China mausert sich vom Imitator zum Innovator. Das liegt an massiven staatlichen Investitionen sowie an der Bereitschaft der Bevölkerung, Neues rasch zu adaptieren. Und an vielen jungen Unternehmern. Was folgt daraus für deutsche Firmen?

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Why China can’t innovate“ hieß im Jahr 2014 ein Artikel in der renommierten „Harvard Business Review“. Die Argumente lagen damals auf der Hand: Die günstigen Produkte „made in China“ zeichneten sich vielfach durch die „Adaption“ und „Imitation“ von fremdem geistigem Eigentum aus. Heute jedoch sieht die Lage ganz anders aus. China meldet mit mehr als 1 Million pro Jahr mehr Patente als jedes andere Land der Welt an und liegt immerhin auf Platz 14 im weltweiten Global Innovation Index der World Intellectual Property Organization WIPO. Auch die „Harvard Business Review“ erkennt das in einem aktuellen Beitrag an: China sei sogar noch innovativer, als es diese Statistiken widerspiegelten. Denn die Innovationsbereitschaft der Bevölkerung sei nicht berücksichtigt. Sie aber sorge dafür, argumentiert Autor Zak Dychtwald im Artikel „China’s new innovation advantage“ (Chinas neuer Innovationsvorteil), dass die Innovationen auch tatsächlich eingesetzt werden. Eine Innovation ist schließlich erst dann wertvoll, wenn der Anwender einen Nutzen darin erkennt. Als Beleg dient Dychtwald vor allem die weite Verbreitung von mobilen Payment-Lösungen in China. Doch auch in anderen Bereichen wie E-Learning oder E-Medizin ist China Deutschland (und Europa) weit voraus.

Die große Offenheit der Kundschaft, Innovationen schnell anzunehmen, hat zwei wesentliche Effekte: Chinesische Unternehmen können ihre Entwicklungsinvestitionen schneller refinanzieren. Und sie müssen kontinuierlich an weiteren Innovationen feilen, um im Wettbewerb mithalten zu können. Langfristig ausgerichtete, staatlich forcierte Innovationsprogramme sorgen zugleich dafür, dass in ganz unterschiedlichen Bereichen Innovationscluster entstehen. So liegen 17 der Top-Innovationscluster weltweit in China, darunter die Region Hongkong–Shenzhen–Guangzhou und die Hauptstadt Peking auf den Plätzen zwei und vier.

Berater wie Hermann Simon – er prägte den Begriff der „Hidden Champions“ – werben dafür, nicht nur Produktion und Verkauf, sondern auch Forschung und Entwicklung in China anzusiedeln. Nur so erreiche man den Zugang zu den Innovationsnetzwerken des Landes. Auch die Initiative „German Innovators in China“ (GINN) sieht sich als Brücke zwischen deutschen, innovativen Unternehmen und der chinesischen „Innovationslandschaft“. Die eigene F&E direkt in China anzusiedeln dürfte vielen Unternehmen allerdings nicht geheuer sein.

Welcher deutsche Technologieführer weiß nicht von Imitaten, Kopien oder einer anderen Form von Diebstahl geistigen Eigentums in China zu berichten. So gut wie möglich versuchen die Produzenten des Westens daher, ihre Entwicklungen und Forschungen unter Verschluss zu halten – was angesichts notwendiger Produktion vor Ort nicht immer gut möglich war. Die bisherige Abschottung Chinas verspricht zudem Ausländern keine einfachen Zugänge zu den Innovationsclustern des Landes und zu den besten Köpfen der Universitäten. China zeichnet sich in vielen Wirtschaftsbereichen durch geschlossene Systeme aus – die digitalen Plattformen sind dafür das augenscheinlichste Beispiel.

Hinzu kommen geopolitische Risiken, erklärt Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research. „Wir haben im Handelsstreit zwischen den USA und China gesehen, wie schnell Unternehmen dabei zwischen die Fronten geraten können.“ Ein Embargo könnte nicht nur die meist regional begrenzte Produktion und den Absatz in China unterbrechen, sondern auch schon ganz am Anfang die Entwicklung neuer Produkte, die auch noch in ganz anderen Märkten angeboten werden sollen.

