Während die Welt noch mit den Folgen der Covid-19-Pandemie zu kämpfen hat und zusätzlich auch noch mit einer veritablen Energie- und Preiskrise konfrontiert ist, ist die Klimakatastrophe eklatanter denn je. Über welche Kanäle sie die Lebensgrundlage vieler Menschen rund um den Globus angreift.

Die über der weltweiten Landfläche gemessene bodennahe Lufttemperatur lag im Jahr 2020 um durchschnittlich 1,7 Grad Celsius über dem Mittelwert der Klimanormalperiode 1951–1980. Das war ein neuer Rekord. Der Klimawandel trifft zahlreiche Länder, insb. solche mit geringem Einkommen und niedriger Widerstandsfähigkeit, durch immer stärkere Auswirkungen auf ihre Umwelt und Bevölkerung. Seine Beschleunigung, die von einem unaufhaltsamen Anstieg der Treibhausgasemissionen verschärft wird, bedeutet, dass auch die Schwere und Häufigkeit der Folgen des Klimawandels zunehmen und damit die mittel- bis langfristigen Aussichten aller Länder eintrüben.

Es gibt verschiedenste Formen von Klimarisiken. Die physischen Risiken sind am verheerendsten und bestehen aus extremeren sowie häufiger auftretenden Naturkatastrophen, dem Ansteigen des Meeresspiegels und höheren Durchschnittstemperaturen, die sämtliche Aspekte der natürlichen Ökosysteme und des menschlichen Zusammenlebens beeinflussen, etwa die Wasserversorgung, die Agrarproduktion, die Ernährungssicherheit, die Wirtschaftstätigkeit, die ökonomische Existenzgrundlage der Menschen, die Fischerei (vorrangig durch die Versauerung der Meere) und die Artenvielfalt. Während Klimarisiken momentan vorwiegend in Form von schweren Dürren, Überschwemmungen, Wasserknappheit, Hitzewellen, Waldbränden, Hurrikans und Taifunen in Erscheinung treten, gibt auch die rapide Abnahme der Artenvielfalt Anlass zu großer Sorge, da sie in Ökosystemen und damit für die Menschheit von zentraler, systemischer Bedeutung ist.

Darüber hinaus hat die wissenschaftliche Forschung im Rahmen von Covid-19 auf das hohe Risiko hingewiesen, dass der Klimawandel das Auftreten und die Ausbreitung neuer Pandemien in Zukunft begünstigen wird. Dies könnte indirekt erfolgen – durch extreme Naturkatastrophen, Schäden an Ökosystemen und Migration sowie durch einige Ursachen des Klimawandels wie z.B. Entwaldung, was Menschen und Wildtiere immer enger zusammenbringt.

Credendo erwartet, dass der Klimawandel langfristig in einem immer enger werdenden Zeitrahmen erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Länderrisiken haben wird. Extreme Naturkatastrophen gefährden die kleinen Inseln in der Karibik und im Pazifik, Dürren bedrohen viele Regionen. Die Folgen sind eine beeinträchtigte Inlandsproduktion sowie geringere Rohstoff- und Lebensmittelexporte, schwächere öffentliche Finanzen (geringere Staatseinnahmen und höhere Ausgaben zur Finanzierung von Anpassungskosten und durch Naturkatastrophen bedingte Schäden) und steigende Auslandsverschuldung.

Klimawandel und politische Gewalt

Aber auch nichtökonomische Aspekte beeinflussen die mittel- und langfristigen Länderrisiken. Das Risiko politischer Gewalt wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter die Verfügbarkeit von Waffen, ethnische und religiöse Spannungen, Ungleichheit bei der Vermögensverteilung, institutionelle Widerstandsfähigkeit und ein hohes Maß an Misstrauen gegenüber den Behörden. Der Klimawandel hat zunehmend Einfluss auf viele dieser Faktoren. Extreme Wetterereignisse können die wirtschaftliche Existenzgrundlage untergraben (z.B. Zerstörung von Ernten, Maschinen und Häusern, Qualitätsverlust von Weideflächen) sowie Armut und das Wohlstandsgefälle zwischen den Gruppen, die von den extremen Wetterereignissen betroffen sind, und denen, die es nicht sind, verstärken.

