Die Atombehörde IAEA hat festgestellt, dass der Iran sein Urananreicherungsprogramm so beschränkt hat, wie es im Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) festgelegt wurde. Durch die Freisetzung von Kapital, das zuvor durch Bestimmungen der USA, EU und UN eingefroren war, läutet der Tag der Umsetzung des Atomabkommens eine positive Zukunft für die iranische Wirtschaft ein – der IWF schätzt, dass die iranischen Wirtschaft im auf die Aufhebung der Sanktionen folgenden Jahr um 5% wachsen könnte.

Von Henry Balani, Global Head of Innovations, Accuity

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Außenminister Frank-Walter Steinmeier begrüßte das „historische“ Abkommen mit dem Iran und sieht günstige Gelegenheiten für die deutsche Wirtschaft. Vizekanzler Sigmar Gabriel, Minister für Wirtschaft und Energie, bezeichnete es als eine „Möglichkeit, ein neues Kapitel in den deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen aufzuschlagen“. Der Iran stellt für deutsche Exporteure einen bedeutenden Markt dar, insbesondere in den Sektoren Produktion und Infrastruktur. Laut Delta Economics finden sich die größten Exportmöglichkeiten in den Bereichen Pharma, Petrochemie, Maschinenbau und medizinische Geräte.

Diese Gelegenheiten gehen Hand in Hand mit wesentlichen Herausforderungen, insbesondere im internationalen Bankgeschäft. Eine der wesentlichsten Folgen der Sanktionen war die Kappung der Verbindungen zu SWIFT, welche iranische Banken daran hinderte, direkte Zahlungen an die internationale Bankengemeinschaft anzuweisen. Die iranische Regierung kann nun anstreben, SWIFT wieder beizutreten, wieder Zugang zu Zahlungsnachrichtenservices zu erhalten sowie die Beziehungen mit westlichen Banken wiederherzustellen – ein entscheidender Schritt zum Wiedereintritt in die globalen Märkte.

Eine vorsichtige Annäherung?

Die Fortschritte werden wahrscheinlich eher langsam erfolgen, denn laut FATF-(Financial Action Task Force)-Liste vom 23. Oktober 2015 bleibt der Iran weiterhin ein Hochrisikoland. Dies treibt unvermeidbar die Finanzierungskosten bei Geschäften mit iranischen Handelspartnern nach oben, und Unternehmen, die im Iran investieren möchten, müssen abwägen, ob das Risiko und die damit verbundenen Kosten die Gegenleistungen wert sind.
Vielen europäischen Unternehmen wurden von US-Behörden Bußgelder wegen „Wire Stripping“ auferlegt – sie verschleierten absichtlich den Ursprung der Zahlungsnachricht durch Entfernung der Bezugnahme auf iranische Personen oder Firmen, wenn Geschäfte das US-Bankensystem durchliefen. Bis heute wurden über 20 Banken für diese Praktiken bestraft, wobei die Rekordstrafe in Höhe von 8,9 Mrd USD im vergangenen Jahr gegen die BNP Paribas verhängt wurde. Im Jahr 2014 wurde eine Strafe über 258 Mio USD gegen die Deutsche Bank, wegen Verschleierung von Geschäften im Wert von über 10,86 Mio USD, um US-Sanktionen zu vermeiden, verhängt. Vor diesem Hintergrund werden Banken aus dem Westen bei der Wiederherstellung der Verbindungen mit dem Iran sehr vorsichtig vorgehen.

Wirtschaftswachstum – auf der Kriechspur

Die begrenzte Bankeninfrastruktur des Irans ist ein weiterer bremsender Faktor des Integrationstempos. Mit den Sanktionen, die auf die Besetzung der US-Botschaft in Teheran im Jahr 1979 folgten, wurde es immer schwieriger für den Iran, in wesentliche Sektoren der eigenen Wirtschaft zu investieren und diese weiterzuentwickeln. In der Luftfahrt erlaubten westliche Regierungen den Verkauf von Ersatzteilen und damit verbundene Dienstleistungen, um die Sicherheit des kommerziellen Luftfahrtsektors zu gewährleisten. Banken hingegen hatten große Schwierigkeiten, mit internationalen Normen mitzuhalten, und waren nicht in der Lage, in Technologie und Prozesse zu investieren, um ihren Kunden effiziente Bankdienstleistungen zu bieten.

Vor dem Wiedereintritt in die internationale Bankengemeinschaft müssen iranische Banken nachweisen können, dass sie die weltweiten Richtlinien zur Geldwäschebekämpfung (anti-money laundering – AML) und die Normen über die Kundenidentifizierung (Know Your Customer – KYC) einhalten, welche wesentliche Validierungs- und Authentifizierungsstufen verlangen. Ebenso müssen die durchgeführten Checks auditierbar sein. Dies könnte iranischen Banken wesentliche Vorabinvestitionen abverlangen, um internationale Normen zu erfüllen.

