Seit Februar 2014 belasten die Krim-Annexion und die gegenwärtige Ukraine-Krise die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und der EU bzw. Deutschland. Es droht eine weitere Verschärfung der Sanktionen, und das Geschäftsumfeld in Russland ist mit zunehmender Unsicherheit behaftet. Stellen deutsche Unternehmen ihre Projekte in Russland zurück, oder gilt „Business as usual“? Sven-Boris Brunner, Managing Director, Militzer & Münch GmbH, erläutert uns seine Einschätzungen zur aktuellen Lage.

Interview mit Sven-Boris Brunner, Managing Director, Militzer & Münch GmbH, Deutschland

Herr Brunner, Sie sind seit vielen Jahren in Osteuropa unterwegs und haben bereits einige Turbulenzen im Russland-Geschäft erlebt. Wie wirkt sich aktuell die Ukraine-Krise auf Ihr Tagesgeschäft aus?

Wir sind besorgt, was die aktuelle Entwicklung betrifft, aber wir arbeiten weiter wie bislang. Positives kann ich berichten von der TransRussia 2014, der Leitmesse für Logistikwirtschaft, die vom 22. bis 25. April in Moskau stattfand. Die Messe war deutlich stärker frequentiert als 2013. Wir haben an unserem Stand eine Rekordzahl an Kontakten erzielt. Auf der Messe waren viele DAX- und internationale Bluechipkonzerne vertreten. Natürlich haben die Teilnehmer die Frage diskutiert, wie es politisch weitergeht, ob sich die Fronten zwischen Russland und der EU verhärten oder ob es zu einem Dialog kommen wird. Doch die vor Ort vertretenen Unternehmen haben sich unbeeindruckt von den Ereignissen auf die Fachthemen konzen­triert.

Wir haben als Logistiker den Rückgang der deutschen Exporte nach Russland gespürt (–13% im ersten Quartal laut offizieller Statistik). Dieser ist allerdings auf Wachstumsprobleme in Russland bereits vor Ausbruch der Ukraine-Krise zurückzuführen. Zudem sorgte die Abwertung des Rubel für eine rückläufige Nachfrage nach deutschen Produkten, die sich für die russischen Kunden verteuerten. In vielen Ländern der Region (Ukraine, Weißrussland, Kasachstan und Mongolei) haben die Währungen gegenüber dem Euro an Wert verloren, was die deutschen Exporte in die Region gebremst hat. Zudem stocken die Finanzierungen wegen der Russland-Sanktionen und der damit verbundenen höheren Risikoeinschätzung. Das gilt insbesondere für neue Projekte.

Wie stark sind Ihre Kunden von der aktuellen Lage beeindruckt?

Die großen Unternehmen haben eine langfristige Strategie und halten an ihrem Engagement am bedeutenden Investitionsmarkt Russland fest. Prestigeprojekte im Öl- und Gassektor werden fortgeführt. Jüngst wurde ein Frackingprojekt von einem europäischen Unternehmen in Russland auf den Weg gebracht. Wir arbeiten z.B. mit einem großen Pharmaunternehmen zusammen, das auch sein Investitionsprojekt (Bau eines Dialysewerks) in Russland weiter verfolgt.

Die KMUs sind dagegen stärker alarmiert. Sie strecken ihre Investitionsentscheidungen und nehmen eher eine abwartende Haltung ein. Ein Beispiel ist ein Hersteller von pflanzlichen Arzneimitteln, der im März seine Werkspläne in Russland auf Eis legte. Der Plan, eine lokale Produktion von Pflanzenarzneimitteln in Woronesch aufzubauen, wurde aufgeschoben.

Welche Entwicklung erwarten Sie mittelfristig?

Über 6.000 deutsche Unternehmen sind in Russland engagiert. Die meisten von ihnen dürften Durchhaltevermögen zeigen und ihr Engagement in Russland fortsetzen. Der Rückblick auf die erste Rubel-Krise zeigt: Auch damals hat die deutsche Industrie an ihren Projekten festgehalten und dann von dem sich anschließenden Boom mit zweistelligen Wachstumsraten profitiert.

Was macht das Russland-Geschäft ungeachtet der aktuellen Krise so attraktiv?

Russland ist ein enormer Absatzmarkt für hochwertige Produkte. Gerade der Maschinen- und Anlagenbau sowie erstklassige Produkte im Bereich Medizin, Pharmazie, Chemie und Technik sind dort sehr gefragt. Es gibt einen immensen Modernisierungsbedarf. Durch den schlecht ausgeprägten Mittelstand vor Ort ist Russland auch auf absehbare Zeit auf hochwertige Importe aus dem Ausland angewiesen. Darüber hinaus war in den vergangenen Jahren ein deutlicher Trend sichtbar, dass sich deutsche Firmen mit eigenen Produktionsstandorten in Russland ansiedeln. Der Trend geht klar in Richtung Lokalisierung und Veredelung vor Ort.

