Uwe Erbs von der Santander Consumer Bank geht in nächster Zeit von weiter steigenden Preisen und Lieferengpässen aus, zumal sich China unabhängiger vom Westen machen dürfte. Eine Verlagerung der Einkäufe nach Europa oder auch ein Markteintritt in Lateinamerika seien für hiesige Unternehmen durchaus interessante Alternativen.

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Herr Erbs, welche Hürden sind derzeit die größten für deutsche Unternehmen?

Uwe Erbs: Die Entwicklung der Energiepreise, die damit einhergehende steigende Inflation sowie die Lieferengpässe in einigen Bereichen werden wohl eine der größten dauerhaften Herausforderungen der näheren Zukunft bleiben. Hinzu kommen die steigenden Finanzierungskosten, die durch die Zinsentwicklung auf der gesamten Zinsstrukturkurve die Wirtschaft weiter beschäftigen werden.

Wie können hiesige Unternehmen auch in dieser Zeit voll großer Herausforderungen Exporterfolge verwirklichen?

Die aktuelle Euro-Schwäche sollte für Exporteure, die den Nicht-Euro-Raum abdecken, von Vorteil sein. Hinsichtlich des Euro-Raums bleibt der einzige Vorteil, dass die Finanzierung in Deutschland im europäischen Vergleich noch relativ einfach ist.

Welchen Kurs sollte die deutsche Wirtschaft hinsichtlich China einschlagen?

Meiner persönlichen Einschätzung nach wird China versuchen, sich wesentlich unabhängiger von ausländischen Märkten zu entwickeln. Die deutsche Wirtschaft sollte sich als Reaktion darauf so weit wie möglich vom chinesischen Markt abkoppeln. Experten zufolge sieht sich die chinesische Regierung sehr genau an, welche Auswirkungen die Sanktionen gegen Russland haben, und wird versuchen, sich von den Folgen eventueller Sanktionen unabhängig zu machen.

Wie können Unternehmen Lieferengpässen vorbeugen?

Das hängt wesentlich von den Produkten ab, die nicht verfügbar sind. Eine Verlagerung der Einkäufe in Richtung West-europa kann helfen. Wer aber weite Wege im Einkauf hat, der wird schwerlich Alternativen finden.

Welche Emerging Markets sind besonders vielversprechend?

Einige Staaten Lateinamerikas sehen vielversprechend aus. Wenn man sich gut auf einen Markteintritt vorbereitet, können Brasilien, Chile, Mexiko und Peru durchaus als Zielmärkte interessant sein. Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang eine gute Vorarbeit hinsichtlich Zahlungsmodalitäten, Bürokratie und Steuern.

Wie kann Deutschland seine starke Exportsituation auch in Zukunft beibehalten?

„Made in Germany“ ist immer noch ein wichtiger Erfolgsfaktor. Service und Aftersales sind in diesem Zusammenhang wichtige Kriterien.

Welche Strategien und Maßnahmen schlagen Sie vor, um Außenhandelsgeschäfte auch in dieser schwierigen Zeit abzuwickeln, abzusichern und zu finanzieren?

Das bestätigte Akkreditiv ist in diesem Zusammenhang immer noch ein wichtiges Instrument. Es erscheint zwar im ersten Augenblick als veraltet und teuer, aber im Falle eines Defaults wird die Zahlung durch die Bank des Importeurs garantiert und erfolgt bei Fälligkeit des Akkreditivs und zwar zu 100%. Bei einem Kreditversicherer dauert die Zahlung länger und beträgt i.d.R. nicht 100%. Im Nicht-Euro-Raum sollte man die Fakturierung, wenn möglich, auf die lokale Währung des Importeurs ausstellen. Diese Flexibilität wird von Importeuren sehr geschätzt und als Wettbewerbsvorteil eingestuft. Vorher sollte man aber mit dem Berater seiner Bank ausloten, welche Absicherungsmöglichkeiten bestehen und ermitteln, ob sich die Kalkulation unter Berücksichtigung von Kurssicherungskosten noch rechnet.

Wie beeinträchtigen Sie die derzeit ausufernden Energiepreise?

Als Vertreter eines Kreditinstituts ist man nur mittelbar betroffen. Auch hier kann ich nur die Empfehlung aussprechen, sich mit dem Kundenberater über Sicherungsmöglichkeiten zu unterhalten. Vielleicht kann man nicht in jedem Fall mit einem Sicherungsprodukt des Kreditinstituts aushelfen, aber man erhält zumindest Hinweise und Ideen, ob und wie man sich vor Schwankungen des Rohstoffs absichern kann. Um aber ehrlich zu sein: Nicht in jedem Fall kann man sich – wegen hoher Korrelation zu anderen Rohstoffen – direkt oder indirekt absichern.

Uwe Erbs wird auf dem Themenforum II am „Tag der Exportweltmeister“ über Märkte in Lateinamerika referieren.

uwe.erbs@santander.de

www.santander.de

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