Die ASEAN-Staaten verzeichneten im August 2021 die höchsten Infektionszahlen der gesamten Pandemie. In Relation zur Bevölkerungszahl war Malaysia am stärksten betroffen, gefolgt von Thailand und den Philippinen. Vietnam lag nur knapp dahinter – mit steigender Tendenz.                                          

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Bis ins Frühjahr 2021 galt Vietnam als Vorbild im Kampf gegen Corona. Mit vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen und einem – trotz Corona-bedingter Einschränkungen – stabilen Wirtschaftswachstum von 2,9% im Jahr 2020 wurde der Umgang des Landes mit der Pandemie international gelobt. Seit Ausbruch der Pandemie im Januar 2020 zählte Vietnam bis ins Frühjahr 2021 weniger als 3.000 Erkrankte und 35 Tote in Verbindung mit Covid-19.

Die exportorientierte Industrie hat sich im Jahr 2020 vergleichsweise gut behauptet. Trotz Unterbrechungen der Lieferketten zu Beginn der Pandemie stabilisierte sich die Produktion in der Textilindustrie, einem wichtigen Standbein der vietnamesischen Wirtschaft, im Laufe des Jahres. Ebenso konnte sich die Produktion der Elektronikunternehmen trotz zwischenzeitlicher Probleme bei Zulieferungen weitestgehend normalisieren. Vietnam war damit eines der wenigen Länder mit positivem Wirtschaftswachstum im Pandemiejahr 2020.

Verhaltene Zuversicht Anfang 2021

Anfang des Jahres 2021 schien die Krise überwunden, das Wachstum der Wirtschaft im ersten Quartal 2021 zog noch einmal deutlich an und belief sich auf 4,5%. Die Ausfuhren von Januar bis April 2021 konnten um 30% gesteigert werden, die Weltbank hielt ein reales Wachstum des BIP im Jahr 2021 von 6,7% für möglich. Zwar leidet der Dienstleistungssektor (vor allem der Tourismus) nach wie vor, doch die exportorientierte Industrie schien die pandemiebedingten Hürden aus dem Jahr 2020 hinter sich gelassen zu haben und blickte zuversichtlich ins neue Jahr. Geplante höhere staatliche Investitionen und die Aussicht auf eine anziehende Konsumbereitschaft der vietnamesischen Bevölkerung ließen die Wachstumsaussichten steigen.

Mit dem Auftauchen der Delta-Variante des Coronavirus im April 2021 hat sich die Lage zusehends verändert. Seit Juli dieses Jahres ist die Situation insbesondere in Ho-Chi-Minh-Stadt sehr schwierig geworden.

Vierte Corona-Welle in Vietnam

Ende April kam es in Hanoi und zwei nördlichen Provinzen (Bac Giang und Bac Ninh) zu vereinzelten Ausbrüchen von Corona, die der Delta-Variante zugeschrieben wurden. Durch die hier ausgerufenen Eindämmungsmaßnahmen waren auch die Standorte internationaler Elektronikkonzerne betroffen.

Seit Anfang Juli 2021 befinden sich Ho-Chi-Minh-Stadt und die umliegenden Distrikte in einem strikten Lockdown, der Ende August nochmals verschärft wurde. Hintergrund sind stark steigende Infektionszahlen, die per 26. August 2021 bei 11.569 neuen Fällen pro Tag lagen, davon allein in Ho-Chi-Minh-Stadt 3.934 und in der angrenzenden Provinz Binh Duong 4.868. Es herrschen strenge Ausgangsbeschränkungen, selbst der Lebensmitteleinkauf ist nicht gestattet. Die Versorgung der Bevölkerung mit Essen und anderen Gütern des täglichen Bedarfs wird vom Militär sichergestellt. Die Armee überwacht die Ausgangsbeschränkungen, es wurden flächendeckende Straßensperren und Kontrollpunkte errichtet. Fabriken in den betroffenen Gebieten dürfen nur weiterarbeiten, wenn sie ihre Arbeiter auf dem Fabrikgelände beherbergen (es gilt die sogenannte 3-in-1-Regel: Arbeiten, Essen, Schlafen im Betrieb). Unternehmen, die diese Pandemieauflagen nicht erfüllen können, müssen ihre Tätigkeit vorübergehend unterbrechen. So sind laut Auskunft der Vietnam Textile and Apparel Association rund 30% der textilverarbeitenden Betriebe derzeit geschlossen.

Banken und andere Unternehmen haben für ihre Mitarbeiter ebenfalls die 3-in-1-Regel umgesetzt. So werden Gruppen von Angestellten gebildet, die für zwei bis drei Tage oder bis zu einer Woche im Betrieb untergebracht und versorgt werden. Die Mitarbeiter müssen für diesen Zeitraum Kleidung und Pflegeprodukte mitbringen und in kleineren Zelten übernachten. Ärztliches Personal in den Kliniken ist teilweise seit zwei Monaten ohne Unterbrechung am Arbeitsplatz. Um die Krankenhäuser zu entlasten, werden mobile Versorgungsteams zu (leicht) Erkrankten nach Hause geschickt.

Auch der Warenverkehr ist gerade im Süden des Landes betroffen, Gütertransporte zwischen den Provinzen werden durch Kontrollpunkte und wechselnde Pandemie-Vorgaben für Fahrer und Ladung erschwert. Der Hafen Cat Lai von Ho-Chi-Minh-Stadt hinkt aufgrund Corona-bedingter Personalknappheit bei der Güterabfertigung hinterher, sodass es zu Liefer- und Versorgungsverzögerungen kommt.

