Unter den Staaten Südosteuropas bildet Ungarn mit seiner kritischen Haltung gegenüber der liberalen Politik westlicher EU-Staaten keine Ausnahme. Auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt das Land eine ähnliche Wachstumsdynamik wie andere Länder der Region.

Unter den Staaten Südosteuropas bildet Ungarn mit seiner kritischen Haltung gegenüber der liberalen Politik westlicher EU-Staaten keine Ausnahme. Auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung zeigt das Land eine ähnliche Wachstumsdynamik wie andere Länder der Region. Als international eng vernetzter Industriestandort ist Ungarn auf ein positives weltwirtschaftliches Umfeld angewiesen.

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Aus wirtschaftlicher Sicht weist Ungarn seit mehreren Jahren eine positive Entwicklung auf. 2017 wurde ein reales BIP-Wachstum von 4% erzielt, und das Jahr 2018 dürfte mit einem identischen Ergebnis enden. Die wichtigsten Wachstumstreiber sind die Inanspruchnahme von EU-Mitteln sowie der kontinuierliche Rückgang der Arbeitslosenquote (3,7% im Mai 2018). Beide Faktoren führen zu einem deutlichen Anstieg des verfügbaren Einkommens.

Wachstumshemmnisse trüben den Ausblick

Doch das positive Bild wird von mehreren Faktoren getrübt: Erstens haben alle Branchen mit einem erheblichen Mangel an Arbeitskräften zu kämpfen. Dies gilt besonders für das Baugewerbe. Dort sind die Preise in jüngerer Zeit stark angestiegen, liegen allerdings – relativ gesehen – noch unter dem Niveau von vor 2008. Der Arbeitskräftemangel treibt die Löhne in die Höhe und schadet Ungarns Wettbewerbsfähigkeit gegenüber seinen Nachbarstaaten.

Zweitens bildet die mögliche Normalisierung der US-Geldpolitik ein Risiko für die ungarische Wirtschaft. Der (vorwiegend auf den Staat entfallende) Bestand an Verbindlichkeiten aus Wertpapieranlagen machte trotz des seit 2013 anhaltenden Rückgangs im Jahr 2017 immer noch 40% des BIP aus. Vor diesem Hintergrund würde ein Anstieg des globalen Zinssatzes die (Re-)Finanzierungs- und Schuldendienstkosten erhöhen.

Drittens könnte das kräftige Wachstum der Binnennachfrage in Verbindung mit der voraussichtlichen Abwertung des Ungarischen Forint die Inflation über die von der Ungarischen Zentralbank (MNB) festgelegte Zielvorgabe von 2% bis 4% ansteigen lassen. Positiv ist, dass die Inflation sowohl 2017 als auch im zweiten Quartal 2018 mit 2,4% bzw. 3,1% innerhalb des Zielbereichs der MNB lag.

Und viertens würde die Abwertung der Lokalwährung Unternehmen unter Druck setzen: Ungeachtet des Abwärtstrends der Unternehmensverschuldung würde sich die Tilgung der Verbindlichkeiten verteuern, da diese zu über einem Drittel auf Fremdwährung lauten.

Politisches Umfeld belastet ­ungarische Wirtschaft

Ein Wirtschaftsabschwung kann auch vom internationalen Umfeld ausgelöst werden. Die ungarische Wirtschaft weist eine hohe Offenheit auf und ist mit der europäischen Wertschöpfungskette und insbesondere mit der deutschen Wirtschaft extrem eng verknüpft. Deutschland ist der größte Importeur ungarischer Waren, aber auch der größte Lieferant ungarischer Importgüter (27% aller Ein- und Ausfuhren im Jahr 2017). Danach folgen mit großem Abstand Rumänien und Italien als wichtigste Exportmärkte ungarischer Waren. Die USA und China belegen mit jeweils 2,8% und 2,3% der ungarischen Exporte lediglich Platz 11 und 13. Insgesamt entfallen 80% der gesamten ungarischen Warenausfuhr auf den europäischen Markt.

Wie bei vielen Ländern in der Region sind die wichtigsten Exportbranchen Maschinenbau (elektr. Maschinen 20%, mechanische Maschinen 18% aller Warenexporte),  sowie Fahrzeuge und Fahrzeugteile (17%). Diese Industriezweige sind eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpft, wobei dies auch für die Slowakei, Frankreich und die Tschechische Republik gilt. Auch wenn die Exportbranchen in Ungarn stärker diversifiziert sind als in Tschechien, weisen sie in Branche und geographischer Verteilung eine relativ hohe Konzentration auf. Im Zuge des zunehmenden ­Protektionismus der USA könnte jeder Versuch Donald Trumps, Zölle auf Stahlerzeugnisse (25%) und Aluminiumerzeugnisse (10%) zu verhängen, die ungarische Wirtschaft unter Druck setzen. Insbesondere Strafzölle auf europäische Fahrzeuge würden die deutsche Automobilbranche und damit indirekt die ungarische Indus­trie treffen.

Abschließend sollte auch das politische Risiko nicht außer Acht gelassen werden. Es ist unwahrscheinlich, dass die jüngste Auslösung des Artikel-7-Verfahrens durch das Europäische Parlament (dem zufolge die EU-Staaten beschließen können, einem Mitglied die Stimmrechte zu entziehen) zu unmittelbaren wirtschaftlichen Maßnahmen gegen Ungarn führt. Gleichwohl könnten die zunehmenden Spannungen zwischen beiden Akteuren zur Folge haben, dass die Europäische Union die Ungarn mittelfristig zugewiesenen Mittel (d. h. für den Haushalt 2021–2027) auf den Prüfstand stellt. Außerdem könnten Spannungen zwischen der EU und Ungarn die Wahrnehmung der Investoren beeinflussen und sich damit auf das Volumen der ausländischen Direktinvestitionen im Land auswirken.

Zusammenfassend betrachtet, profitiert Ungarn als offene, exportgetriebene Volkswirtschaft von der starken Nachfrage und der Wirtschaftskraft seiner Handelspartner. Gleichzeitig könnten die Konjunkturschwäche der wichtigsten Partner und/oder zunehmender Handelsprotektionismus die ungarische Wirtschaft negativ beeinflussen. Hiervon wären insbesondere der Maschinenbau sowie die Automobil- und deren Zulieferindustrie betroffen.

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