Problem der hohen Energiepreise gelöst werden.“ Gerade auch für die exportorientierte deutsche Industrie sei dies ein essenzielles Problem. Daneben wünschte sich Treier auch, das Erschließen neuer Absatzmärkte zu vereinfachen. Dies sei allerdings nur schwer möglich, weil zu viele Steine hinsichtlich der Handelsabkommen in den Weg gelegt würden. Auch beim Thema Fachkräfte sehe er dringenden Handlungsbedarf von politischer Seite.

Thomas Brommer, Sales Director des schwäbischen Ventilatorenspezialisten Ziehl-Abegg, belasten derzeit v.a. die Beschaffungsketten: „Die Lieferzeiten für benötigte Materialien haben sich erheblich verlängert.“ Sein Unternehmen habe zudem zwangsläufig die Preise für die Kunden erhöhen müssen. Ein großes Problem hinsichtlich der Lieferengpässe sieht Brommer bei der Umstellung der Autoindustrie auf Elektrofahrzeuge: „Der große Bedarf etwa an Halbleitern in der E-Auto-Industrie schafft Probleme für die restliche Industrie.“ Denn der Hunger der Elektromobilität nach diversen Materialien und Rohstoffen würde dafür sorgen, dass andere Industriebereiche leer ausgehen würden.

Den Mangel an Halbleitern und anderen Vorprodukten sah Angela Mans, Leiterin des Bereichs Außenwirtschaft, Handel & Zölle beim Verband der Automobilindustrie (VDA), ebenfalls kritisch. Sie nahm aber das Nearshoring, also die Rückverlagerung der Produktion ins nahe gelegene Ausland, ins Visier. „Das Nearshoring lässt sich häufig nicht so umsetzen, wie von der Politik gewünscht. Denn man produziert zunehmend dort, wo auch die Nachfrage anfällt. Vor allem Handelshemmnisse zwingen etwa die Autoindustrie, vor Ort zu gehen“, sagte Mans.

Mehr Rohstoffe aus Afrika?

Mit Afrika habe der VDA eine Verbändepartnerschaft, um die Automobilindustrie auf beiden Seiten zu fördern. Man setze auch große Hoffnungen auf den zukünftigen Rohstoffbezug von dort. „Doch wir brauchen noch mehr mutige Investoren und auch die nötigen politischen Rahmenbedingungen“, so die VDA-Vertreterin. Auch DIHK-Außenwirtschaftschef Treier mahnte an, dass man dringend stärkere Beziehungen zu den Rohstoffländern eingehen müsse, allen voran in Afrika. Als zukünftigen Alternativmarkt zu China nannten die Teilnehmenden v.a. Indien. Alle in der Runde waren sich einig, dass der Subkontinent der große Zukunftsmarkt sei und enormes Potenzial biete. Er sei allerdings auch ein sehr schwieriger Markt. Umso wichtiger wäre nach Ansicht der Experten ein Handelsabkommen der Europäischen Union mit Indien.

Auch auf dem diesjährigen „Tag der Exportweltmeister“ durfte ein Vortrag von Georg Pietsch nicht fehlen. Der Abteilungsleiter beim im nahen Eschborn angesiedelten Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) gab den Zuhörern einen Überblick über die aktuellen Hürden in der Exportkontrolle. Die größte Herausforderung für das BAFA sei derzeit der Ukraine-Krieg. Die bisherigen Sanktionspakete gegen Russland seien auf jeden Fall wirkungsvoll, die dortige Wirtschaft sei stark eingebrochen.

Blick auf die Tribünen des Deutsche Bank Park

Blick auf die Tribünen des Deutsche Bank Park.

Die Zukunft im Verhältnis Deutschlands zu Russland werde vermutlich zwischen Konfrontation und Kooperation schwanken. Dabei sei zu bedenken, dass Russland nicht komplett isoliert werden könne. Allein wegen seiner Größe und seiner geopolitischen Bedeutung sei es nicht vergleichbar etwa mit dem Iran oder Nordkorea. „Vor allem ist es wichtig, dass Russland nicht näher an China heranrückt“, so Pietsch, der in seinem Vortrag auch ankündigte, dass es einige Änderungen in der Exportkontrolle geben werde. So würden etwa Menschenrechte und das Thema Korruption künftig eine größere Rolle spielen. Auch sollen im Laufe des nächsten Jahres Gebühren für BAFA-Leistungen erhoben werden.

Mehr als eine klassische Spedition

Mit Aus- und Einfuhren kennen sich auch Frank Lange und Ediz Yolcu vom Logistikspezialisten Forto bestens aus. Man sei mit dem Import groß geworden. „Mittlerweile beträgt das Verhältnis zum Export ungefähr 65 zu 35“, sagte Lange, Director Export Europe bei Forto, mit Blick auf die Tribünen des Deutsche Bank Parks im ersten Themenforum. „Wir sind nichts anderes als eine klassische Spedition, die ein Rundum-Paket anbietet. Das Besondere ist, dass wir unsere Transporte komplett digital abbilden können.“ Gleichzeitig habe man die Auffassung, dass Menschen an vielen Stellen nicht durch Maschinen ersetzt werden könnten. Auch die Nachhaltigkeit sei Forto sehr wichtig, bei den verursachten Emissionen, aber auch unternehmensintern. „Unsere Stärken liegen in Fernost und Lateinamerika“, ergänzte Yolcu, seines Zeichens Head of Export Sales bei Forto. „Wir nehmen aber ständig auch neue Branchen und Länder hinzu.“

Uwe Erbs von der Santander Consumer Bank

Uwe Erbs von der Santander Consumer Bank.

