Es ist noch nicht lange her, da haben die negativen Schlagzeilen aus Dubai das Bild der Region bestimmt. Auch wenn die Krise um Dubai noch nicht vergessen ist und die Ungleichgewichte am Immobilienmarkt sicherlich noch für eine Weile bestehen bleiben ­werden, so waren in den vergangenen Wochen doch vermehrt positive Nachrichten zu hören. Ein genauer Blick auf die Region lohnt sich also.

Von Thomas Schröder, Abteilungsdirektor Strukturierte Außenhandelsfinanzierungen, BHF-BANK

Dubai hat sich als Markenname für die gesamte Golfregion fest etabliert. Der Name des Emirats steht zum einen für Gigantomanie und Bauruinen, aber auch für Handel, Tourismus, Logistik und vieles mehr. Der Immobiliengesellschaft Nakheel scheint eine Umschuldung der drückenden Kreditlasten zu gelingen, und die Fluggesellschaft Emirates Airline ist auf dem Sprung, die Lufthansa bei der Anzahl der Flugzeuge zu überholen.

Die Wachstumszentren der Region haben sich allerdings verlagert. So eröffnet das Königreich Saudi Arabien mit seinem Ölreichtum und seiner schnell wachsenden Bevölkerung von zurzeit 25 Millionen ein deutlich höheres Wachstumspotential als die Nachbarstaaten im Golfkooperationsrat (GCC). Insbesondere die Bautätigkeit eröffnet den deutschen Unternehmen eine Vielzahl von Liefermöglichkeiten: Baumaschinen und Baufahrzeuge aller Art, Ausrüstungen im Beleuchtungsbereich, Sanitär- und Installationsmaterial für Küche und Bad.
Eine Vision für Abu Dhabi 2030

Ein bisher noch weitgehend unbekannter Plan ist Abu Dhabi Economic Vision 2030. In seinem Zentrum steht die Khalifa Industrial Zone Abu Dhabi (KIZAD), die 2006 ins Leben gerufen wurde. Auf einem Areal von 417 qkm zwischen Abu Dhabi und Dubai soll ein Industriegelände geschaffen werden, das in Zukunft 15% der Einnahmen der Region generieren soll. 60 bis 80% der produzierten Güter sollen exportiert werden, 150.000 Menschen sollen dort Arbeit finden.

Nicht alle Pläne ergeben auf den ersten Blick einen Sinn, dennoch stehen viele Ideen im Zusammenhang mit Öl, Petrochemie und preiswerter Energie. Die Nähe zum Meer (Bau eines Tiefwasserhafens) und günstige Kostenstrukturen werden von KIZAD als komparative Kostenvorteile ins Feld geführt. Außerdem gilt die geographische Nähe zu den großen Märkten Indien und China/Fernost als Vorteil. Auch hier ist eine Motivation, ein weiteres Standbein – neben der Öl- und Gasindustrie – zu schaffen und somit Beschäftigungsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.

In den ausführlichen computeranimierten Zukunftsdarstellungen lassen sich einige bemerkenswerte Industriecluster ausmachen, die auch deutschen Lieferanten Geschäftsmöglichkeiten eröffnen:

  • Der Aluminium- und Stahlverbund soll über die reine Produktion hinaus auch Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung in höherwertige Produkte schaffen (für Transport, Verpackung, etc).
  • Der Bereich Öl/Gas und Chemie/ Petrochemie ist die für Abu Dhabi geeignetste Industrie. Die KIZAD hebt die Nähe zu „large scale petrochemical manufacturers“ hervor und betont die direkte Nähe zum geplanten Tiefseehafen Khalifa Port.
  • Ein besonderes Augenmerk wird auf den Cluster Lebensmittel gerichtet. Das hohe Bevölkerungswachstum in den VAE in Zusammenhang mit den steigenden Einkommen eröffnet überdurchschnittliche Wachstumschancen. Hier denkt man jedoch auch daran, die hohe Importquote bei Lebensmitteln deutlich zugunsten einer lokalen Produktion zu senken.
  • Im Zusammenhang mit der zunehmenden Bevölkerung sieht der Plan 2030 vor, die Ansiedlung einer lokalen Pharmaproduktion zu fördern.
  • Unter „mixed use and other industries“ finden sich Pläne, die konsequent an bestehende Industrien anknüpfen und diese ergänzen. Hier sind Ölfeldausrüster und Servicegesellschaften zu erwähnen, Produzenten von Baumaterial und Glas sowie Hochtechnologie, in die Abu Dhabi bereits große Beträge investiert hat.
  • Es überrascht ein wenig, in den Projektlisten auch den Bereich Papierproduktion zu finden. Die Idee ist, eine lokale Papierproduktion aufzubauen, um die notwendigen Vormaterialien für alle Printmedien sowie für die Verpackungsindustrie vor Ort selbst herzustellen.
  • Für einen Lagerhaus- und Logistikpark ist eine Fläche von 2,1 qkm vorgesehen, das Land dazu wird auf Basis von langfristigen Leasearrangements zur Verfügung gestellt.
  • Besonders erwähnenswert ist das Engagement des Emirats Abu Dhabi im Bereich der Mikroelektronik. Die staatseigene ATIC (Advanced Technology Investment Company) ist beispielsweise mehrheitlich an einem Auftragsfertiger der Halbleiterindustrie beteiligt, der unter anderem einen wichtigen Produktionsstandort in Dresden unterhält und weiter ausbaut. Von diesen Investments soll dann auch Abu Dhabi profitieren.

Das Zieljahr der „Abu Dhabi Economic Vision 2030“ macht deutlich, dass die Pläne langfristig angelegt und daher auch mit größeren Unsicherheiten behaftet sind. So ist unklar, ob die bereits existierenden Hafen-, Umschlag- und Logistik­fazilitäten in der Jebel Ali Free Zone von Dubai, nur eine halbe Autostunde entfernt, den neuen Vorhaben vollen Entwicklungsspielraum lassen.

Ungeachtet dessen lohnt sich ein genauerer Blick auf die konkreten Investitionsvorhaben der KIZAD. Der politische Wille von Sheikh Khalifa, dem Emir von Abu Dhabi, zu Aufbau und Förderung einer lokalen Industrie in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist einer der wichtigen Gründe dafür, dass sich auch deutsche Unternehmen für das Projekt inter­essieren sollten.

Auf der Homepage www.kizad.com finden sich weitere Informationen zu der geplanten Industriezone. Die BHF-BANK ist vor Ort mit einer Repräsentanz vertreten.

Kontakt: thomas.schroeder[at]bhf-bank.com

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