Wladimir Putins Griff nach der Ukraine hält die Welt in Atem. Während sich täglich die Ereignisse überschlagen, bezieht Japan Stellung. Nippon reagiert auf die aggressiven Expansionsversuche des russischen Präsidenten – gesellschaftlich und politisch.

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Japan handelt im Einklang mit den EU-Sanktionen. Es gilt zu zeigen, dass abscheuliche Taten auch große Opfer mit sich bringen. Nippon hat sich für den Ausschluss ausgewählter russischer Banken eingesetzt und damit Russlands Ausschluss vom SWIFT mitgetragen. So hat sich Japan auch den Sanktionen gegen die russische Zentralbank angeschlossen und deren Devisen eingefroren – rund 10% russischer Devisen sind in Yen angelegt.

Wie die anderen Staaten, die Haltung zeigen, wird Japan unter den Auswirkungen des SWIFT-Rauswurfs von Russland leiden. Gleichwohl erhöhen die geballten Maßnahmen den Druck auf die russische Wirtschaft – und somit auf Präsident Putin. Zudem hat Japan die Vermögenswerte des russischen Präsidenten und über 30 weiterer russischer Vertreter eingefroren – um zu zeigen, dass man den Einmarsch in die Ukraine nicht duldet. Auch wurden Visa für russische Beamte, die mit prorussischen Separatistenregionen in der Ostukraine in Verbindung stehen, vorerst ausgesetzt.
Russlands Rolle als internationaler Energieversorger ist für viele Länder ein kritischer Punkt. Die japanische Regierung hatte der EU bereits zusätzliche Gaslieferungen nach Europa zugesagt – solange die Energieversorgung des heimischen Marktes gewährleistet ist.

Japanische Unternehmen sollen prüfen, ob sie ihre LNG-Importe zusätzlich nach Europa umleiten könnten, nachdem eine stabile Versorgung in der Heimat sichergestellt ist. Rund 40% der Gaslieferungen Europas kommen aus Russland. Und wenn Russland als Antwort auf die vielzähligen Sanktionen der Welt den Gashahn zudreht, sind solche Notfallpläne essenziell. Doch das ist sicher nicht der Grund, weshalb Japan selbst an den gemeinsamen Öl- und Gasprojekten auf der nördlich von Japan gelegenen russischen Insel Sachalin festhält, statt auch hier streng zu sanktionieren. Die dort geförderten Volumina sind eigentlich eher gering. Die japanischen Handelshäuser fürchten aber, dass China oder Indien die Anteile Japans zügig übernehmen würden und somit eine schmerzhafte Auswirkung für Russland ausbliebe.

Dem Aufruf des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, im Kampf gegen Russland eine „internationale Legion“ zu bilden, folgen längst nicht nur EU-Einwohner. Japan hat sich zwar nach dem Zweiten Weltkrieg eine „pazifistische Gesellschaft“ verordnet, der russische Übergriff bringt aber einige Vertreter des friedlichen Volkes dazu, gegen die Kreml-Truppen und für die Bevölkerung der Ukraine ins Feld zu ziehen.

Solidarität auf den Straßen

Der Krieg in der Ukraine löste starke Emotionen in der japanischen Bevölkerung aus. Hunderte Menschen füllten die Straßen Tokyos während Protesten gegen die russische Invasion. Insbesondere viele der in Japan lebenden Russen zeigten ihr Unverständnis über Putins Handeln und protestierten gemeinsam mit Ukrainern und anderen ausländischen Staatsbürgern Japans in Tokyo friedlich gegen die Invasion. Und dabei blieb es nicht, Solidarität wurde auch in klingender Münze gezeigt. Mehr als 34 Mio EUR an privaten Spenden von 150.000 Japanern gingen Mitte März an die Ukraine.

Kabinettschef Hirokazu Matsuno hatte zudem Ende Februar angekündigt, dass Japan ukrainische Flüchtlinge aufnehmen wird – auch wenn „jemand nicht als Asylsuchender im Sinne der Flüchtlingskonvention gilt“. Zumindest wird diskutiert, die Familienangehörigen der rund 1.900 in Japan lebenden Ukrainer unkompliziert ins Land zu lassen. Darüber hinaus werden auch russische, politische Flüchtlinge aufgenommen, die sich öffentlich gegen Putins Krieg ausgesprochen haben. Das ist ein Quantensprung in Japans sonst sehr restriktiver Flüchtlingspolitik. Bis Mitte März hatte Japan bereits 73 ukrainische Flüchtlinge aufgenommen, sie alle erhielten ein Aufenthaltsvisum, finanzielle Unterstützung und eine Arbeitserlaubnis.

