Vor dem Hintergrund verschärfter Bankenregulierung wird es für mittelständische Unternehmen zunehmend schwierig, Kredite zu bekommen. Bankunabhängige Finanzierungsinstrumente wie z.B. Finetrading gewinnen auch im internationalen Handel an Bedeutung. Dirk Oliver Haller, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Finetrading AG, erläutert uns die Vorzüge dieser Finanzierungsform.

Interview mit Dirk Oliver Haller, Vorstandsvorsitzender, Deutsche Finetrading AG

Herr Haller, Ihr Unternehmen bietet mit Finetrading ein innovatives Finanzierungsinstrument im internationalen Handel an. Was genau ist Finetrading?

Finetrading bietet insbesondere bei der Exportfinanzierung von Investitions- und Verbrauchsgütern vielfältige Vorzüge. Der Finetrading-Anbieter fungiert als Intermediär zwischen Lieferant und Abnehmer, indem er die Waren vom Lieferanten erwirbt und sie direkt an den Abnehmer veräußert. Während der Lieferant vom Finetrader sofort sein Geld erhält, wird dem Abnehmer ein Zahlungsziel gewährt, das bei Verbrauchsgütern bis zu sechs Monate und bei Investitionsgütern bis zu zwölf Monate betragen kann. Abgeschlossen wird der Vertrag zwischen dem Finetrader und dem Abnehmer.

Was ist der Unterschied zum Factoring?

Anders als beim Factoring erwirbt der Finetrader nicht eine Forderung, sondern hat den Status eines Zwischenhändlers. Ein weiterer Unterschied zum Factoring: Finetrading-Verträge können sich auch auf einzelne Geschäfte beziehen, so dass das Unternehmen die Wahl hat, ob es bei einem Auslandsgeschäft mit ein und demselben Kunden einen Finetrading-Anbieter einschalten möchte oder nicht. So kann beispielsweise der Exportverkauf einer hochwertigen Maschine über Fine­trading finanziert und abgesichert werden, während die Lieferung preisgünstigerer Ersatzteile auf klassische Weise gegen Rechnung erfolgt. Die beim Finetrading anfallenden Kosten wie die Einrichtungsgebühr sowie die Stundungsgebühren für die Vorfinanzierung der Forderung können in Abhängigkeit von Art und Volumen des Geschäfts unterschiedlich ausfallen und werden individuell vereinbart. Dabei handelt es sich in buchhalterischer Hinsicht nicht um Zinsen, sondern um Nebenkosten des Handelsgeschäfts, die in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung ausgewiesen werden.

Der Einsatz von Finetrading kann also individuell auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten werden?

Je nach Charakter der Geschäfte können Finetrading-Verträge auf Projektbasis oder in Form eines Rahmenvertrags abgeschlossen werden. Beim Export von Investitionsgütern bietet sich in aller Regel der auf das einzelne Geschäft bezogene individuelle Vertrag an. Rahmenverträge sind hingegen oft beim Geschäft mit Verbrauchsgütern oder Rohstoffen zu finden. So können beispielsweise Lebensmittelhersteller die Preisschwankungen am Agrarmarkt nutzen, um in günstigen Phasen größere Mengen auf Vorrat zu ordern und diese – ähnlich wie beim Kontokorrentrahmen einer Bank – über eine Rahmenvereinbarung per Finetrading vorzufinanzieren.

Was sind die wichtigsten Vorzüge von Finetrading gegenüber anderen Finanzierungsformen?

Aus Sicht des exportierenden Lieferanten bietet Finetrading zunächst eine sehr effektive Risikominimierung. Gerade im Auslandsgeschäft ist es meist schwierig, ausstehende Forderungen einzutreiben, wenn der Kunde nicht bezahlen kann oder will. Aus diesem Grund stoßen Mittelständler häufig auf Schwierigkeiten, wenn es darum geht, größere Exportaufträge mit klassischen Überbrückungskrediten vorzufinanzieren. Mit Finetrading lässt sich dieser Risikofaktor ausschalten, weil der Finetrading-Anbieter die Rechnung sofort begleicht. Damit fallen für den Lieferanten die Bonitätsrisiken weg, und es muss kein Zahlungsziel vorfinanziert werden.

