Die Weltkonjunktur und die Auftragslage der Unternehmen erholen sich seit dem Frühjahr dieses Jahres. Mit den steigenden Umsätzen registrieren die Unternehmen jedoch auch eine Zunahme der Zahlungsverzögerungen bei ihren Kunden. Diese greifen zudem verstärkt auf Lieferantenkredite zurück. Eine Auswertung der aktuellen Zahlungspraxis liegt mit dem jüngst veröffentlichten Zahlungsmoralbarometer des Kreditversicherers Atradius vor.

Von Sylvia Röhrig, Redakteurin ExportManager, F.A.Z.-Institut

In der aktuellen Befragung zum Zahlungsverhalten der Unternehmen weltweit kommt der Kreditversicherer Atra-dius zu einem überraschenden Ergebnis: Trotz der globalen Konjunkturerholung gibt es einen leichten Rückgang bei der Zahlungsmoral. Und die Unternehmen beanspruchen zunehmend Lieferantenkredite. Die Studie liefert die Ergebnisse einer Befragung, die im Zeitraum Juni bis August 2010 bei insgesamt knapp 4.000 Unternehmen in 22 Ländern durchgeführt wurde. Unter ihnen befinden sich 15 westliche Industrieländer, vier bedeutende MOE-Länder sowie Hongkong und die Schwellenländer China und Mexiko.

Mehr als 50% der befragten Unternehmen berichten, dass ihre Kunden ohne vorherige Vereinbarung in Zahlungsverzug geraten. Die Hälfte der befragten Unternehmen wurde von ihren Kunden um Zahlungsaufschub gebeten. Atradius vermutet, dass die Kunden die nachklingende Rezessionsstimmung nutzen, um bessere Zahlungsbedingungen auszuhandeln. Möglich sei aber auch, dass die Kunden tatsächlich immer noch Schwierigkeiten hätten, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die Folge für die befragten Unternehmen ist, dass sie selber Maßnahmen ergreifen müssen, um ihre eigenen Verbindlichkeiten erfüllen zu können.

Die Befragung unterscheidet bei der Untersuchung des Zahlungsverhaltens zwischen Inlands- und Auslandskunden. Inlandskunden begleichen ihre Verbindlichkeiten im Durchschnitt aller untersuchten Länder nach 33 Tagen. Die Zahlungsverzögerung beträgt im Durchschnitt einen Tag weltweit und zwei Tage in Europa. In den einzelnen Ländern gibt es aber große Unterschiede hinsichtlich der gesetzten Zahlungsziele und der tatsächlichen Zahlungsdauer. Deutsche Unternehmen setzen mit durchschnittlich 19 Tagen im internationalen Vergleich die kürzesten Zahlungsziele. Die Rechnungen werden aber durchschnittlich erst nach 24 Tagen beglichen. Der Zahlungsverzug beträgt fünf Tage, womit er sich gegenüber dem Frühjahr um zwei Tage erhöht hat. Größere Zahlungsverzögerungen im Inland verzeichnen auch die Slowakei (13 Tage), die Schweiz (5 Tage), Irland (4 Tage), Österreich (3 Tage) und Ungarn (3 Tage), obwohl in diesen Ländern den Kunden großzügigere Zahlungsziele als in Deutschland eingeräumt werden.

In Tschechien, Polen, China, Mexiko, Kanada, Frankreich und Großbritannien zahlen die Kunden im Durchschnitt einige Tage vor Ablauf des Zahlungsziels. Allerdings liegen in Tschechien (46 Tage), in Kanada (36 Tage) und in Mexiko (35 Tage) die Zahlungsziele über dem Durchschnitt und sind leichter einzuhalten. In Italien werden den Kunden mit durchschnittlich 58 Tagen die höchsten Zahlungsziele gewährt, die dann auch ohne Verzögerungen erfüllt werden.

