Auf der Suche nach Lichtblicken in der südeuropäischen Industrie zeigen sich in der Chemie deutliche Erholungszeichen. Das ergab der aktuelle MarktMonitor von Atradius, der regelmäßig die wirtschaftliche Entwicklung, das Zahlungsverhalten und die Insolvenzentwicklung von Branchen in verschiedenen Ländern untersucht – diesmal für die Chemie- und Pharmabranche. Atradius schätzt die Aussichten der Chemiebranche in Italien positiv ein, für Spanien zeichnet sich eine durchschnittliche Entwicklung ab.

Von Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa, Atradius Kreditversicherung

Nach Angaben des Verbands der spanischen Chemieindustrie FEIQUE verzeichnete die spanische Chemiebranche 2013 moderate Umsatzzuwächse von 1,4%. Im laufenden Jahr soll der Umsatz Prognosen zufolge um 3,5% auf knapp 58 Mrd EUR steigen. Damit wird er 54% über dem Niveau von 2000 liegen. Angesichts der immer noch gedämpften Nachfrage am heimischen Markt geht dieses Wachstum im Wesentlichen vom Export aus. Die stark exportorientierte spanische Chemie-industrie konnte die Ausfuhren 2013 um 4,9% steigern und wird im laufenden Jahr voraussichtlich nochmals ein Plus von 5,8% erzielen. Dabei arbeiten die Unternehmen aufgrund der hohen Rohstoffpreise und des zunehmenden internationalen Wettbewerbs mit äußerst schmalen Margen.

Anders als die Chemieunternehmen befinden sich die Arzneimittelhersteller noch in der Krise. Laut dem Branchen­verband FARMAINDUSTRIA gingen die Arzneimittelausgaben im öffentlichen Gesundheitssystem 2013 gegenüber dem Vorjahr um 6% oder 588 Mio EUR zurück. Damit sank der Wert der Arzneimittelverschreibungen im öffentlichen Gesundheitssystem im Zeitraum 2009 bis 2013 um insgesamt 27%. Der Umsatz von verschreibungspflichtigen Medikamenten ging um 8% zurück, und die Durchschnittsausgaben pro Rezept sanken um 20%. Die Pharmaindustrie leidet nach wie vor unter erheblichen Zahlungsverzögerungen auf Seiten der öffentlichen Hand und unter den Einsparmaßnahmen im nationalen Gesundheitssystem.

Das Zahlungsverhalten in der Chemie­branche ist je nach Unternehmensgröße, Geschäftsfeld und Region unterschiedlich. Rechnungen werden in der spanischen Chemiebranche im Durchschnitt innerhalb von 60 Tagen beglichen. Da mehr als die Hälfte der spanischen Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen Zahlungsziele von mehr als 75 Tagen in Anspruch nimmt, ist das Zahlungsverhalten in der Chemiebranche noch als überdurchschnittlich gut zu bewerten.

Im vergangenen Jahr und im ersten Quartal 2014 haben unsere Risikoexperten keine Zunahme der uns gemeldeten Zahlungsausfälle und der daraus resultierenden Schadenfälle festgestellt. Vielmehr verbessert sich das Zahlungsverhalten in allen Teilsektoren der Branche allmählich. Die Insolvenzen werden laut Atradius-Prognose 2014 voraussichtlich zurückgehen. Aufgrund ihrer starken Exportorientierung ist die spanische Chemiebranche nur in geringem Maße vom heimischen Markt abhängig.

Die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre ließ auch die italienische Chemieindustrie nicht unberührt. Doch dank eines Strukturwandels, der schon weit vor der Wirtschaftskrise eingesetzt hatte, kam die Branche relativ glimpflich davon. Die italienischen Chemieunternehmen zeichnen sich im europäischen Vergleich durch eine hohe Forschungs- und Entwicklungsaktivität aus. Die meisten von ihnen sind exportorientiert, und die großen Branchenvertreter werden infolge der Internationalisierung der Produktion vom heimischen Markt immer unabhängiger.

Das Exportwachstum der italienischen Chemiebranche wurde 2013 durch die geringe weltweite Nachfrage und die Wirtschaftskrise in den Ländern Europas gedämpft, an die 60% der italienischen Chemieexporte geliefert werden. Der Anstieg des Exportvolumens um 0,8% und des Exportwerts um 0,3% konnte den Nachfragerückgang am heimischen Markt von 3,6% nur zum Teil ausgleichen. Der Produktionsrückgang lag entsprechend bei 2,2%.

Nachdem die italienische Wirtschaft 2013 um 1,8% geschrumpft ist, wird 2014 wieder mit einem Wachstum von 0,6% gerechnet. Angesichts der Erholung, die sich in diesem Jahr in der gesamten Euro-Zone abzeichnet, wird die italienische Chemieproduktion vor allem aufgrund der zunehmenden Auslandsnachfrage voraussichtlich um 1,6% steigen. Die Energiekosten liegen in Italien 30% über dem europäischen Durchschnitt und gehören damit zu den höchsten in der Euro-Zone. Für 2014 werden jedoch Preisrückgänge erwartet, die auch der heimischen Chemieindustrie zugutekommen würden.

Die Pharmaunternehmen schrieben 2013 positive Zahlen, auch weil der Export, der einen Anteil von 64% am Gesamtumsatz hatte, um 14% anstieg. Der heimische Markt befindet sich zurzeit auf Erholungskurs. Die Zahlungsverzögerungen gingen in der italienischen Chemieindustrie im vierten Quartal 2013 im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum geringfügig zurück. Für 2014 wird mit einer stabilen Entwicklung gerechnet. Eine nennenswerte Zunahme der Zahlungsausfälle ist in der Chemie- und Pharmabranche nicht zu erwarten. Von allen Wirtschaftszweigen des Landes hatte sie wie schon im Vorjahr auch 2013 die verhältnismäßig wenigsten Wechselproteste zu verzeichnen.

Das Exportgeschäft bleibt auch 2014 der wichtigste Wachstumsmotor, während die Binnennachfrage nach chemischen Erzeugnissen, insbesondere aus den stark gebeutelten Industriezweigen Bau-, Möbel-, Textil- und Lederindustrie, deutlich geringer ausfallen wird. Gerade Lieferanten, die in hohem Maße von diesen Branchen abhängig sind, werden wie schon im Vorjahr darunter leiden. Gleiches gilt für den privaten Konsum: Die Hersteller von Haushaltschemikalien wie Seifen und Reinigungsmitteln werden nach drei rückläufigen Jahren 2014 erstmals wieder geringfügige Zuwächse ­verzeichnen können. Die Pharmaunternehmen werden sich dagegen besser als der Branchendurchschnitt entwickeln, was im Wesentlichen auf die relativ unelastische Marktnachfrage zurückzuführen ist.

Im Jahr 2013 stieg die Zahl der Insolvenzen in der Chemie- und Pharmabranche geringfügig an, wobei die Insolvenzrate immer noch unter dem Durchschnitt der italienischen Wirtschaft lag (2013 +10%). In der italienischen Wirtschaft rechnen wir für 2014 mit einem Anstieg der Firmen­insolvenzen von 5% im Jahresvergleich und in der Chemiebranche mit einer Stagnation.

Der aktuelle MarktMonitor zur Chemie- und Pharmabranche sowie weitere ­Wirtschaftstrends zu Ländern und ­Branchen stehen unter www.atradius.de im Menüpunkt ­Publikationen zum ­kostenlosen Download bereit.

Kontakt: thomas.langen[at]atradius.com

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