Staatliche Exportkreditversicherungen eignen sich nicht nur für Exporte in Schwellen- und Entwicklungsländer. Auch High-income Countries wie Litauen profitieren davon.

Wer in Schwellen- und Entwicklungsländer exportiert, greift in der Regel auf staatliche Exportkreditgarantien wie die Hermesdeckung zurück. Sie sichert deutsche Exporteure und die finanzierenden Banken gegen politische und wirtschaftliche Risiken ab und übernimmt somit das Risiko, dass ein ausländischer Kunde nicht zahlt. Viele Geschäfte kommen dank solcher Absicherungen überhaupt erst zustande. Umgekehrt kommen Hermesdeckungen in der Regel nur dort zum Zuge, wo die private Wirtschaft kein entsprechendes oder ausreichendes Absicherungsangebot zur Verfügung stellt.

Unter Umständen können auch Geschäfte in sogenannten High-income Countries wie Frankreich, Italien oder Spanien über Hermesdeckungen abgesichert werden. Diese Länder haben zwar ein solides Bankensystem und fallen damit nicht in das klassische Hermes-Profil. Für Spezialprojekte sowie Aufträge mit großem Volumen und besonderen Laufzeiten bietet die Bundesrepublik aber auch bei Exporten in solche Länder eine staatliche Absicherung an.

Kleiner Markt, große Geschäftsmöglichkeiten

Auch Litauen zählt laut der OECD-Länderklassifizierung zu den High-income Countries. Der litauische Markt ist für exportorientierte Unternehmen attraktiv. Innerhalb der Region hat das Land zahlreiche Vorteile gegenüber seinen Nachbarn: Geschäfte in Weißrussland, Russland und der Ukraine sind u.a. sanktionsbedingt komplexer und aufwendiger zu realisieren, die anderen Länder des Baltikums sind schlicht zu klein.

Trotzdem ist eine Exportfinanzierung mit lokalen Banken für Unternehmen nicht ganz einfach: Die einheimischen Institute sind sehr klein und können den langfristigen Finanzierungsbedarf meist nicht decken. Die sonst in Osteuropa aktiven russischen Banken haben sich aus dem Markt zurückgezogen, vor Ort sind im Wesentlichen noch die schwedischen Banken Swedbank und SEB tätig.

Das stellt litauische Unternehmen vor Herausforderungen: Sie sind stark exportorientiert, denn der eigene Markt ist klein. Mit einem realen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2020 um lediglich 0,9% hat Litauens Wirtschaft die Auswirkungen der Corona-Pandemie aber sehr gut gemeistert. Zum Vergleich: Im Durchschnitt verzeichnete die Europäische Union (EU) 2020 einen Rückgang um 6,1%. Laut Weltbank liegt das litauische BIP bei rund 55 Mrd EUR, die Exportquote über 60%. Ungeachtet des vergleichsweise kleinen einheimischen Marktes sind litauische Produkte weltweit gefragt: allen voran chemische Erzeugnisse, Nahrungsmittel und Möbel.

Europa kauft vorwiegend Holz und entsprechende Produkte aus Litauen – von Möbeln über Bauholz für Saunen und Holzhäuser. Die Möbelbranche verzeichnet derzeit volle Auftragsbücher, denn die Nachfrage nach Möbeln ist während der Pandemie spürbar gestiegen: Immer mehr Menschen arbeiten zu Hause und gestalten ihre Wohnung entsprechend. Zudem fahren viele nicht in den Urlaub und geben ihr Geld stattdessen dafür aus, ihr Zuhause zu verschönern.

Deutsche Maschinen sind gefragt

Von der Exportstärke der litauischen Unternehmen und der angezogenen Nachfrage profitieren wiederum deutsche Exporteure: International tätige Maschinen- und Anlagenbauer aus Deutschland haben den Markt längst für sich entdeckt. So liefert ein deutscher Anlagenbauer bspw. Holzverarbeitungsmaschinen in den baltischen Staat.

Um einen Großauftrag eines europäischen Möbelriesens zu stemmen, brauchte ein litauischer Möbelproduzent eine Finanzierung über 50 Mio EUR. Das litauische Unternehmen produziert fast ausschließlich für den Großkonzern und liefert rund 400.000 Möbelteile pro Monat, die dann weltweit exportiert werden. Der litauische Importeur wollte u.a. eine Holzverarbeitungsmaschine des deutschen Anlagenbauers kaufen, um den Großauftrag zu stemmen. Die Landesbank Baden-Württemberg sagte die Finanzierung zu und konnte dabei auch auf ihre kundenspezifische Erfahrung bauen: Bereits 2018 hatte die LBBW eine große Investition des Unternehmens in Litauen begleitet.