Für mittelständische Unternehmen kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Der Unterhalt länderspezifischer Exportabteilungen ist in aller Regel aufgrund der überschaubaren Umsatzanteile mit unverhältnismäßig hohen Kosten verbunden. Damit ist es für viele Betriebe schwierig, sich für jedes Land das entsprechende Know-how für die Risikoreduzierung im Exportgeschäft anzueignen – vor allem dann, wenn ein neuer Auftrag aus einem Staat kommt, der bislang nicht beliefert worden ist. Hier bietet das Einschalten eines Finetrading-Anbieters eine elegante Möglichkeit, praktisch die komplette Exportexpertise auszulagern. Weil sich das Finetrading-Unternehmen um die Bonitätsprüfung des Abnehmers und die Absicherung der Forderung kümmert, kann der Exporteur in dieser Hinsicht auf eigene Recherchen ebenso verzichten wie auf riskante Blindflüge über unbekanntem Gelände.

Welche Vorteile ergeben sich aus betriebswirtschaftlicher Sicht?

Finetrading wirkt sich positiv auf die Liquidität des Unternehmens aus. Der Umsatzerlös steht ohne Verzögerung zur Verfügung und kann wieder für Investitionen, Gehaltszahlungen und Einkauf verwendet werden. In der Bilanz werden offene Forderungen in Sichteinlagen umgewandelt, was sowohl die Struktur des Unternehmensvermögens wie auch den Cashflow erheblich verbessert. Dies kann sich in vielen Fällen auch positiv auf das Rating auswirken, mit dem die Hausbank die Kreditwürdigkeit des Kunden in unterschiedliche Risikokategorien einsortiert. Im Idealfall führt ein verbessertes Rating dazu, dass das Unternehmen bei der Kreditaufnahme günstigere Konditionen erhält. Weil für Finetrading keine Sicherheiten gestellt werden müssen, können Pfandrechte wie Grundschuld oder Sicherungsübereignung für adäquate Finanzierungsvorhaben verwendet und müssen nicht bei der Finanzierung von offenen Forderungen eingesetzt werden.

Was sind die Vorzüge aus der Sicht eines importierenden Unternehmens?

Während der Lieferant beim Finetrading den schnellen Liquiditätszufluss und die Risikominimierung als Pluspunkte verbuchen kann, profitiert auf der anderen Seite der Abnehmer davon, dass er als Kunde das individuell vereinbarte Zahlungsziel in Anspruch nehmen kann. Damit verlagert er die Einkaufsfinanzierung vom Kontokorrent- auf den Lieferantenkredit und kann damit sein Bankkonto entlasten. Zusätzliche Einsparungen lassen sich mit der Nutzung von Skontofristen realisieren.

Für inländische Produktions- und Handelsunternehmen eröffnet dies die Möglichkeit, beim Erwerb von saisonalen Artikeln oder beim Rohstoffeinkauf günstige Marktphasen zu nutzen und größere Mengen auf Vorrat zu ordern. So kann ein Großhändler Gartenmöbel bereits im Winter importieren, um mit einem gut gefüllten Warenlager für den ­Verkaufsstart im Frühjahr gerüstet zu sein. Das Zahlungsziel lässt sich dann so gestalten, dass die Zahlung erst erfolgt, wenn sie bereits mit den ersten Umsatzerlösen gegenfinanziert werden kann. Auch in Phasen starken Wachstums bietet es sich an, den steigenden Einkaufs- und Investitionsbedarf auf liquiditätsschonende Weise zu finanzieren.

Wie ist Finetrading in der Palette der möglichen Finanzierungsinstrumente einzuordnen?

Finetrading ist nicht nur eine flexible Finanzierungsinnovation, die als Ergänzung oder Alternative zu klassischen Ins­trumenten wie Bankfinanzierung oder Factoring eingesetzt werden kann. Dahinter steht auch ein grundlegend anderer Ansatz als bei den herkömmlichen Modellen: Finetrading verkörpert im Kern weder eine Finanzdienstleistung noch eine Kreditvergabe, sondern ein echtes Handelsgeschäft.

Welche Branchen nutzen Finetrading heutzutage, und wo sehen Sie das größte Wachstumspotential?

Finetrading kann in allen Branchen eingesetzt werden, allerdings muss sich das zugrundeliegende Geschäft auf handelbare Produkte beziehen. Besonders in Ländern mit hohen Kreditzinsen, in denen sich die Banken stark in Zurückhaltung üben, wird das Finetrading zukünftig eine immer größere Rolle spielen. Außerdem sind Finetrading-Geschäfte immer besonders interessant für „komplizierte“ Produkte, also z.B. für verderbliche Waren und schwer sicherbare Waren, da konventionelle Banken die damit verbundenen Risiken ungern eingehen.

Kontakt: info[at]dft-ag.de

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