Wüstenbildung wird auch regelmäßig mit zunehmender politischer Gewalt in Verbindung gebracht, z.B. in der afrikanischen Sahelzone. In Mali ist es in den letzten Jahrzehnten häufiger zu Dürreperioden gekommen, die das Land mit seinen schwachen politischen Institutionen und religiösen und ethnischen Spannungen stärker belasteten.

Credendo prognostiziert die stärksten Auswirkungen in Ländern mit niedrigem Einkommen, in denen Nahrungsmittel immer noch einen großen Teil des Einkommens der Bevölkerung ausmachen, aber auch in Ländern mit mittlerem Einkommen, v.a. aufgrund der Einkommens-ungleichheit. Zunehmende Inflation kann ebenfalls zu politischen Unruhen führen und durch den Klimawandel befördert werden. So haben bspw. große Dürren in Süd- und Nordamerika im Jahr 2021 zu stark steigenden Zucker-, Weizen- und Haferpreisen geführt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren höhere Lebensmittelpreise eindeutig mit Unruhen verbunden, wie die großen Lebensmittelproteste in Subsahara-Afrika (z.B. Lebensmittelunruhen in einem Dutzend Ländern in den Jahren 2007/08), in Lateinamerika (Tortilla-Proteste 2007 in Mexiko) und im Nahen Osten zeigen.

In vielen einkommensschwachen Ländern mit überwiegend armer Bevölkerung haben soziale Proteste den Druck auf die Regierungen erhöht, manchmal zu politischen Veränderungen geführt und sogar in gewissem Maße – zusammen mit anderen Faktoren – zivile Konflikte geschürt (z.B. im Arabischen Frühling). Geringere Ernteerträge und höhere Preise könnten in weniger widerstandsfähigen, von Nahrungsmittelimporten abhängigen Ländern zu Ernährungsunsicherheit führen und politische Gewalt auslösen.

Klimawandel führt zu knapperem Wasser

Künftig erwartet Credendo verstärkte klimabedingte soziale Risiken, die durch Ernährungsunsicherheit und Inflation angeheizt werden, nicht nur in Afrika und dem Nahen Osten, sondern auch in Lateinamerika, wo die bedrohte Landwirtschaft eine wichtige Einkommensquelle darstellt und die Einkommensungleichheit sehr ausgeprägt ist.

Zudem wird der Klimawandel auch zu einer Verknappung von Ressourcen wie Wasser führen. Fast zwei Drittel der Weltbevölkerung leiden schon jetzt unter einem Mangel an Frischwasser. Klimasicherheitsrisiken sind bereits in mehreren Ländern und Regionen zu beobachten, v.a. in Subsahara-Afrika (z.B. Terrorismus in der Sahelzone, Gewalt zwischen Landwirten und Hirten in Nigeria, ethnische Konflikte in Kenia) und im Nahen Osten. Sie manifestieren sich in diesen Regionen aufgrund der armen Bevölkerung, der abnehmenden Bodenfruchtbarkeit und der zunehmenden Wasserknappheit.

Die Geschichte hat schon oft gezeigt, dass der Rückgang der Wasserversorgung der wichtigste Faktor für künftige Konflikte innerhalb eines Landes und zwischen Ländern ist. Die Region des Nahen Ostens (z.B. Irak, Syrien, Jordanien) ist ein Beispiel für ein solches Risiko, da die Wasserversorgung instabiler wird und in vielen Gebieten sogar so weit zurückgehen könnte, dass menschliches Überleben nicht mehr möglich ist. Weitere bekannte Beispiele für Konfliktrisiken sind der anhaltende Streit zwischen Ägypten, dem Sudan und Äthiopien über die Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre, der Anspruch Chinas auf die Gewässer Tibets (was bedeuten würde, dass China die Oberhoheit über die meisten der größten Flüsse Südasiens hätte) und die türkischen Dämme an Tigris und Euphrat, die zu Spannungen mit dem Irak und Syrien führen.