Allerdings sei keine Forschung in China auch keine Lösung, erläutert Ökonom Schattenberg. „China hat ein riesiges Reservoir an sehr gut ausgebildeten Fachleuten – mit einem enormen Erfolgsehrgeiz.“ Man schmälere die Innovationskraft Chinas nicht dadurch, dass man als deutsches Unternehmen auf den Zugang zu diesem kreativen Potenzial verzichte. Schattenberg sieht die Risiken für innovative deutsche Unternehmen durchaus, weshalb er eine Komplettverlagerung von Entwicklungsabteilungen nach China kritisch sieht. Außerdem müsse jedes Unternehmen individuell schauen, was es im Gegenzug für möglichen Know-how-Abfluss durch China gewinne. Dabei warnt er zugleich vor zu einfachen Rechnungen: „Die Lohnvorteile sollten nicht alleine den Ausschlag geben. Unternehmer sollten analysieren, welche Zugänge sie zu Innovationsclustern bekommen können und wie sie sich auch den Zugang zum chinesischen Markt dadurch sichern können.“

Unterschätzte Unternehmen

Immer noch gilt: Die Innovationskraft Chinas wird leicht unterschätzt. Das liegt nicht nur an der jüngeren Historie als „Kopierwerkstatt“, sondern auch an augenfälligen Produktbereichen wie Automobilen oder Luxusgütern. Wer das notwendige Kapital hat, kauft auch in China westliche Produkte. Diese kommen zwar dem chinesischen Markt im Design entgegen; dafür reicht aber in der Regel eine Marktforschungsabteilung.

Außerdem ist es bisher nur wenigen chinesischen Giganten gelungen, auch den Rest der Welt zu erobern. Zu den wenigen Ausnahmen gehören Alibaba, Haier, Huawei und TikTok (ByteDance, chin. Douyin). Ob es dagegen der seit Ende Juni in den USA börsennotierten Uber-Konkurrenz Didi gelingen wird, auch in Deutschland, Frankreich und Großbritannien wie geplant Fuß zu fassen, muss sich erst noch zeigen. Chinesische Fahrzeuge oder Maschinen sind in Europa bis heute Exoten geblieben.

Mark Greeven, Professor an der renommierten Wirtschaftshochschule IMD, weist aber auf die „nächste Generation“ hochinnovativer Unternehmen hin. In China hat er mit Hunderten Unternehmen gesprochen und ein chinesisches „Innovation Framework“ erkannt. Neben den „Pionieren“ wie Alibaba und Huawei, die weltweit bekannt sind, gebe es inzwischen viel mehr Innovatoren. Greeven unterteilt sie in die Gruppen der „Hidden Champions“, der „Technology Underdogs“ und der „Changemakers“. So gebe es schon über 200 Hidden Champions, die Top-Marktpositionen in China oder sogar weltweit besetzten. Über 1.000 „Technology Underdogs“, oft in den USA und Europa hochqualifizierte Unternehmer, seien nach China zurückgekehrt und haben in Wissenschaft und Technologie Unternehmen aufgebaut. Diese seien in der Regel erst recht klein, weshalb sie – und ihr Potenzial – außerhalb Chinas wenig sichtbar seien. Schließlich gebe es noch die Gruppe der „Changemaker“, warnt Greeven. Diese Spielveränderer hätten teils verrückte Ideen, könnten damit aber etablierte Märkte komplett verändern. Denn mit Milliardenfinanzierungen von Venture-Capital-Investoren hätten sie die Mittel, ihre Ideen in kurzer Zeit zu skalieren. Bestes Beispiel: TikTok-Mutter ByteDance, noch keine zehn Jahre alt.

Auch Hermann Simon macht auf die Hidden Champions in China aufmerksam. Diese seien bislang deutlich seltener als Deutschlands Hidden Champions; es fehle ihnen zudem an internationaler Präsenz und Markenausstrahlung. Doch sie wachsen schnell. Und sie haben schon jetzt oftmals sehr viel größere F&E-Abteilungen: Lens Technology beschäftigt rund 8.700 F&E-Mitarbeiter, Carl Zeiss etwa 3.100. Und China will noch deutlich mehr (Hidden) Champions entwickeln. Für ein vor wenigen Wochen gestartetes Förderprogramm wurden knapp 2.000 künftige „kleine Riesen“ ausgewählt; es soll in den kommenden Jahren auf 10.000 Unternehmen ausgeweitet werden. Anders als sonst stehen diesmal also vor allem KMU im Mittelpunkt staatlicher Förderung.

Diese Innovatoren sind neben dem sich verändernden riesigen chinesischen Absatzmarkt ein weiteres Argument für westliche Unternehmen, sich in chinesische Innovationsnetzwerke einzuarbeiten. Denn diese innovativen Unternehmen fliegen bislang unter dem internationalen Radar. Wenn sie auftauchen, kann es schon zu spät für Gegenwehr sein.

China als künftiger Innovationstreiber wird die deutschen Marktführer prägen, da sind sich die Experten einig – auch wenn dem Westen diese Veränderungen nicht immer gleich präsent sein mögen. „Viele neue elektronische Lösungen im Auto, insbesondere bei Assistenzsystemen oder Konnektivität im Entertainmentbereich, dürften schon jetzt vor allem deshalb verbaut werden, weil es chinesische Konsumenten so erwarten“, beobachtet Deutsche-Bank-Ökonom Schattenberg.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bank. Den dazugehörigen Link finden Sie HIER.

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