Bei der aktuellen Finanzierung setzte sich die Landesbank gegen die lokale Tochter einer schwedischen Bank durch. Schwedische Banken haben ihre Stärke in Working-Capital-Finanzierungen mit kurzen Laufzeiten von ein bis zwei Jahren und weniger bei längeren Finanzierungszeiträumen und größeren Beträgen. Diese langfristigen Zeiträume können in der Regel nur zu teuren Konditionen angeboten werden.

Bestellerkredit in High-income Countries

Das Produkt der Wahl ist der Bestellerkredit. Bestellerkredite sind Kredite für einen Importeur im Ausland, den sogenannten Besteller, mit denen dieser dann Investitions- oder Anlagegüter finanziert. Bestellerkredite werden direkt an ausländische Abnehmer vergeben, ohne dass eine Bank im Land des Käufers eingeschaltet werden muss. Das Prinzip des Kredits ist einfach erklärt: Unternehmen verkaufen Waren ins Ausland und vereinbaren mit ihrem Abnehmer im Liefervertrag eine Anzahlung von mindestens 15% des Auftragswertes. Ein Finanzinstitut vergibt einen Kredit an den Besteller über den Restwert der Forderung. Die Forderungssumme geht in der Regel direkt an das exportierende Unternehmen, also in diesem Fall an die Firma aus Nordrhein-Westfalen.

Bestellerkredite steigern die Liquidität des Exporteurs und eliminieren das wirtschaftliche und politische Risiko des Geschäfts nahezu komplett. Da sie die Finanzierung für den Importeur gleich mitliefern, verschaffen Bestellerkredite dem deutschen Lieferanten unter Umständen zusätzlich einen Wettbewerbsvorteil.

Möglich werden Bestellerkredite durch sogenannte ECAs. Die Abkürzung steht für „Export Credit Agency“, also Exportkreditversicherer. In Deutschland ist Euler Hermes mit dem Management der staatlichen Exportkreditgarantien betraut und fungiert als Mandatar des Bundes. Exportunternehmen zahlen für eine Hermesdeckung eine risikoadäquate Prämie. Generell gilt: Je höher Auftragswert und Risiko, desto höher die Gebühren. In die Berechnung fließen außerdem die Risikolaufzeit, das Länder- und Käuferrisiko sowie vorhandene Sicherheiten mit ein. In der Regel liegt die Deckungsquote bei 95%, d.h., der Selbstbehalt für politische und wirtschaftliche Risiken liegt bei 5%.

Eine ECA-gedeckte Finanzierung ist langfristig angelegt und günstig kalkuliert: Die Gesamtkosten können 2,0 bis 3,5% betragen – und liegen damit in der Regel deutlich unter denen lokaler Finanzierungen, die leicht bis zu 7% Zinsen oder mehr kosten können. Ein weiterer Vorteil: Der Importeur belastet seine lokale Kreditlinie nicht. Auf der anderen Seite profitiert auch der Exporteur: Er hat kein finanzielles Risiko und zugleich ein vertriebsunterstützendes Instrument, denn oft genug scheitern Geschäfte wegen knapper Finanzmittel potenzieller Kunden – und das gilt für High-income Countries genauso wie für Schwellen- und Entwicklungsländer.

Landkarte ECA

Landkarte der ECAs, mit denen die LBBW in Europa zusammenarbeitet. © LBBW

Globalisierung treibt das Multi-Sourcing

Jede Exportfinanzierung erfordert eine maßgeschneiderte Lösung. Das liegt nicht nur daran, dass jedes Geschäft eigene Anforderungen mit sich bringt, sondern auch an der Globalisierung. Die Wertschöpfungsketten verändern sich, Unternehmen stellen sich breiter auf und beschaffen identische Produkte mittlerweile oft in verschiedenen Ländern. Das sogenannte Multi-Sourcing wirkt sich auch auf die Finanzierung aus. Die kann schnell komplex werden, da häufig verschiedene staatliche Kreditversicherer an ECA-gedeckten Finanzierungen beteiligt sind. Diese sogenannten Multi-ECA-Geschäfte können entweder mittels Fronting einer ECA oder mittels Generalexporteuren schlanker strukturiert werden. Die Zusammenarbeit mit Generalexporteuren, sogenannten Packagern, die verschiedene Lieferverträge bündeln, hat den großen Vorteil, dass nicht verschiedene Einzelanträge bei unterschiedlichen ECAs gestellt werden müssen, sondern der bürokratische Aufwand vergleichsweise gering bleibt.


Autoren

Nanette Bubik,
Head of Export Finance,
Landesbank Baden-Württemberg

 

 


Thomas Oetter,
Export Finance Origination,
Landesbank Baden-Württemberg

 

 


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