Frankreich bleibt das Land mit der höchsten Insolvenzrate in Westeuropa. Trotz wirtschaftlicher Erholung werden für dieses Jahr immer noch mehr als 51.000 Firmenpleiten in Deutschlands größtem europäischen Exportmarkt prognostiziert – so viele wie unmittelbar vor der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Das geht aus dem aktuellen Country Report Western Europe von Atradius hervor.

Beitrag in der Gesamtausgabe

Die Insolvenzenzahlen in Frankreich haben nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 lange Zeit auf hohem Level stagniert. Zwar hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Anzahl der Firmenpleiten wieder verringert. Das Risiko für Exporteure, bei Geschäften mit französischen Unternehmen einen Zahlungsausfall zu erleiden, ist jedoch nach wie vor vergleichsweise hoch. Das gilt insbesondere für Geschäfte mit kleineren Abnehmern.

Hintergrund: Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise trat die französische Wirtschaft mehrere Jahre auf der Stelle. Erst 2017 zog die Konjunktur wieder spürbar an. Für 2018 wird eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 1,9% erwartet. Die Prognose wird unterstützt durch mehr Exporte, Steuersenkungen sowie bessere Stimmung unter französischen Konsumenten und Unternehmen. Dies führt zwar zu einem Rückgang der Insolvenzen in nahezu allen Branchen, allerdings bewegt sich die Zahl der Konkurse immer noch auf einem hohen Niveau.

Frankreich führt die Negativtabelle an

Mit seiner hohen Insolvenzrate birgt Frankreich – trotz der spürbaren wirtschaftlichen Verbesserung – weiterhin Risiken für Lieferanten und Dienstleister, unter anderem wegen der hohen Unternehmensschulden und der großen Zahl an neugegründeten und kleinen Firmen. Auf Letztgenannte entfallen rund neun von zehn Insolvenzen. Etwa zwei Drittel der Beschäftigten in Frankreich sind in kleinen und mittelständischen Unternehmen tätig. Das zeigt die Brisanz der Prognose auch für die französischen Unternehmen.

Für weitere Unsicherheit sorgt die Zinspolitik in der EU. Sollte die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöhen, könnten sich Zahlungsverzögerungen und -ausfälle häufen. Aus Sicht von Atradius sind derzeit die französische Agrar- und Lebensmittelbranche am riskantesten, unter anderem aufgrund volatiler Rohstoffpreise. Daneben besteht bei Abnehmern aus dem Textil- und Papierbereich eine hohe Ausfallgefahr. Unter anderem aufgrund sinkender Margen könnten zudem im Baubereich die Insolvenzen wieder zunehmen.

Insgesamt zeigt der aktuelle Country Report Western Europe des internationalen Kreditversicherers Atradius einen rückläufigen Trend. In der Analyse haben die Underwriter des internationalen Kreditversicherers die derzeitige wirtschaftliche Situation von Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, den Niederlanden, Spanien, Schweden, der Schweiz und Großbritannien untersucht. Die Entspannung bei den Insolvenzen gilt jedoch nicht für alle Volkswirtschaften in der Europäischen Union. So wird für Dänemark und Großbritannien ein Anstieg bei den Firmenkonkursen befürchtet.

Die Folgen des Brexits zeigen sich erneut in der Insolvenzprognose

Für Großbritannien wird – nach Frankreich und Deutschland – die dritthöchste Insolvenzrate im laufenden Jahr in Westeuropa erwartet. Ursache hierfür ist der angekündigte Ausstieg aus der EU. Wie bereits im Vorfeld prognostiziert wurde, wirken sich die Unsicherheiten nach der Brexit-Entscheidung anhaltend auf die nationale Wirtschaft aus. In Großbritannien ist ein Konjunktureinbruch nach der Brexit-Entscheidung zwar ausgeblieben. Die Konsum- und die Investitionsstimmung sind in der Folge des Votums im Juni 2016 bei den Briten allerdings weiter gedämpft. Darüber hinaus kühlt sich der Wohnungsbau ab. Nach der Insolvenz des Baukonzerns Carillion könnten gehäuft finanzielle Engpässe bei kleineren Baufirmen auftreten. Neben den Branchen Bau und Baumaterialien weisen auch die Bereiche Metall, Stahl, Papier und Textilien erhöhte Risiken für Forderungsausfälle für Lieferanten auf.

Nach einem Anstieg der Insolvenzen 2017 um 3,8% dürften sie auch in diesem Jahr zulegen, der Atradius-Prognose zufolge um 4%. Mit voraussichtlich 15.800 Firmenpleiten hat das Land damit wieder Vorkrisenniveau erreicht.

Auch die Dänen bekommen den Brexit zu spüren

Für die dänischen Unternehmen ist das Vereinigte Königreich einer der größten Außenhandelspartner insgesamt. Die Unsicherheiten von Großbritannien wirken sich daher auch auf die dänische Wirtschaft aus. Als viertgrößter Außenhandelspartner ist das Land stark von der ökonomischen Entwicklung der Briten abhängig.

Dänemarks Insolvenzrate steigt mit über 2.300 prognostizierten Firmenpleiten in diesem Jahr um 2% an. Konjunkturell zeigt sich das Land zwar robust, zum einen dank einer soliden Inlandsnachfrage und zum anderen aufgrund des für 2018 zu erwartenden BIP-Wachstums von 2%. Die Verschuldung privater Haushalte ist jedoch mit durchschnittlich 240% des verfügbaren Einkommens weiterhin hoch. Eine restriktivere Kreditvergabe an Personen mit hohen Verbindlichkeiten soll nun – insbesondere im Raum Kopenhagen – einer Immobilienblase vorbeugen.

Allgemeiner Trend in Westeuropa wirkt auf den ersten Blick positiv

In den übrigen analysierten westeuropäischen Ländern gehen die Insolvenzzahlen insgesamt zurück. Nichtsdestotrotz bleiben zum Teil erhebliche Risiken für Zahlungsverzögerungen und -ausfälle für Lieferanten und Dienstleister bestehen. So werden in Italien in diesem Jahr voraussichtlich 75% mehr Firmen Insolvenz anmelden müssen als vor der Krise. In Spanien liegt der Prozentsatz bei mehr als 400%. Auch die Belgier melden im laufenden Jahr voraussichtlich mit 9.750 Fällen mehr Fälle an als noch 2008. Zudem haben wir vor kurzem außer in Deutschland in mehreren Ländern eine Zunahme der Großinsolvenzen beobachtet.

Vor diesem Hintergrund bleibt es für exportierende Unternehmen wichtig, dass sie ihre Forderungen auch in Phasen des konjunkturellen Aufschwungs durch eine Kreditversicherung schützen. Nur so können sie ihr Wachstum sicherstellen.

Der komplette Bericht kann kostenlos im Internet auf www.atradius.de im Menüpunkt Publikationen heruntergeladen werden.

thomas.langen@atradius.com

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