Die Handelsbeziehungen zwischen China und Lateinamerika haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten erheblich ausgeweitet und heben sich allmählich von den Beziehungen zwischen den USA und Lateinamerika ab. Die Gründe für diesen anhaltenden Trend reichen von den unterschiedlichen Wachstumsraten der beiden größten Volkswirtschaften der Welt bis hin zu ihrer Handelspolitik.

Beitrag in der Gesamtausgabe (PDF)

Die sechs größten lateinamerikanischen Volkswirtschaften (Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Ecuador und Peru) werden in Zukunft voraussichtlich stärker im Exportgeschäft wachsen als in der Binnenwirtschaft. Die Erholung der Wirtschaftstätigkeit in der Region dürfte geringer ausfallen als im weltweiten Durchschnitt (u.a. wegen des geringen Impffortschritts) und insbesondere schwächer als die Erholung in China und den Vereinigten Staaten. Daher sollten sich die Verkäufe nach China und in die USA im Jahr 2021 positiv entwickeln. Was die Bedeutung für die lateinamerikanischen Exporte angeht, so wird wohl China gegenüber den USA weiter an Boden gewinnen.

China hat bereits 2010 die USA als wichtigsten Exportmarkt für die genannte Gruppe von Ländern abgelöst. Die Bedeutung des asiatischen Riesen nahm auch nach dem Ende der „Rohstoffpreis-Bonanza“ im Jahr 2014 weiter zu, während der Anteil der USA an den Exporten der Gruppe von 2010 bis 2019 relativ stabil blieb. Was die Vereinigten Staaten betrifft, so kann ihr geringerer Anteil an den Exporten auf das mangelnde Interesse an der Vertiefung der Handelsbeziehungen mit Südamerika zurückgeführt werden. Besonders deutlich wurde dies während der Amtszeit von Donald Trump (2017–2021), da die Regierung sich auf die Verringerung des US-Handelsdefizits mit Mexiko und China konzentrierte. Das mangelnde Engagement der USA in der Region hat ein Vakuum geschaffen, die China allmählich gefüllt hat.  Schließlich hat der Handelskrieg zwischen den USA und China unter Trump auch dazu geführt, dass sich einige Exportrouten des globalen Agrar- und Ernährungssektors verändert haben, wovon südamerikanische Erzeuger wie Brasilien – zum Nachteil der US-Erzeuger – profitieren. Derzeit haben die USA Handelsabkommen mit Chile, Kolumbien und Peru, während China Abkommen mit Chile und Peru hat. Argentinien, Brasilien und Ecuador haben keine umfassenden Abkommen mit einem der beiden Giganten.

Exportstruktur wenig diversifiziert

Der Anteil der Warenexporte am BIP ist in den sechs ausgewählten lateinamerikanischen Ländern unterschiedlich hoch. Im Jahr 2020 verzeichnete Chile den höchsten Anteil der Exporte am BIP (29%), gefolgt von Peru (21%), Ecuador (20%), Brasilien (15%), Argentinien (14%) und Kolumbien (11%). Darüber hinaus variiert der Anteil der USA und Chinas an den Exporten von Land zu Land. China ist der wichtigste Markt für Brasilien, Chile und Peru, während die USA das wichtigste Exportziel für Kolumbien und Ecuador sind. Für Argentinien ist Brasilien der Hauptabnehmer von Waren, gefolgt von der Europäischen Union (EU), China und den USA. In Brasilien kommen die USA an dritter Stelle, während China in Kolumbien und Ecuador an dritter Stelle kommt. Für alle drei Länder ist die EU der zweitwichtigste Exportmarkt. Schlussendlich bleibt ein wichtiger Fakt, dass die Ausfuhren allein in die USA und China den intraregionalen Handel in Lateinamerika selbst überwiegen.

Die Zusammensetzung der lateinamerikanischen Exporte nach China und in die USA ist insgesamt wenig divers und stark rohstofflastig. Diese Konzentration ist im Handel mit China noch stärker ausgeprägt als im Handel mit den USA. Insgesamt machen die Ausfuhren von Metallen (40%), landwirtschaftlichen Erzeugnissen (35%) und Energie (18%) zusammen 93% der Auslandsverkäufe der sechs Länder nach China aus. Der Schwerpunkt der Warenausfuhren nach China liegt in Argentinien und Ecuador bei Agrarprodukten, in Chile und Peru bei Metallen und in Kolumbien bei Energie. Dieselben drei Warengruppen sind auch in Bezug auf den Handel mit den USA vorherrschend, auch wenn die Abhängigkeit geringer ist (72%).