Bei den Ansprachen in zahlreichen Staatsparlamenten warb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jeweils individuell um Unterstützung gegen den russischen Angriffskrieg. Nachdem er gegenüber den USA die Angriffe auf Pearl Harbour und das World Trade Center thematisierte, rechnete man in Japan mit der Erwähnung des Atombombenabwurfs in Hiroshima und Nagasaki. Stattdessen ging der ukrainische Präsident auf Japans Führungsanspruch in Asien ein.
Die Angst vor unvorhergesehenen Ausbrüchen Russlands ist nicht zu leugnen. Die japanischen Fluggesellschaften Japan Airlines (JAL) und All Nippon Airways (ANA) zogen Konsequenzen und stoppten zunächst sämtliche Passagierflüge von und nach Europa. JAL bindet inzwischen Europa über London an und fliegt über Grönland und Alaska nach Japan. Die Alaska-Route nahm auch Japans Premier Fumio Kishida, als er nach Europa flog, um Mitte März am G-7 Gipfel in Brüssel teilzunehmen. Die noch aus Zeiten des Kalten Krieges bekannten Strecken werden nun wiederbelebt. ANA fliegt Europa über die Südroute via Kasachstan und die Türkei an. Diese logistischen Umstellungen führen zu zahlreichen Ausfällen, längeren Flugstrecken und erhöhten Treibstoffbedarfen und somit letztlich höheren Kosten.

Ruhe in Tschernobyl?

Japan stellt sich nach dem Atombombenabwurf in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 sehr deutlich gegen Kernwaffen. Natürlich verurteilt Japan – wie der Rest der Welt – Russlands erfolgte Atomwaffendrohung. Experten der Fukushima University hatten nach dem kata-strophalen Unfall in dem ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl im Jahr 1986 gemeinsam mit der ukrainischen Regierung an radioaktiven Materialien geforscht. Doch aktuell ist kein direkter Kontakt zu den Forschungseinrichtungen in der Ukraine möglich.

Seit 2017 engagiert sich das Institute of Environmental Radioactivity in der Präfektur Fukushima in einem gemeinsamen Projekt mit der Ukraine. Die Präfektur Fukushima erlebte 2011 selbst einen schweren nuklearen Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, der durch das Tohuka- Erdbeben verursacht worden war. Ab März 2022 sollten fünf Forscher des japanischen Instituts vor Ort in Tschernobyl arbeiten, um Forschungsgeräte zu beschaffen, Proben zu entnehmen und den Betrieb der Geräte zu überwachen. Die dazu geplante Reise wurde ausgesetzt und die ukrainischen Forscher sehen eine Weiterführung des Projektes aktuell als schwer umsetzbar an. Die Angst, dass durch Kriegsschäden nukleares Material in die Umwelt gelangen könnte, sorgt für zusätzlichen Druck.
Selenskyi betonte in seiner Videoansprache die Gefahren russischer Angriffe auf Tschernobyl und zog damit Parallelen zu den drohenden Gefahren des Austritts von radioaktivem Material bei den Kernkraftwerken in Fukushima.

Warum scheint sich Japan aktuell mehr und schneller zu engagieren als sonst? Japan ist kein Nato-Mitglied, allerdings besteht eine langjährige Kooperationspartnerschaft. Zudem ist Japan G-7-Mitglied und steht ohne Frage im Verbund demokratischer Staaten. Deshalb ist der Schulterschluss der drittstärksten Weltwirtschaftsmacht mit der EU und den USA folgerichtig und nötig. Neben den wirtschaftlichen Verbindungen Japans zu den asiatischen und pazifischen Nachbarn über die Handelsabkommen TPP und ASEAN ist selbstverständlich das politische Bündnis mit der EU und den USA essenziell. Japan bemüht sich wie Deutschland seit Langem um einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. So ist zu vermuten, dass US-Präsident Joe Biden Japans Premier Kishida während eines virtuellen Treffens im Januar auf den gemeinsamen Ukraine-Kurs eingeschworen hat.

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