Impfkampagne startet langsam, nimmt aber Fahrt auf

Nachdem die Pandemie im vergangenen Jahr so gut kontrolliert werden konnte, hat die Regierung in Hanoi den Start der Impfkampagne zu zögerlich begonnen. Mitverantwortlich hierfür war der fehlende Druck aufgrund der ursprünglich niedrigen Inzidenzzahlen und der Umbesetzungen von politischen Posten nach dem Parteikongress Anfang 2021 und der Nationalversammlung im Mai 2021. Das Thema Impfungen stand dort nicht vorne auf der Agenda, sodass die Impfkampagne erst sehr spät im Juli 2021 richtig ins Rollen kam, als die Delta-Variante sich bereits stark ausbreitete.

Per Ende August 2021 waren in Vietnam 12% der Bevölkerung einmal geimpft. Die Impfdosen stammen zu einem großen Teil aus dem COVAX-Programm (Covid-19 Vaccines Global Access) sowie aus internationalen Spenden. So haben die USA im August nochmal 1 Million Impfdosen von Pfizer/BioNTech zugesagt, nachdem bereits im Juli 5 Millionen Dosen von Moderna (ebenfalls im Rahmen von COVAX) gespendet wurden.

Es wird auch an der Entwicklung eigener Impfstoffe gearbeitet; insgesamt sind vier in der Erforschung, von denen einer, Nano Covax, bereits Ende des Jahres mit einer Notfallzulassung rechnen könnte. Über seine Wirksamkeit gibt es bisher keine Einschätzungen.

Auch in der Impfstoffherstellung will sich Vietnam engagieren. Im Juli 2021 wurde bereits erfolgreich eine Test-Charge des russischen Impfstoffs Sputnik V produziert. Weiterhin ist das Land mit den USA in Verhandlungen hinsichtlich eines Technologietransfers zur Herstellung eines mRNA-Vakzins. Die Regierung plant, bis Ende 2021 der Hälfte der vietnamesischen Bevölkerung eine Impfung anbieten zu können; bis Ende des ersten Quartals 2022 sollen 70% der Bevölkerung mit Impfstoff versorgt sein. Zugelassen sind die Impfstoffe von Moderna, BioNTech, AstraZeneca, Johnson&Johnson, Sputnik V und Sinopharm. Gegenüber dem chinesischen Impfstoff Sinopharm herrschen jedoch starke Vorbehalte.

Zur Finanzierung der Impfkampagne hatte die Regierung im Mai 2021 einen öffentlichen Fonds über 1,1 Mrd USD aufgelegt, den „Vietnam Fund for Vaccination and Prevention of Coronavirus Disease“, an dem sich Unternehmen, Institutionen und Privatleute beteiligen können. Per Juni 2021 konnten bereits 180 Mio USD von mehr als 230.000 Organisationen und Einzelpersonen eingesammelt werden.

Wirtschaft wächst gedämpft weiter

Das Wirtschaftswachstum des ersten Halbjahres 2021 hat mit real 5,6% die Wirtschaftsleistung wieder auf das Vor-Krisen-Niveau zurückgebracht. Mit Eintreffen der vierten Welle und den damit einhergehenden Einschränkungen ist zumindest im dritten Quartal 2021 mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen.

Die Weltbank geht in ihrem aktuellen Bericht von einem BIP-Wachstum von 4,8% im Jahr 2021 aus und hat damit ihre ursprüngliche Prognose aus Dezember 2020 um 2 Prozentpunkte adjustiert. Hinsichtlich der soliden wirtschaftlichen Eckdaten Vietnams werden für 2022 wieder BIP-Wachstumsraten zwischen 6,5% und 7,0% erwartet.

Wie schnell die Wirtschaft sich im zweiten Halbjahr erholen kann, hängt u.a. davon ab, wie gut die Regierung den Ausbruch der vierten Welle unter Kontrolle bekommt und wie effektiv ihre Impfkampagne vorankommt. Den „Preußen Asiens“, die für ihre Willensstärke und ihr Gemeinschaftsgefühl bekannt sind, ist eine zügige Abwicklung zuzutrauen.

Die strikten Lockdown-Maßnahmen werden zunächst bis Mitte September 2021 aufrechterhalten bleiben und dann hoffentlich entsprechende Wirkung zeigen. Gesundheitsexperten erachten die hohen Corona-Zahlen in Ho-Chi-Minh-Stadt in diesen Tagen als „Höhepunkt“ der vierten Welle. Die Impfkampagne der Regierung wird nun an Fahrt aufnehmen, sodass Einschränkungen kurzfristig gelockert werden können und das (Geschäfts-)Leben sich wieder normalisieren kann.

Aktuelle Geschäftsansätze

Durch den pandemiebedingt erforderlichen Ausbau des Gesundheitssystems bieten sich Chancen für Firmen, die im Bereich von Krankenhausausstattung, insbesondere im Bereich der Behandlung von Covid-Patienten, tätig sind.

Für Unternehmen, die bereits in Vietnam tätig sind oder entsprechende Aktivitäten in Erwägung ziehen, ist ein verlässlicher lokaler Partner sehr hilfreich. ODDO BHF ist seit 1987 in Vietnam tätig und seit 1993 als eine der ersten deutschen Banken mit einer Repräsentanz vertreten. Die jahrzehntelange Präsenz ermöglicht es, Geschäfte bestmöglich abzuwickeln und Unternehmen sowie ihren Tochterunternehmen, bspw. aus Frankreich, die großen Marktchancen, die Vietnam bietet, verlässlich zu erschließen. Die Expertise beinhaltet auch die Unterstützung bereits in Vietnam ansässiger Firmen, etwa bei Verhandlungen zu Akkreditiv- und Zahlungsbedingungen oder auch zu ECA-Finanzierungen.

karin.riley@oddo-bhf.com

lutz.dunker@oddo-bhf.com

www.oddo-bhf.com

 

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