Auch Lateinamerika war nicht immun gegen die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf den globalen Außenhandel. Die sechs Länder verzeichneten im Jahr 2020 einen Rückgang der Gesamtausfuhren um 8% gegenüber dem Vorjahr. Von dieser Entwicklung waren die Ausfuhren in die USA generell stärker betroffen als die nach China. Während Erstere um 19% gegenüber dem Vorjahr zurückgingen, stiegen Letztere gar um 4% an. Die stärkere Widerstandsfähigkeit der Ausfuhren nach China erklärt sich aus der Tatsache, dass sich die chinesische Wirtschaft schneller erholt hat als die US-amerikanische. Zudem ist der Anteil der Agrar- und Nahrungsmittel an den Gesamtexporten nach China höher. Hier gilt das Motto: Gegessen wird immer – auch und ganz besonders in einer Pandemie.

Konzentration bleibt bestehen

Im Jahr 2021 werden die Auslandsverkäufe der betrachteten Länder voraussichtlich stärker wachsen als die Umsätze auf den Inlandsmärkten.  Die nur geringen Impffortschritte in der Region, die erneute Pandemiewellen mit vielen Toten im Jahr 2021 nicht verhindern konnten, haben eine umfassende wirtschaftliche Erholung, wie sie in anderen Märkten beobachtet werden konnte, verhindert. Coface erwartet, dass die durchschnittliche BIP-Wachstumsrate in Lateinamerika im Jahr 2021 bei 5,2% liegen wird – im Vergleich zu den Raten in den USA und China, die im selben Zeitraum um 6,5% bzw. 7,5% steigen sollten.

Immerhin, der in diesem Jahr zu beobachtende Anstieg der internationalen Rohstoffpreise gibt der Region als wichtigem Nettoexporteur Rückenwind. So übertrafen die Durchschnittspreise für Eisenerz, Kupfer und Sojabohnen zwischen Januar und Ende September 2021 allesamt ihre bisherigen jährlichen Höchststände. Die starke chinesische Nachfrage und die derzeitigen diplomatischen Spannungen zwischen China und Australien, dem größten Eisenerzproduzenten der Welt, haben zu diesem Anstieg beigetragen. Für Brasilien, den zweitgrößten Eisenerzproduzenten der Welt, verheißt diese Konstellation Gutes. Bei Kupfer kommt das aktuelle Preisniveau (4% über dem Rekordwert von 2011) Chile und Peru zugute, den beiden weltweit größten Produzenten. In der Landwirtschaft profitieren vor allem Brasilien und Argentinien von den Rekordpreisen.

China dürfte seine Rolle als wichtigster „Empfänger“ südamerikanischer Exporte im Vergleich zu den USA behalten. Der Einzug von Präsident Biden ins Weiße Haus hat zwar die harte Anti-Handelsrhetorik der USA abgemildert, die während Trumps Amtszeit zu hören war – doch ist es unwahrscheinlich, dass Biden seinen außenpolitischen Schwerpunkt auf eine Vertiefung der Handelsbeziehungen oder neue Handelsabkommen mit Lateinamerika legen wird. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich die neue US-Regierung auf die Bewältigung der derzeit starken Migrationsströme aus Guatemala, El Salvador und Honduras sowie auf die Umsetzung des USMCA-Freihandelsabkommens mit Mexiko und Kanada konzentrieren wird.

Mit Blick auf die Zukunft dürfte sich die Preisrallye bei einzelnen Rohstoffgruppen fortsetzen, da die globale Umweltagenda an Dynamik gewinnt und mehr Kupfer und Lithium benötigt werden, z.B. zum Bau von Batterien für Elektrofahrzeuge. Dieser Ausblick hellt die Aussichten für den Kupfermarkt auf, was Chile und Peru Rückenwind verleihen dürfte. Allerdings könnte das politische Umfeld in diesen beiden Ländern die Gewinne der dort ansässigen Bergbauunternehmen schmälern. Die derzeit hohen internationalen Preise und die starken sozialen Spannungen, die insbesondere durch die Covid-19-Krise ausgelöst wurden, haben dazu beigetragen, die Diskussion über die Erhöhung der Abgaben in beiden Ländern zu verstärken.

patricia.krause@coface.com

www.coface.de

Aktuelle Beiträge