Meeresspiegel und Migration

Das Risiko von Konflikten und sozialer Instabilität wird auch durch Migrationsströme von historischem Ausmaß verstärkt, die durch den Klimawandel ausgelöst werden. Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht mittelfristig das Leben der Menschen auf den Atollinseln im Pazifik. Außerdem hat die Forschung gezeigt, dass die Menschen seit über tausend Jahren in einer engen Temperaturspanne (11 bis 15 Grad Celsius) leben. Die globale Erwärmung führt daher dazu, dass immer mehr Land und Gebiete für den Menschen fast oder ganz unbewohnbar werden. Daher prognostiziert die Weltbank, dass bis 2050 mindestens 200 Millionen Flüchtlinge zur Migration gezwungen sein werden. Diese massenhaften Bevölkerungsbewegungen werden die Gesellschaften stark belasten und zu enormen sozialen und politischen Spannungen innerhalb der Gesellschaften führen.

Konflikte zwischen Gastgebern und Neuankömmlingen können v.a. dann ausbrechen, wenn die Ressourcen in der Gastregion oder im Gastland knapp sind. Migration in einem Kontext, in dem bereits viele potenzielle Konfliktfaktoren (z.B. hohe Armut, schwache Institutionen) im Aufnahmeland oder in der Region vorhanden sind, kann insb. als Auslöser für politische Gewalt dienen. Am Beispiel Syriens ist dies sehr gut zu beobachten. Zwischen 2006 und 2010 verwandelte eine Dürre fast 60% des Landes in eine Wüste und führte 2009 zum Tod von bis zu 80% des Viehs. Eine Massenabwanderung von Landwirten in die Städte in Verbindung mit der Unfähigkeit der Institutionen, die Migrationsströme zu bewältigen, und bestehenden ethnischen Spannungen waren der Auslöser für den Bürgerkrieg.

Heftiger geopolitischer Wettbewerb

In Anbetracht des allmählichen Erstarkens der extremen Rechten, der Zunahme von Autokratien und des Populismus in Europa werden die politischen und sozialen Spannungen zunehmen. Credendo prognostiziert, dass klimabedingte Konfliktrisiken auch in Form von geopolitischen Risiken auftreten werden zwischen den Supermächten und mit oder zwischen aufstrebenden Mächten. Was die Energiewende betrifft, so wird der geopolitische Wettbewerb in Zukunft sicherlich heftig sein (z.B. in der Arktis), wahrscheinlich die globale Ordnung neu gestalten und die Volkswirtschaften begünstigen, die wertvolle Rohstoffe produzieren und exportieren.

Aufgrund der Belastung, die er – zusammen mit der demografischen Belastung – für die Ressourcenknappheit mit sich bringen wird, hat der Klimawandel bereits einen Wettlauf um lebenswichtige natürliche Ressourcen wie Fisch und Anbauflächen für Getreide, Reis usw. ausgelöst. China hat sich in diesem Wettlauf um Ernährungssicherheit weit vorn positioniert und auch Russland sowie aufstrebende Mächte wie Indien, die Türkei und Saudi-Arabien sind schon aktiv geworden, v.a. in Afrika.

Es ist bei der Bewertung von Klimarisiken wichtig zu bedenken, dass der Klimawandel alle Länder der Welt betreffen wird – aufgrund geografischer Faktoren und (was ebenso wichtig ist) aufgrund wirtschaftlicher, politischer, sozialer und ethnischer Aspekte, aber ungleichmäßig und auf unterschiedliche Weise. Die Widerstandsfähigkeit von Entwicklungsländern gegenüber Klimakatastrophen ist strukturell eingeschränkt. Auf regionaler Ebene werden Afrika, gefolgt von Asien, dem Nahen Osten und Mittelamerika von uns als die Regionen eingestuft, die am anfälligsten für Klimakatastrophen sind.

k.koch@credendo.com

f.simon@credendo.com

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