Mitte 2017 verhängte Saudi-Arabien zusammen mit einigen anderen Mitgliedsländern des Gulf Cooperation Council (GCC) eine Blockade gegen Qatar. Grund dafür waren Vorwürfe, Qatar habe Extremisten und Terrororganisationen unterstützt. Qatar wies diese Anschuldigungen immer wieder zurück. Kürzlich kam nun Bewegung in den festgefahrenen Prozess.

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Zur Aufhebung der Blockade könnte die Doppelkrise, ausgelöst durch den Absturz des Ölpreises im März 2020 und die Corona-Pandemie, ihren Teil beigetragen haben. Hierdurch sind die GCC-Länder gezwungen, sich auf die Förderung der eigenen Volkswirtschaften zu konzentrieren. Ein weiterer wichtiger Treiber könnte zusätzlich das Interesse Saudi-Arabiens gewesen sein, eine engere außenpolitische Zusammenarbeit innerhalb des GCC zu stärken, um der aus seiner Sicht eigentlichen Bedrohung in der Region, dem Iran, gemeinsam die Stirn zu bieten.

Unter der Krise litt auch die Zusammenarbeit innerhalb des GCC, in dem sowohl Qatar als auch Saudi-Arabien und seine Verbündeten Mitglieder sind. Die Organisation, welche die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen der Länder untereinander und die Zusammenarbeit in außen- und sicherheitspolitischen Fragen stärken soll, könnte nun mit der Aufhebung der Blockade wieder an Bedeutung zurückgewinnen. Während des 41. GCC-Treffens wurde das Abkommen unterzeichnet, das die Blockade offiziell aufhebt. Doch die jüngsten Entwicklungen bieten nicht nur für die Golfländer einen positiven Ausblick. Auch deutsche Exporteure profitieren durch das Ende der Qatar-Blockade. Es lohnt sich daher, einen genaueren Blick auf die beiden Länder zu werfen.

Das kleine gasreiche Qatar am Persischen Golf zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Doch im Frühjahr 2020 musste Qatar, neben der Blockade, auch noch die Doppelkrise durch den Öl- und Gaspreisverfall sowie die Pandemie verkraften. Nachdem Ende Februar die ersten Covid-19-Fälle auftraten und die Zahl der Neuinfektionen im Frühsommer ihren Höhepunkt erreichte, erwirkte das Land durch harte Maßnahmen eine Reduzierung der Fälle und konnte so eine zweite Welle bisher verhindern.

Qatar: Anpassungsfähigkeit während des Embargos

Durch die Corona-Krise sowie die gesunkenen Öl- und Gaspreise ging die Wirtschaftsleistung 2020 deutlich zurück und die reale Veränderungsrate erreichte ein Tief von –4,5%. Für 2021 wird ein steileres positives Wachstum erwartet, begünstigt durch die Aufhebung der Blockade und die Aussicht auf ein Ende der Pandemie. Damit eröffnen sich auch wieder neue Chancen für die wichtige Luftfahrtindustrie Qatars. Nach Aufhebung der Blockade können Flüge von Qatar Airways nun wieder den Luftraum der anderen GCC-Mitgliedsländer nutzen. Hierdurch wird die Airline auf vielen Routen nun wieder attraktiver.

Qatars Importe fielen, nach einem Allzeithoch im Jahr 2016 von knapp 42% des BIPs, auf 36% des BIP im Jahr 2018. Die Auswirkungen der Blockade trafen die Importe des Landes jedoch insgesamt deutlich geringer als die Finanzkrise 2008. Damals gingen die Importe um über 10% auf 23% des BIP zurück. Die Hauptimporte aus Deutschland waren 2018 zuletzt Maschinen und technische Geräte mit knapp 40%. Weitere 15% entfielen auf Fahrzeuge und ebenso viel auf Medikamente, pharmazeutische oder chemische Produkte.

Agrar- und Lebensmitteltechnik gefragt

Insgesamt ist Qatar durch die Blockade deutlich autarker geworden und geht in einigen Bereichen gestärkt aus ihr hervor. Dies zeigt sich insbesondere im Ausbau der Selbstversorgung. Qatar ist das Land in der Region mit dem höchsten Selbstversorgungsgrad im Nahrungsmittelbereich. Durch das Embargo weitete das Land den lokalen Anbau von Gemüse von 24% im Jahr 2019 auf bis zu 70% des Gesamtbedarfs im Folgejahr 2020 aus.

