Mit der deutlichen Belebung der Nachfrage steigt der Liquiditätsbedarf in den Unternehmen, doch die Banken zögern zum Teil noch bei der Kreditvergabe. Kürzere Zahlungsziele für die Kunden bieten in dieser Situation eine gute Alternative, insbesondere weil diese im Aufschwung auf schnelle Zulieferungen angewiesen sind. Eine Auswertung der Zahlungspraxis hat Atradius aktuell als Zahlungsmoralbarometer veröffentlicht.

Von Gunther Schilling, Redaktionsleiter ExportManager, F.A.Z.-Institut

In seiner aktuellen Befragung zum Zahlungsverhalten in Europa kommt der Kreditversicherer Atradius zu ermutigenden Ergebnissen. Die Verkürzung der Zahlungsziele hat in fast allen untersuchten Ländern auch zu einem schnelleren Zahlungseingang geführt. Der Studie liegen Befragungsergebnisse von mehr als 1.500 zumeist kleinen und mittelstän­dischen Exportunternehmen in Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden und Schweden zugrunde.

Die kürzesten Zahlungsziele werden von Unternehmen in Deutschland gesetzt. 65% der Unternehmen wollen bereits in weniger als 30 Tagen bezahlt werden. Weitere 33% gewähren Fristen bis 59 Tage, und nur 2% gehen darüber hinaus. Im Schnitt beträgt das Zahlungsziel 19 Tage. Dänemark folgt mit einigem Abstand, dort sind es 26 Tage. Relativ ähnlich sind die Zahlungsziele in Großbritannien (29 Tage), den Niederlanden (30), Schweden (30), Belgien (31) und Frankreich (33).

Deutlich großzügiger sind die Unternehmen in Italien, wo im Durchschnitt 60 Tage gewährt werden. Dort räumen 66% der Unternehmen Zahlungsziele von 60 Tagen und mehr ein, nur bei 22% liegen die Fristen zwischen 30 und 59 Tagen. Für 12% der Unternehmen werden Fristen von weniger als 30 Tagen gewählt. Allerdings hat sich in Italien, wie auch in den meisten anderen Ländern, die Zahlungsfrist im Vergleich zu früheren Umfragen deutlich verkürzt.

Eine Differenzierung der Zahlungsziele nach unterschiedlichen Absatzländern und -branchen nahmen nur 35% der deutschen Unternehmen vor. Im Schnitt wurden im Ausland Rechnungen deutscher Unternehmen innerhalb von 25 Tagen beglichen, und das Zahlungsverhalten der ausländischen Abnehmer wurde mit „gut“ bewertet. Während im Inland etwa drei Tage später gezahlt wurde, waren es im Ausland sechs Tage.

Beim Zahlungseingang aus dem Ausland lagen die Werte nach den Erfahrungen der befragten europäischen Unternehmen jedoch weit auseinander. Kunden aus Griechenland und Portugal zahlten im Durchschnitt erst nach 57 Tagen, es folgten Afrika mit 51 Tagen und Südamerika mit 43 Tagen. Italien, Russland, Frankreich und Großbritannien lagen mit rund 40 Tagen eng beisammen. Etwas schneller zahlten Kunden aus Irland (37 Tage), ­Finnland (36), Belgien, Spanien und den Niederlanden (jeweils 35). Deutschland, Asien-Pazifik und Nordamerika kamen auf 34 Tage. Eine kurzfristigere Zahlung registrierten die befragten Unternehmen aus Luxemburg (32), Dänemark (32), Polen (31), Österreich (31), Norwegen (29), der Schweiz (28) und Schweden (26).

Bei der Häufigkeit von Zahlungsausfällen führte Irland die Statistik an, auf einer Skala von 1 (nie) bis 5 (sehr häufig) bewerteten die Unternehmen das Land mit 2,3. Afrika und Griechenland kamen auf 2,2. Etwas besser, mit 2,1, wurden Österreich, Italien, Portugal, Russland und Südamerika eingeschätzt. Mit der Note 2 wird ein sehr unregelmäßiger Zahlungsausfall angezeigt, eine bessere Bewertung weist auf ein sehr geringes Risiko hin.

Asien-Pazifik lag mit 2,0 auf dieser Grenze, gefolgt von Frankreich, Nordamerika und Spanien mit 1,9. Eine Bewertung von 1,8 erreichten Belgien, Dänemark, Deutschland und Polen. Finnland, Großbritannien, die Niederlande und die Schweiz wurden mit 1,7 eingestuft, Luxemburg und Schweden mit 1,6. Am günstigsten war die Bewertung Norwegens, das 1,4 erreichte.

Der Vergleich mit früheren Befragungsergebnissen zeigte zumeist eine deutliche Verbesserung der Zahlungsmoral und geringere Zahlungsausfälle. Beide Indikatoren laufen in den verschiedenen Ländern nicht notwendig parallel. Auch darin kommt zum Ausdruck, dass jeweils eine individuelle Betrachtung des Kunden notwendig ist.

Textkasten: Gute Zahlungsmoral senkt Finanzierungsbedarf

Bei der Vorstellung des aktuellen Zahlungsmoralbarometers konstatierte Michael Karrenberg, Leiter Risikomanagement bei Atradius Deutschland: „Im Zuge der Wirtschaftskrise haben viele Unternehmen ihre Zahlungsziele verkürzt, um ihre Liquidität zu sichern. Zunächst konnten sie sich am Markt damit nicht durchsetzen, jetzt aber scheinen die Maßnahmen zu greifen.“

Wie wichtig schnelle Zahlungseingänge für die Liquidität sind, macht Karrenberg an einem Beispiel deutlich: „Werden die Forderungen eines größeren mittelständischen Unternehmens durchschnittlich auch nur einen Tag schneller beglichen, reduziert sich der Finanzierungs­bedarf für dieses Unternehmen bereits um mindestens 1 Mio Euro pro Jahr. Die Verkürzung der Zahlungsdauer bedeutet für die Unternehmen also ein beträchtliches Liquiditätspolster.“

Trotz besserer Zahlungsmoral ist es für eine Entwarnung laut Atradius jedoch noch zu früh. Der Finanzierungsbedarf werde sich im Zuge steigender Umsätze im Aufschwung wieder erhöhen. Gleichzeitig würden die Jahresabschlüsse 2009 bei den meisten Unternehmen ­aufgrund der Krise schlechter ausfallen. „Kreditgeber und -versicherer dürfen Unternehmen daher nicht nur auf Basis der Bilanzen 2009 bewerten, sondern müssen die Zukunftsper­spektiven wie zum Beispiel die voraussichtliche Umsatzentwicklung jedes einzelnen Unternehmens in ihre Kreditentscheidungen miteinbeziehen“, so Atradius-Deutschland-Chef Dr. Thomas Langen.

Kontakt: g.schilling[at]faz-institut.de

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