Zehn Jahre nach dem dramatischen Ende der festen Währungsbindung an den US-Dollar und einem Forderungsausfall von rund 100 Mrd US$ steht Argentinien wieder auf einem relativ soliden wirtschaftlichen Fundament. Die Wirtschaft wächst, der Staatshaushalt ist weitgehend ausgeglichen, und die Leistungsbilanz verzeichnet Überschüsse. D&B stuft Forderungen gegen Argentinien in seinem jüngsten Länderreport jedoch noch als hohes Risiko (DB5b) ein, sieht aber einen deutlich positiven Trend.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

Die Niederlage der Kandidaten der regierenden „Frente para la Victoria“ (FPV) in den Wahlen zum Regionalparlament in Buenos Aires und Santa Fe (dem zweit- und dem drittwichtigsten Wahlkreis des Landes) im Juli haben die Aussichten der Opposition für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen am 23. Oktober 2011 erhöht. In den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl erreichte die amtierende Präsidentin Christina Fernandez de Kirchner am 14. August zwar mehr als 50% der Stimmen, doch sie blieb damit weit unter der noch wenige Wochen zuvor erwarteten Zustimmung. Im ersten Wahlgang der eigentlichen Präsidentschaftswahl würden ihr 40% der Stimmen und ein Abstand von 10 Prozentpunkten zum nächsten Kandidaten reichen. Doch die Opposition kann sich weiterhin Hoffnungen machen, die Kandidatin der Regierungsparteien in eine zweite Runde zu zwingen, bei der sie direkt gegen den stärksten Oppositionskandidaten antreten müsste. Einen Überraschungssieg der Opposition erwartet D&B jedoch nicht und rechnet mit einer erneuten Präsidentschaft Fernandez’.

Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit für eine Wiederwahl der amtierenden Präsidentin dürfte die politische Unsicherheit auf mittlere Sicht hoch bleiben. Fernandez’ Macht im Parteienbündnis FPV und in der nationalen Politik droht zu schwinden. Dagegen steigt der Einfluss einzelner Fraktionen, und die Haltung der Gewerkschaften gegenüber der Regierung verhärtet sich voraussichtlich. Dies dürfte nach Einschätzung von D&B bereits in den Parlamentswahlen zum Ausdruck kommen, wenn die Opposition eine beachtliche Zahl von Wahlkreisen gewinnen sollte. Die wirtschaftsferne Politik der Präsidentin schwächt derweil das Geschäftsumfeld in Argentinien. D&B erwartet sogar eine Zunahme der staatlichen Einflussnahme auf die Wirtschaft. Die regelmäßigen Konflikte um Importbeschränkungen mit dem wichtigsten Handelspartner Brasilien sind ein weiterer Ausdruck der Instabilität der geschäftlichen Rahmenbedingungen.

Die positive Seite der argentinischen Wirtschaft sind die hohe Binnennachfrage und das günstige außenwirtschaftliche Umfeld, die das Wirtschaftswachstum unterstützen und die Geschäftsentwicklung begünstigen. Dadurch verringern sich auch die Kreditrisiken. Allerdings könnte die hohe Inflationsrate auf mittlere Sicht die Kaufkraft der Verbraucher aushöhlen und die Investitionsneigung verringern. Die Kombination von hohen Inflationsraten und einer geringeren Abwertung des Peso hat die außenwirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Argentiniens verschlechtert. Mit der Fortsetzung der expansiven Fiskalpolitik (ohne Zugang zum internationalen Kapitalmarkt) droht nach Einschätzung von D&B eine stärkere Abwertung der Landeswährung im kommenden Jahr.

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