Für Geflügel und Milch konnte seit 2019 die Selbstversorgung gewährleistet werden. Hierdurch ergeben sich neue Möglichkeiten, diesen Wandel zu begleiten, insbesondere für europäische und deutsche Exporteure aus dem Bereich Agrar- und Lebensmitteltechnik. Durch die Aufhebung des Embargos sind auch in weiteren Sektoren positive Entwicklungen zu erwarten. Insbesondere der Lebensmittel-, der Bau- und der Dienstleistungssektor dürften von der Grenzöffnung profitieren.

Saudi-Arabien: Diversifizierung durch Corona ausgebremst

Die größte Volkswirtschaft im arabischen Raum verzeichnete im Jahr 2017 seit sieben Jahren erstmals seit längerem wieder einen Rückgang des realen BIP, und zwar um 0,7%. Während der Blockade stieg das Wachstum 2018 kurzzeitig auf 2,5%, fiel jedoch aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise und des massiven Ölpreisverfalls 2020 erneut. Die Pandemie trifft das bevölkerungsreichste Land auf der arabischen Halbinsel auf seinem Weg, weniger abhängig vom Erdöl zu werden. Im März 2020 beschloss das Königreich schnelle und drastische Maßnahmen, um die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen. Einer der strengsten Lockdowns der Welt führte letztendlich zu einer nachhaltigen Reduzierung der Neuinfektionen. Zuletzt stiegen die Zahlen jedoch wieder leicht an.

Von der Corona-Krise ist vor allem der private Wirtschaftssektor betroffen. Insbesondere der internationale Reiseverkehr und die Tourismusbranche sind in Qatar und Saudi-Arabien weiterhin geschwächt. In Saudi-Arabien trifft die Krise vor allem den Pilgertourismus. Erst 2022 wird infolge steigender Ölpreise wieder ein nachhaltigeres BIP-Wachstum erwartet.

Die Diversifizierungsbestrebungen Saudi-Arabiens wurden daher ein wenig ausgebremst, um die zunächst dringlicheren wirtschaftlichen Folgen der Doppelkrise abzufedern. Derzeit ist die Wirtschaft Saudi-Arabiens noch stark von der Öl- und Petrochemie-Branche abhängig. 2018 machten mineralische Brennstoffe insgesamt 75% der Exporte Saudi-Arabiens aus (davon 70% Erdöl). Die Herstellung von Plastik machte im selben Jahr mit 10% den zweitgrößten Anteil der Exporte aus. Nach dem Ende der Doppelkrise ist daher mittelfristig wieder mit einer Fortführung der wirtschaftlichen Diversifizierung zu rechnen.

Chancen im Infrastrukturausbau

Einige Projekte der VISION 2030, der Diversifizierungsstrategie des saudischen Kronprinzen, wurden aufgrund von Sparmaßnahmen durch die Corona-Krise aufgeschoben. Trotzdem werden besonders wichtige Infrastruktur-, Wasser- und Transportprojekte weiterhin vorangetrieben. In diesen Bereichen sind lukrative Geschäfte für europäische und deutsche Exporteure zu erwarten. Auch die geplante Energiewende hin zu einer Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen und der Ausbau der Wasserstoffproduktion eröffnen ein enormes Potenzial. Bestärkt durch Versorgungsunsicherheiten während der Pandemie legt Saudi-Arabien, ähnlich wie das Nachbarland Qatar, nun vermehrt den Fokus auf die Erhöhung der Selbstversorgung. Derzeit bezieht das Land 70%–80% seiner Lebensmittel aus Einfuhren. Das will die Regierung Saudi-Arabiens ändern und investiert daher im Bereich der Agrarwirtschaft in landwirtschaftliche Unternehmen. Hierdurch ergeben sich sehr gute Aussichten für Exporteure von Agrartechnik. Außerdem profitieren insbesondere die Sektoren Pharmazeutika und Verteidigung von der Corona-Krise in Saudi-Arabien.

Resümee

Insgesamt kommt das Ende der Blockade gegen Qatar zu einem günstigen Zeitpunkt. Zum einen wird hierdurch die Erholung der GCC-Volkswirtschaften von den Folgen der Pandemie und des Öl- und Gaspreisverfalls erleichtert, zum anderen eröffnen sich neue Wachstumspotenziale im Nahen Osten. Expandierenden europäischen und deutschen Exporteuren bietet sich die Möglichkeit, weitere Märkte zu erschließen und ihre Geschäftstätigkeiten in der Region auszubauen. Dank unserer etablierten Geschäftsbeziehungen und Kontakte in der Region ermöglicht ODDO BHF Exporteuren einen reibungslosen Ablauf von Geschäften. Gern stehen wir Ihnen mit unserer Expertise bei Geschäftsabwicklungen im Nahen Osten zur Seite.

florian.schifferdecker@oddo-bhf.com

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