Ausländische Kunden bezahlen ihre Verbindlichkeiten im Durchschnitt nach 38 Tagen. Die durchschnittliche Zahlungsverzögerung beträgt weltweit null Tage und in Europa einen Tag. Auch hier gibt es Abweichungen zwischen den Ländern hinsichtlich der gesetzten Zahlungsziele und der Zahlungsdauer. In der Tschechischen Republik, in Polen, Mexiko, China, in den USA, in Kanada, Irland, Hongkong, den Niederlanden und Australien werden bei ausländischen Kunden keine Zahlungsverzögerungen registriert. Die Kunden zahlen vor Ablauf der Zahlungsfrist. Elf Länder verzeichnen jedoch Zahlungsverzögerungen im Bereich von einem bis 16 Tagen. Deutschland liegt mit Zahlungsverzögerungen von drei Tagen im Mittelfeld. Die markantesten Zahlungsverzögerungen von ausländischen Kunden treten in Österreich (6 Tage), in Ungarn (7 Tage) und in der Schweiz (16 Tage) auf. Die Befragten aus allen 22 an der Studie teilnehmenden Ländern sehen in deutschen Kunden die besten Zahler. Außerhalb der EU begleichen die Kunden aus den USA am zuverlässigsten ihre Rechnungen. Deutschland hebt sich als das Land mit den niedrigsten durchschnittlichen Tagesaußenständen (27 Tage) ab; Italien verzeichnet mit 83 Tagen die höchsten Außenstände.

Um sich gegen Zahlungsverzögerungen zu schützen, verhalten sich die befragten Unternehmen gegenüber ihren inländischen Kunden anders als gegenüber ihren ausländischen Kunden. Bei inländischen Kunden werden höhere Anzahlungen gefordert und häufiger Mahnungen verschickt. Bei den ausländischen Kunden wird auf die Nutzung des Akkreditivs bei der Krediteinräumung zurückgegriffen. Führen die überfälligen Rechnungen zu Liquiditätsengpässen, bemühen sich 39% der Unternehmen um Maßnahmen zur Korrektur ihres Cashflows. Der Aufschub der eigenen Zahlungen an die Lieferanten (36% der Befragten) steht vor der Suche nach zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten (28%).

In 19 der 22 befragten Länder räumen die Unternehmen eher ihren ausländischen als ihren inländischen Kunden Zahlungsziele ein. In Deutschland, Österreich und der Schweiz werden inländische Kunden bei der Gewährung von Zahlungszielen bevorzugt. In diesen Ländern spielen die Entscheidungskriterien zum Verkauf auf Ziel – Vertrauensverhältnis zum Kunden, Zahlungserfahrung und Bonitätsprüfung – eine wichtige Rolle.

Textkasten: Schlechtere Zahlungsmoral spiegelt erhöhten Finanzierungsbedarf

Dr. Thomas Langen, Chef von Atradius Deutschland, stellte bei der Vorstellung des Zahlungsbarometers im September 2010 fest:. „Die Auftragslage hat sich seit dem Frühjahr 2010 weiter verbessert. Die Umsätze steigen. Und um diese Umsätze finanzieren zu können, nehmen die Unternehmen gerne den Lieferantenkredit bei Geschäftspartnern in Anspruch.“

Mit der wachsenden Inanspruchnahme des Lieferantenkredits wächst die Bedeutung des Forderungsmanagements bei den Firmen. Michael Karrenberg, Leiter Risikomanagement bei Atradius Deutschland: „Wir beobachten, dass Unternehmen sich immer intensiver über die finanzielle und wirtschaftliche Stabilität ihrer Geschäftspartner informieren.“ Die befragten deutschen Unternehmen stützen sich bei der Gewährung von Lieferantenkrediten vor allem auf die Bonitätsprüfung und das Vertrauensverhältnis zum jeweiligen Geschäftspartner. Aus diesem Grund räumen deutsche Unternehmen ihren inländischen Kunden großzügigere Zahlungsziele als den ausländischen ein.

Kontakt: s.roehrig[at]faz-institut.de

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