Die Zahl der Corona-Neuinfektionen ist in Indien in den vergangenen Wochen sprunghaft angestiegen und übertraf sogar die Höchststände aus dem vergangenen September. Die regionalen Regierungen haben unkoordiniert reagiert und die unterschiedlichsten Beschränkungen erlassen. So wurde die Konjunkturerholung der vergangenen Monate abrupt gestoppt. Die aktuelle Situation birgt hohe finanzielle wie auch fiskalpolitische Risiken.

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Indien steckt mitten in der zweiten Corona-Welle. Anfang Mai wurden täglich bis zu 410.000 Neuinfektionen und teilweise mehr als 4.100 Todesfälle registriert. Dies stellt alle Fallzahlen in den Schatten, die Indien bis dato gesehen hat. Ausgelöst wurde die neue Welle durch die Virusmutante B.1.617. Dabei war Indien eigentlich auf einem guten Weg: Nach einem langsamen Start steigerte die Regierung das Impftempo allmählich. Aufgrund höherer Inzidenzwerte setzte die Regierung Mitte März 2021 Impfstoffexporte zunächst bis mindestens Juni aus, um den inländischen Bedarf zu decken.

Herdenimmunität erst Ende 2022

Bis Ende April wurden rund 150 Millionen Dosen verabreicht, wobei über 25 Millionen Einwohner vollständig geimpft waren. Damit steht Indien weltweit auf Platz zwei der Länder mit den meisten geimpften Einwohnern. Seit Mai sind Impfungen sogar für alle Personen ab 18 Jahren verfügbar. Jedoch ist Indien mit knapp 1,4 Milliarden Bürgern auch das Land mit der zweithöchsten Einwohnerzahl. Daher waren bei den guten nominalen Impffortschritten Ende April lediglich 1,9% der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft (im Gegensatz zu den USA mit fast 30% vollständig geimpften Personen). Das aktuelle Impftempo deutet darauf hin, dass mit einer Herdenimmunität (ca. 70% der Bevölkerung) frühestens im vierten Quartal 2022 zu rechnen ist, was anhaltende Corona-Maßnahmen wie z.B. regionale Lockdowns und Mobilitätsbeschränkungen bis mindestens Ende 2021 mit sich bringen dürfte.

Erneuter Exodus indischer Wanderarbeiter

Im Angesicht der zweiten Infektionswelle hat die indische Regierung eine landesweite Abriegelung wegen der hohen wirtschaftlichen Kosten zwar ausgeschlossen. Dennoch haben wichtige Bundesstaaten wie Maharashtra oder die Hauptstadt Neu-Delhi strengere Regeln (Lockdowns am Wochenende, nächtliche Ausgangssperren, nicht lebensnotwendige Geschäfte bleiben geschlossen) erlassen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Diese Maßnahmen lösten eine erneute Massenbewegung von Wanderarbeitern aus, die ohne Aussicht auf Beschäftigung aus den großen Zentren in ihre Heimatdörfer zurückkehrten – und mit ihnen möglicherweise auch das Virus.

Gebremste Erholungsdynamik

Die strengeren Corona-Regeln dürften den inländischen Konsum und die Produktionstätigkeit dämpfen und die erwartete Konjunkturerholung um mindestens ein Quartal verzögern. Dies deutet sich bereits in den jüngsten Konjunkturindikatoren für März an, als die zweite Infektionswelle begann.

Während sich noch im ersten Quartal die Bedingungen im verarbeitenden Gewerbe verbessert hatten, rutschte der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe, ein Frühindikator für die Entwicklung der Industrie in den kommenden Monaten, im März bereits von 57,5 Punkten auf 55,4 Punkte ab (ab 50 signalisiert der Indikator Wachstum) und signalisierte damit einen Verlust der Wachstumsdynamik – wobei sich dieser Trend inmitten der zweiten Infektionswelle noch verstärken dürfte. Der Einkaufsmanagerindex für das Dienstleistungsgewerbe deutete im März ebenfalls auf eine Abschwächung der Geschäftsaktivitäten hin. Die Umsätze im Einzelhandel zeigten im Februar eine stetige Verbesserung, doch auch hier dürften Mobilitätseinschränkungen den inländischen Konsum (60% des BIP) in den kommenden Monaten behindern.

