Einer Schätzung von Coface zufolge würden deutsche Unternehmen 6% ihrer Arbeitskosten einsparen, wenn sie jede vierte telearbeitsfähige Stelle in Schwellenländer auslagerten. Vor allem das Potenzial der Region Südostasien wird im Rahmen einer Analyse deutlich. Bei Angestellten in großen Volkswirtschaften könnte dieses „virtuelle Offshoring“ hingegen wirtschaftliche Ängste auslösen und zur Quelle politischer Risiken werden.

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Was bleibt, wenn die Pandemie überstanden ist? Fest steht: Die Nachwehen von Covid-19 werden die Wirtschaft und viele Unternehmen noch über Jahre hinweg prägen. Eine einschneidende Entwicklung ist sicherlich, dass Corona die Arbeit im Home-office in vielen Bereichen salonfähig gemacht hat. Bis zu 40% der Arbeitnehmer in der EU haben während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr regelmäßig im Homeoffice gearbeitet. Dabei wurden viele Unternehmen von der Produktivität ihrer Belegschaft positiv überrascht und öffneten sich zunehmend der Idee einer teilweise globalisierten virtuellen Belegschaft.

Kulturwandel und Kostendruck als Treiber

Laut einer Stichprobe von The Conference Board unter 330 großen US-Firmen ist der Anteil der Unternehmen, die bereit sind, ausländische Mitarbeiter auf Vollzeitbasis einzustellen, auf 36% gestiegen – gegenüber 12% vor der Pandemie. Dieser Kulturwandel – gepaart mit einem steigendem Kostendruck, um konkurrenzfähig zu bleiben – könnte Firmen in Industrieländern demnach verleiten, dauerhaft neue und weitaus günstigere Arbeitskräfte in Schwellenländern einzustellen. Nach Berechnungen von Coface würden deutsche Unternehmen 6% ihrer Arbeitskosten einsparen, wenn sie nur ein Viertel der telearbeitsfähigen Arbeitsplätze ins Ausland verlagerten. Noch höher sind die Einsparpotenziale in Frankreich (7%) und im Vereinigten Königreich (9%).

Coface schätzt, dass die Gesamtzahl der Remote-fähigen Arbeitsplätze in Volkswirtschaften mit hohem Einkommen etwa 160 Millionen beträgt, während die Zahl der potenziellen Telearbeiter in Volkswirtschaften mit niedrigem und mittlerem Einkommen bei etwa 330 Millionen liegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Arbeitsplätze virtuell verlagert werden können. Viele Aufgaben erfordern eine teilweise Präsenz vor Ort, persönlichen Kontakt mit Kunden oder ein gutes Verständnis der lokalen Kultur.

Potenzielle „Hotspots“ vor allem in Südostasien

Um unter den Schwellenländern diejenigen mit den besten Voraussetzungen für virtuelles Offshoring zu identifizieren, hat Coface einen Indikator entwickelt, der auf vier Schlüsselkriterien basiert: die Zahl geeigneter Arbeitskräfte für Remote-Arbeit, die Wettbewerbsfähigkeit bei den Arbeitskosten, die zur Verfügung stehende digitale Infrastruktur und das Coface-Geschäftsklima, das u.a. die Rechtssicherheit im jeweiligen Land ausdrückt.

Südostasien erweist sich als Region mit hohem Potenzial. Vor allem Indien und Indonesien, aber auch Brasilien haben eine große Anzahl potenzieller Telearbeiter und vergleichsweise niedrige Arbeitskosten. Polen sticht durch sein gutes Geschäftsklima in Verbindung mit einer sehr guten digitalen Infrastruktur hervor. Auch China und Russland sind theoretisch ideale Ziele für eine Verlagerung. Wachsende geopolitische Spannungen und Cybersicherheitsprobleme mit dem Westen stellen jedoch ein großes Hindernis dar.

Die Schattenseiten: Abwärtsdruck und politische Polarisierung

Eine Verlagerung der Arbeit in dieser Größenordnung könnte destabilisierende gesellschaftliche Auswirkungen in den betroffenen Industrieländern haben. Es gibt einen gut dokumentierten Zusammenhang zwischen der Deindustrialisierung und dem Aufstieg von Anti-Establishment-Politikern, der in den westlichen Demokratien im vergangenen Jahrzehnt beobachtet wurde. Dabei führte das physische Offshoring in der Fertigung zu einer Einkommensstagnation bei weniger qualifizierten Arbeitnehmern, was sie in der Folge für eine Anti-Globalisierungsrhetorik empfänglich machte. Bei der virtuellen Verlagerung von Arbeitsplätzen besteht die Gefahr, dass sich ein ähnliches Muster bei hochqualifizierten Fachkräften durchsetzt.

Hinzu kommt, dass es im Westen bereits einen Trend zu sinkenden Erträgen aus der Hochschulbildung gibt, da das Angebot an Hochschulabsolventen schneller steigt als die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Demnach könnte eine Verlagerung gen Osten einen zusätzlichen Abwärtsdruck auf hochqualifizierte Einkommen in den entwickelten Volkswirtschaften ausüben, insbesondere in Einstiegspositionen. In der jüngeren Vergangenheit haben gut ausgebildete junge Fachkräfte die Globalisierung im Allgemeinen begrüßt und von ihr profitiert – anhaltend pessimistische Jobaussichten könnten die Waage in die entgegengesetzte Richtung kippen lassen. In der Folge würden die Risiken für eine politische Polarisierung und soziale Unruhen steigen.

Die komplette Studie gibt es HIER zum Download.

marcos.carias@coface.com

www.coface.de

 

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