Noch in der jüngsten Vergangenheit verband der Westen mit Sri Lanka fast ausschließlich den verheerenden jahrzehntelangen ­Bürgerkrieg, in dem weite Teile des Landes zerstört wurden. Seit kurzem wandelt sich dieses Bild: Der Tourismus floriert, und die ­positive wirtschaftliche Entwicklung des Landes tritt verstärkt in den Vordergrund. Ein Bericht über die wachsende Attraktivität des Inselstaats und die Wiederentdeckung des Geschäftspotentials durch deutsche Unternehmen.

Von Dr. Manuel Probst, Senior Relationship Manager Asia, Abteilung Strukturierte Außenhandelsfinanzierung, BHF-BANK

Während Touristen aus aller Welt von den atemberaubenden Naturschönheiten und der jahrhundertealten Kultur angezogen werden, sind es für ausländische Unternehmen die mittlerweile stabilen politischen Verhältnisse und die erstarkende Wirtschaft, die die Attraktivität des Inselstaats ausmachen. Auch immer mehr deutsche Unternehmen entdecken das Geschäftspotential Sri Lankas.

Wohl kaum ein Land Asiens wurde in den vergangenen Jahrzehnten so sehr durch Bürgerkrieg geprägt wie Sri Lanka. Singhalesische Buddhisten (etwa 80% der Bevölkerung) und tamilische Hindus (ca. 10% der Bevölkerung) kämpften 26 Jahre lang gegeneinander. Die separatistisch orientierten Tamilen, die sich in der „Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE)“ organisierten, versuchten im Norden und Osten der Insel einen eigenen Staat zu errichten. Sogenannte „Black Tigers“ verübten eine große Anzahl von Selbstmordanschlägen. Die Armee ging landesweit mit aller Härte gegen die LTTE vor. Insgesamt starben während des Bürgerkriegs circa 100.000 Menschen, weite Teile der Infrastruktur des Landes wurden zerstört. Für deutsche Unternehmen war Sri Lanka deshalb lange Zeit kein leicht zugänglicher Markt. Zwar waren viele Firmen vor dem Krieg bereits erfolgreich in Sri Lanka aktiv, die meisten zogen sich jedoch wegen der andauernden Kämpfe sukzessive zurück.

Im Mai 2009 endete der Bürgerkrieg mit einem Sieg der Armee über die LTTE. Das Kriegsende konnte die ethnischen und sozialen Ursachen des Konflikts zwar nicht beseitigen, aber die Regierung um Präsident Mahinda Rajapaksa bemüht sich nun, das gesamte Land wirtschaftlich aufzubauen.

Da weite Teile der Infrastruktur im Krieg zerstört wurden, besteht ein großer Investitionsbedarf speziell in den Bereichen Verkehr, Energie- und Gesundheitsversorgung. Der Wiederaufbau der Infrastruktur und andere Investitionen haben schon jetzt zu einem enormen wirtschaftlichen Aufschwung und einer Aufbruchstimmung in der Bevölkerung geführt. Das Wirtschaftswachstum bewegte sich in den letzten fünf Jahren zwischen 6% und 8% und belief sich 2012 auf 6,4%. Es übersteigt damit nicht nur das anderer Entwicklungsländer, sondern auch das Indiens. Seit dem Höchststand von 22,3% im Jahr 2008 bewegte sich die Inflation laut Internationalem Währungsfonds zwischen 6,2% im Jahr 2009 und 7,6% im Jahr 2012. Dies ist für ein Land dieses Entwicklungsstands und Wirtschaftswachstums ein sehr akzeptabler Wert und zeugt von einer effektiven Geldpolitik seitens der Zentralbank Sri Lankas.

Weite Teile des Handels mit Indien werden über Sri Lanka abgewickelt. Besonders der Hafen von Colombo verhilft dem Land zu großer Bedeutung in Südasien. Der Hafen ist einer der wichtigsten Umschlagplätze und größter Tiefseehafen Südasiens. Gleichzeitig ist auffällig, dass die wirtschaftliche Erholung in Sri Lanka anhielt, während die gesamte indische Wirtschaft aufgrund mangelnder Investitionen besonders in die Infrastruktur, gepaart mit einem massiven Preisverfall für Kohle, Eisenerz und Stahl, ins Taumeln geriet.

Während die Sri-Lanka-Rupie im letzten Jahr einen Wertverlust von circa 5% gegenüber dem Euro erlitt, verlor die Währung Indiens im Vergleich fast 20% an Wert. Zusätzlich kann Sri Lanka einen deutlich effektiveren Verwaltungsapparat vorweisen und verfügt über lokal stark verwurzelte Unternehmen, meist Dienstleistungs- oder Industrieunternehmen mit langjähriger Geschäftstradition. Im Allgemeinen ist der Bildungsgrad der Bevölkerung sehr hoch, was auch die Alphabetisierungsquote von über 90% zeigt (in Indien beträgt sie circa 60%). Nicht zuletzt birgt der zunehmende Wohlstand der Bevölkerung ein interessantes Geschäftspotential für Unternehmen.

Die obengenannten positiven Entwicklungen laden deutsche Unternehmen und Banken dazu ein, sich dem sri-lankischen Markt wieder verstärkt zuzuwenden. Viele waren zwar bereits bis Anfang der Jahrtausendwende in Sri Lanka sehr aktiv, mussten sich jedoch aufgrund der politischen Situation in den darauffolgenden Jahren aus dem Markt zurückziehen.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs greifen nun viele Unternehmen alte Kontakte wieder auf und prüfen ihre Marktchancen. Beim Wiederaufbau des Landes arbeitet Sri Lanka derzeit noch vorwiegend mit indischen und chinesischen Unternehmen zusammen. Es zeigt jedoch vermehrtes Interesse an technologisch höherentwickelten Anlagen und Maschinen. Dadurch ergeben sich für deutsche Unternehmen viele Geschäftsmöglichkeiten. Vor allem im Bereich der Energie- und Wasserinfrastruktur, im Straßen- und Brückenbau, in der Entwicklung von Hafen- oder Krankenhausprojekten sowie in der Konsumgüterherstellung bieten sich Chancen. Erste deutsche Unternehmen verwirklichen bereits Projekte in Sri Lanka, andere stehen mit lokalen Unternehmen und staatlichen Stellen in Sri Lanka in Kontakt.

Kontakt: manuel.probst[at]bhf-bank.com

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