Die BIP-Prognose von Coface für das aktuelle Fiskaljahr (April 2021 bis März 2022) liegt nach wie vor bei 8,0%, da sie – verglichen mit den optimistischeren 12,5% des IWF – die Möglichkeit eines erneuten Virusausbruchs in der ersten Jahreshälfte bereits frühzeitig einkalkuliert hatte.

Kreditrisiken steigen

Aufgrund der anhaltenden Pandemie und des Auslaufens einiger Nothilfemaßnahmen erwarten wir höhere Risiken im Finanzmarkt. Besonders kleine Unternehmen sind anfällig, da u.a. ein landesweites Kreditmoratorium (d.h. die Stundungsmöglichkeit für Kredit) Ende März 2021 ausgelaufen ist. Das Wegfallen dieser Maßnahmen wiederum erhöht den Druck auf die Bilanzen der Banken. Das gilt vor allem für staatliche Banken, die möglicherweise nicht so große Kapitalrücklagen haben wie private Banken. Fitch schätzt die Kernkapitalquote staatlicher Banken auf 10% – im Vergleich zu 16% bei privaten Banken (indische Banken halten aufgrund erhöhter Risiken höhere Kapitalreserven als üblich).

Die Reserve Bank of India (RBI) warnte in ihrem Finanzstabilitätsbericht im Januar, dass vier Banken bis September die Mindestkapitalanforderungen nicht mehr erreichen würden. Darüber hinaus erwartet die RBI, dass sich die Quote der notleidenden Kredite (Non-performing Loans) bis September 2021 von 7,5% auf 14,8% verdoppelt, wenn sich die Geschäftslage verschlechtern sollte. In einer solchen Situation wäre nicht auszuschließen, dass die Regierung nach 2018 erneut eingreifen könnte, um die Bilanzen staatlicher Banken zu konsolidieren.

Politischer Handlungsspielraum begrenzt

Aus geldpolitischer Sicht ist die RBI durch die steigende Inflation (Kerninflation 5,5% zum Vorjahr im März) eingeschränkt, da bei einem Inflationsziel von 4% weitere Zinssenkungen nicht möglich sind. Sie würden die Inflation weiter verschärfen. Die RBI hat mit ihren Zinssenkungen bei einem Leitzins von 4,0% im Mai 2020 haltgemacht.

An der Fiskalfront versucht die Regierung wiederum, ein Gleichgewicht zwischen der Verringerung des Haushaltsdefizits und der Verbesserung der langfristigen Wachstumsaussichten herzustellen – wobei sich der jüngste Haushalt auf Infrastruktur- und Gesundheitsausgaben konzentriert, die die Inlandsnachfrage unterstützen sollten. Das Haushaltsdefizit soll im Finanzjahr 2021/22 bei 6,8% liegen, nach einem Rekordwert von 9,5% im vorherigen Haushaltsjahr. Selbst wenn der Staat keine Mehrausgaben macht, wird die jüngste Eskalation der Pandemie weiteren Druck auf die fiskalische Position der Regierung ausüben, sollte die Wirtschaft wieder schrumpfen und damit parallel die Steuereinnahmen zurückgehen.

Verbot von Impfstoffexporten

Die zweite Infektionswelle im eigenen Land könnte Indien auch dazu veranlassen, das Verbot von Impfstoffexporten über den Juni hinaus zu verlängern. Das würde sich vor allem auf die Impffortschritte in anderen Schwellenländern auswirken. Allein das Serum Institute of India (SII) sollte 1,1 Milliarden Dosen der von AstraZeneca und Novavax entwickelten Impfstoffe liefern. Das vorübergehende Exportverbot würde somit die Impfkampagnen in fast 70 Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika verlangsamen, die auf indische Impfstoffexporte angewiesen sind.

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evelyne.banh@coface.com

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