Die Staaten Lateinamerikas nahm Uwe Erbs von der Santander Consumer Bank ins Visier. „Dort winken wegen ungesättigter Märkte hohe Margen.“ Es seien allerdings Geduld und eine gute Vorarbeit gefragt, so Erbs. Ohne Beratung durch Experten geht es nach seiner Ansicht nicht. „Mexiko ist das einzige lateinamerikanische Land mit einer frei konvertierbaren Währung.“ Für jede Geldtransaktion und jeden Devisentausch zahle man Steuern und teils hohe Gebühren. Dafür winken in Brasilien, aber auch in Chile oder Peru exzellente Geschäftschancen. Gleiches gelte grundsätzlich auch für Argentinien, allen voran im Bereich der erneuerbaren Energien, wenn da nicht der hochverschuldete Staat und die extremen Liquiditätsengpässe wären. „Der Leitzins liegt bei 75%. Es gibt keinerlei argentinische Staatsbonds mehr. Der Kreditmarkt ist komplett zusammengebrochen. Daher investiert derzeit so gut wie niemand mehr freiwillig in Argentinien,“ berichtete Erbs.

Neue Märkte in Zentralasien

Später waren Ulf Schneider und Dr. Thomas Mundry von der Schneider Group live aus Moskau zugeschaltet. Sie gingen auf das Thema Umstrukturierung des Russland-Geschäfts und neue Märkte in Zentralasien ein. „Nicht alle deutschen Firmen in Russland denken an den Ausstieg“, meinte Mundry, Partner der Schneider Group. „Es kommt auch darauf an, wie sehr man im Licht der Öffentlichkeit steht.“ Optionen für einen Ausstieg seien dabei u.a. eine Liquidation, die nur etwa ein Drittel der Unternehmen in Anspruch nehmen würde. Weitaus attraktiver sei ein Management-Buy-out, also der Kauf eines Unternehmens durch dessen Management. Schneider, Präsident und Gründer der gleichnamigen Gruppe, sprach über die attraktiven Geschäftsmöglichkeiten in Zentralasien als Alternative zu Russland. „Für Exporteure besonders interessant sind dabei Kasachstan und Usbekistan.“ Zusammen besäßen beide Länder insgesamt etwa 50 Millionen Einwohner und damit eine gewisse Kaufkraft.

In Kasachstan würden zolltechnische Formalitäten noch ein wenig Schwierigkeiten bereiten, doch insgesamt seien Exporte in das Land relativ leicht möglich. Dort bestehe noch großer Nachholbedarf beim Aufbau der Pharmaindustrie und der Transportsektor habe sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Usbekistan sei besonders interessant für die Rückverlagerung Richtung Europa aus China. Großes Potenzial bestehe in der Textilproduktion und auch die Autoindustrie sei traditionell sehr stark. Für Schneider ist Usbekistan ein ideales Land zum Produktionsaufbau. Besonders hob er das Arbeitsethos der Menschen hervor, das Ähnlichkeit mit dem deutschen aufweise.

Das Schlusspanel (v.l.): In Sook Yoo, Klaus Schlappner, Anne-Catherine Beck, Manuel Kallweit und Martin Brückner.

Das Schlusspanel (v.l.): In Sook Yoo, Klaus Schlappner, Anne-Catherine Beck, Dr. Manuel Kallweit und Martin Brückner.

„Die Länder Zentralasiens könnten die neuen Tigerstaaten werden“, bekräftigte Schneider und spielte damit auf die aufstrebenden Staaten in Fernost an, die regelmäßig durch hohe Wachstumsraten hervorstechen. Dennoch müsse die Region laut Schneider noch mehr wagen und v.a. den Abbau der Bürokratie in Angriff nehmen. Schneider und Mundry warnten eingehend davor, die Länder Zentralasiens zur Umgehung der Russland-Sanktionen zu nutzen, damit sei man definitiv „auf einem Holzweg“.

China als Innovationstreiber

Den Abschluss bildete ein Panel zum bewusst etwas provokant formulierten Thema: „Abkehr vom Exportmarkt China – ein Wunschtraum“. Während Fußball-Tausendsassa Klaus Schlappner, der jahrelang in der Volksrepublik als Trainer tätig war und u.a. die chinesische Nationalmannschaft gecoacht hat, sich unmissverständlich pro China positionierte, wogen die anderen Teilnehmer stärker ab. „China ist nicht nur Lieferant von Rohstoffen und Vorprodukten, sondern auch Innovationstreiber“, sagte bspw. VDA-Volkswirt Dr. Manuel Kallweit. Am Ende bemerkte Moderator Martin Brückner vom Mitveranstalter MWM Medien: „Wir haben heute viel über Konfrontation und Kooperation gesprochen. Wenn eine Seite deutlich stärker wird als die andere, ist es meistens schwierig. Aber es gibt mit Sicherheit eine große freundliche Macht, und die heißt Europa.“

Schlussendlich gab es noch ein Stück Sponsorentorte und ein Torwandschießen direkt auf der Stadion-Haupttribüne. Dabei stand Schlappner mit Rat und Tat zur Seite – und vermutlich hätte auch er im Leben nicht gedacht, dass ausgerechnet die Schützinnen mit den höchsten Stöckelschuhen am besten abschnitten.

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