Iranische Banken arbeiten zudem nach den Scharia-Grundsätzen entsprechend den islamischen Gesetzen, welche Zinselemente (riba) und Spekulation (gharar) verbieten. Iranische Banken werden eng mit ihren westlichen Partnern zusammenarbeiten müssen, um Lösungen zu finden, wo die Scharia-Grundsätze mit den verbreiteten Marktpraktiken nicht kompatibel sind, zum Beispiel bei Syndizierungen mit Schuldenfinanzierung, die sich seit der ersten Verhängung der Sanktionen erheblich weiterentwickelt haben.

Die Stärkung der Kapitalmärkte wird entscheidend sein, um zu gewährleisten, dass die Chancen aus der Umsetzung des Atomabkommens erfolgreich in Wachstum umgewandelt werden. Typischerweise wirken Banken als Wachstumsmotor und sind am besten in der Lage, ihre Kunden zu unterstützen, wenn sie starke Bilanzen, angemessene Kapitalrücklagen und wenige notleidende Kredite in ihrem Bestand haben.

Nach der islamischen Revolution verabschiedete der Iran 1982 das Gesetz über die Verstaatlichung der Banken, welches die Anzahl an Banken auf neun reduzierte. 2011 waren 80% des iranischen Vermögens in der Hand von staatlichen Einrichtungen. Gemäß dem „General Inspection Office“ des Irans hatten iranische Banken im Oktober 2009 notleidende Kredite in Höhe von 38 Mrd USD gegenüber einer Kapitalausstattung von 20 Mrd USD. Ohne angemessene Verfahren und Kontrollen im iranischen Bankensektor bedeuten diese ungesunden Zahlen eine erhebliche Einschränkung des Wirtschaftswachstums im Iran.

Noch im Jahr 2005 war Deutschland mit Exporten von über 5 Mrd EUR einer der wichtigsten Handelspartner des Irans. In seiner Rede nach Ankündigung des Abkommens hob Volker Treier, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), die Notwendigkeit des Handels hervor und kommentierte, „deutsche Unternehmen haben in den vergangenen Jahren wichtige Marktanteile im Iran verloren“, erkannte aber an, dass „die Wiederbelebung der deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen und insbesondere der Finanzbeziehungen ein langfristiger Prozess ist“.

Was steht Banken aus dem Westen als Nächstes bevor?

Während der Iran wieder in die Weltgemeinschaft eintritt und die Herstellung von internationalen Handelsverbindungen anstrebt, müssen westliche Banken, die daran interessiert sind, diese Gelegenheiten auszunutzen, auch die damit verbundenen Herausforderungen und Risiken berücksichtigen.

Im Allgemeinen gilt, dass kleinere Unternehmen mit weniger Verbindungen zu den USA gegenüber größeren Unternehmen im Vorteil sind. Börsennotierte multinationale Unternehmen sind an die Vorschriften des US-Office of Foreign Assets Control (OFAC) gebunden, während Inlandsbanken, wenn es um die Finanzierung von Exporten geht, aufgrund ihres Fokus auf den deutschen Markt und des relativ begrenzten Kontakts zu US-Partnerbanken gegenüber globalen Instituten einen Vorteil haben könnten.

Während das Businessmodell und die Risikofreudigkeit eines jeden Finanzinstituts variieren, gibt es drei praktische Grundschritte für Firmen jeder Größe, die dabei helfen, die maßgeblichen Problemstellungen bei der Wiederherstellung von Partnerbankbeziehungen zu identifizieren und anzugehen.

1. Prüfen Sie den rechtlichen Rahmen, auf dem Ihr Complianceprogramm zur Geldwäschebekämpfung beruht: Sanktionierte Unternehmen unterscheiden sich nach Regionen – so haben die USA Beschränkungen für ungefähr 500 Unternehmen in Verbindung mit dem Iran aufgehoben gegenüber 560 in Europa. Diese Unternehmen stimmen nicht alle überein, daher ist es entscheidend, die jeweilige Gerichtsbarkeit zu überprüfen, um unbeabsichtigte Rechtsverletzungen zu vermeiden.

2. Stellen Sie sicher, dass Ihr AML-Screeningfilter auf dem neuesten Stand ist: Statt eine länderbasierte Screening-methode anzuwenden, werden Banken einzelne Individuen prüfen müssen. Zum Beispiel sollten Banken nun prüfen, ob ein iranisches Unternehmen noch immer sanktioniert wird, anstatt alle Transaktionen mit Bezugnahme auf den Iran zu blockieren. Das bedeutet, dass die notwendigen Filter und Identifizierungssignale richtig eingestellt werden müssen.

3. Seien Sie darauf vorbereitet, häufiger Checks durchführen zu müssen: Mit der Änderung des geopolitischen Klimas und neuen Rollen der handelnden Parteien wird es nach wie vor Modifikationen im iranischen Sanktionsprogramm geben. Das Beibehalten von häufigen Checks – oder idealerweise der Einsatz eines ereignisgesteuerten Compliancemodells – wird dabei helfen zu gewährleisten, dass Risiken entsprechend der erklärten Risikoneigung gehandhabt werden.

Kontakt: raimund.kaufmann@accuity.com, Telefon: 069/2475689101

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