Wird sich der Trend zur Lokalisierung angesichts der aktuellen Entwicklung fortsetzen?

Die russische Seite forciert diese Entwicklung, denn die Industrie soll weiter ausgebaut werden. Man besteht z.B. auf einer Fertigungsvertiefung ausländischer OEMs. In der Vergangenheit hat man insbesondere den Automobilkonzernen steuerliche und zollrechtliche Sonderregelungen eingeräumt. Diese Sonderregelungen waren an bestimmte Vorgaben geknüpft, z.B. einen gewissen Anteil der Fertigungstiefe der Pkw in Russland abzubilden. Nicht nur im Zuge des WTO-Beitritts laufen diese Sonderregelungen endgültig aus, und die OEMs übten in den vergangenen Jahren zunehmend Druck auf Unterlieferanten aus, eigene Werke in Russland aufzubauen. Die russische Wirtschaft selber kann die geforderte Qualität und Quantität der Vorprodukte nicht sicherstellen.

Auch die Vergabe von öffentlichen Aufträgen wird zunehmend von einem bestimmten Eigenanteil der Fertigung vor Ort abhängig gemacht. Das ist die klare Strategie der russischen Regierung. Sie will versuchen, sich unabhängiger von Rohstoffexporten zu machen und eine eigene mittelständische produzierende Industrie aufzubauen, die Russlands Rohstoffe im Land veredelt.

Was bedeutet der Lokalisierungstrend für Sie als Logistiker?

Wir haben unser Dienstleistungsportfolio erweitert und bieten Firmen zusätz­liche Beratungsleistungen beim Markt­eintritt und beim Aufbau von eigenen Produktionsstandorten an. Die Beratung geht weit über Logistikfragen hinaus und ist inzwischen in einem eigenen Dienstleistungsbereich in unserem Haus angesiedelt.

Wie gehen Sie mit dem Thema Sank­tionen um?

Die gegenwärtigen Sanktionen (personenbezogene Listen) sind weiche Sanktionen. Ihre Auswirkungen sind nicht dramatisch, und die mit ihnen verbundene Complianceprüfung ist überschaubar. Wir haben ein automatisiertes Kon­trollsystem und checken standardmäßig mit unseren Kunden die Compliance mit den Sanktionen ab. Allerdings können die Sanktionen in bestimmten Bereichen bereits bewirken, dass Finanzierungen nicht zustande kommen. Einzelne Projekte wurden deswegen schon abgesagt. Sollten die USA und die EU die Russland-Sanktionen weiter verschärfen, wird die Lage deutlich komplexer, und die Exportwirtschaft dürfte spürbar beeinträchtigt werden.

Ein weiteres Thema beschäftigt die Exporteure, die Russland beliefern: Das Carnet-TIR-Verfahren droht ab dem 30. Juni 2014 nicht mehr für Warentransporte nach Russland zu gelten. Was sind die Gründe hierfür, und mit welchen Folgen ist zu rechnen?

Das Carnet-TIR-Verfahren dient dazu, die vorübergehende Einfuhr bzw. den Transit von Waren im Straßenverkehr zu vereinfachen. Es gilt seit Jahrzehnten auch in Russland, das Mitglied des internationalen Abkommens ist. Die Umsetzung des Abkommens wird durch die Russische Assoziation der Internationalen Spediteure (ASMAP) überwacht. Es gab jedoch in den vergangenen Jahren Unregelmäßigkeiten, die dazu führten, dass dem russischen Staat Zölle und Steuern in erheblicher Höhe entgangen sind. Die ASMAP hat angeblich gegenüber dem russischen Zoll erhebliche Schulden angehäuft. Sollte es in dem Streit zu keiner Lösung kommen, könnte das Verfahren ab dem 1. Juli 2014 ausgesetzt werden. In diesem Fall müsste der Transitverkehr anders abgesichert werden, z.B. durch nationale Zollgarantien. Dies dürfte insbesondere für Logistikunternehmen mit Niederlassungen in Russland gut darstellbar sein. Aber es ist damit zu rechnen, dass die Transportkosten steigen werden und die Abwicklung der Transportleistung aufwendiger wird und länger dauern könnte.

Kontakt: Sven-Boris.Brunner[at]mumnet.com

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