Brasilien war von der Ausbreitung des Coronavirus stark betroffen. Doch das Wirtschaftsleben wurde nicht so stark eingeschränkt wie in anderen Ländern. Über die aktuelle Lage im Land sprachen wir mit Philipp Klose-Morero von Rödl & Partner.

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Herr Klose-Morero, wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in Brasilien?

Trotz der weltweiten Herausforderungen und der teilweise schlechten Mediendarstellungen hält sich Brasilien besser als erwartet und was bspw. die brasilianische Wirtschaftstätigkeit anbelangt, so nehmen Investitionen zu und die positiven Erwartungen der Unternehmer steigen entsprechend. So zeigen auch die jüngsten Indikatoren eine positivere Entwicklung als erwartet, insbesondere im Dienstleistungssektor, der bis Ende 2021 gute Aussichten bietet. Kürzlich wurde das BIP-Wachstum auf 5,3% korrigiert. Die Inflationserwartungen für die Jahre 2021, 2022 und 2023 liegen laut der brasilianischen Zentralbank bei 5,0%, 3,6% bzw. 3,25%. Trotz der Wiederbelebung der Wirtschaftstätigkeit ist das Land – wie viele Märkte weltweit – immer noch von den Corona-Folgen, Wechselkurseffekten und von einer ansteigenden Inflation betroffen.

Der Weg zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum führt auch über die Fortsetzung der Steuerform, Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung, Privatisierungen sowie über marktwirtschaftliche Reformen. Die Reformagenda scheint trotz „Politik-Zirkus“ weiterzugehen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist z.B. das kürzlich verabschiedete Gesetz zur Erleichterung von Gesellschaftsgründungen und zum Schutz von Minderheitsgesellschaftern (Gesetz Nr. 14.195 vom 26. August 2021), mit dem Bürokratie abgebaut werden soll.

Im Zuge der Covid-19-Pandemie sind die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) deutlich zurückgegangen. Wie kurzfristig können sie wieder Vorkrisenniveau erreichen? Und wie schätzen Sie die langfristigen Perspektiven für FDI ein?

Ausländische Investitionen in Brasilien gingen im Jahr 2020 weniger stark zurück als erwartet und erholten sich bereits in den ersten Monaten 2021. Auch wenn Brasilien derzeit mit Negativschlagzeilen besetzt ist, ist und bleibt das Land ein attraktiver Markt und einiger der wichtigsten FDI-Hosts weltweit, in dem interessante Wachstumsmöglichkeiten – insbesondere für langfristige und fortgeschrittene Investoren – gegeben sind. Antizyklische und langfristig orientierte Investoren auch aus der DACH-Region nutzen den „Währungsdiscount“, um systematisch attraktive Assets in Brasilien einzukaufen.

Nach jetzigem Stand ist zu erwarten, dass die Zahl der ausländischen Direktinvestitionen bereits im kommenden Jahr wieder ansteigt und 2023 das gleiche oder ein höheres Niveau als vor der Krise erreicht wird.

In welchen Branchen sehen Sie für deutsche Unternehmen das größte Potenzial?

Deutschland ist ein wichtiger Wirtschaftspartner Brasiliens und der wichtigste Handelspartner in Europa. Die deutschen Investitionssektoren sind breit gefächert und umfassen insbesondere die Branchen Automobil, Technologie, erneuerbare Energien, Infrastruktur, Pharma und Chemie. Derzeit sind in Brasilien rund 1.600 deutsche Unternehmen aktiv und die AHK São Paulo schätzt, dass diese rund 10% der industriellen Wertschöpfung erwirtschaften.

Die nordöstliche Region zeichnet sich durch ihr Potenzial im Energiesektor aus, insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien, vor allem Wind- und Solarenergie, und im Technologiesektor. Als großes Land besitzt Brasilien auch eine Menge natürlicher Ressourcen und Raum, um seine „grüne Politik“ zu verbessern. Auch nach Einschätzung der EU hat Brasilien ein großes Potenzial, das nächste Zentrum des Marktes für erneuerbare Energien zu sein.

Im Südosten und Süden Brasiliens sind vor allem Industrieunternehmen angesiedelt. Die Metropolregion São Paulo hat sich dabei als größter „deutscher Industrie-standort“ außerhalb Deutschlands etabliert, wo rund 1.000 deutsche Unternehmen mehr als 250.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. Der Bestand an deutschen Investitionen im Land beläuft sich auf etwa 25 Mrd EUR, und es wird geschätzt, dass der Investitionszyklus von 2017 bis 2022 6,5 Mrd EUR übersteigen wird.

Exporte aus Brasilien sind zu Zeiten eines schwachen Real weiter sehr attraktiv und viele Unternehmen nutzen diese Chance.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich deutsche Firmen in Brasilien besonders konfrontiert?

Die hohen Währungsschwankungen stellen weiter eine große Herausforderung für Unternehmer dar. Insbesondere Importgesellschaften können das Währungsrisiko nur schwerlich an brasilianische Kunden weitergeben und erwirtschaften somit Währungsverluste. Eine realistische Preiskalkulation der Produkte unter Berücksichtigung aller Steuern und Währungsschwankungen ist jedoch ein wichtiges Erfolgskriterium.

Auch die Finanzierung brasilianischer Tochtergesellschaften in der Vergangenheit mit Darlehen oder anderen Mitteln in ausländischer Währung bedeutete hohe Währungsverluste. Um die brasilianischen Tochtergesellschaften für die Zukunft wieder „fit“ zu machen, sollten sich die Muttergesellschaften überlegen, ob ein „debt cleaning“ angegangen werden sollte.

Bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr tritt voraussichtlich Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva gegen Amtsinhaber Jair Bolsonaro an. Welche Rolle spielt der Wahlausgang für die angestoßene unternehmerfreundliche Reformagenda?

Eine Fortsetzung der politischen Polarisierung zwischen dem derzeitigen Präsidenten Jair Bolsonaro (rechtes Lager) und Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (linkes Lager), der bei den nächsten Wahlen im kommenden Jahr wieder antreten darf, ist sicher nicht im Interesse der Investoren.

Für die Anleger wird es in diesem Streit nur darum gehen, wer die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen, d.h. strukturelle Steuerreform, umfassenden Bürokratieabbau, nachhaltige Haushaltskonsolidierung sowie investorenfreundliche Investitionsbedingungen, am besten meistern wird. Hierzu ist jedoch insbesondere auch eine breite nationale Koalition notwendig, welche die gegenwärtige gesellschaftliche Spaltung von rechts und links überwindet und das Land eint.

Wagen wir noch einen Blick in die Glaskugel: Wie wird sich aus Ihrer Sicht die wirtschaftliche Lage des Landes künftig entwickeln? Welchen Beitrag könnte ein EU-Mercosur-Handelsabkommen leisten?

Sofern die Folgen der weltweiten Krise überwunden werden können, wird es viel „Aufholbedarf“ geben. Der wirtschaftliche Wiederaufschwung wird als langsam, aber beständig erwartet.

Das EU-Mercosur-Handelsabkommen ist von immens großer Bedeutung für Brasilien. Wie bereits erwähnt, gehören Deutschland und Europa zu den wichtigsten Handelspartnern. Nur die Genehmigung des Abkommens hat bereits eine enorme Nachfrage geweckt. Auch wenn die Ratifizierung durch die Länder schwierig werden wird, wäre das Abkommen am Ende eine Art „Durchbruch“ für Brasilien.

Vielen Dank, Herr Klose-Morero!

philipp.klose-morero@roedl.com

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